Fussball

Ex-Sturm-Kicker Christian Gratzei im Interview: "In Graz wird dir verkauft, dass alles Neue gut ist und alles Altbewährte schlecht"

Von Christian Albrecht
Der Wolfsberger AC ist für Christian Gratzei die erste Tormanntrainer-Station.
© GEPA

Seit dieser Saison ist Christian Gratzei Tormanntrainer des WAC. Im Interview mit SPOX Österreich erzählt die langjährige Nummer eins des SK Sturm, warum ihm der neue Job bei den Kärntnern leicht fällt, über "nicht so rosige Zeiten" in Graz und sein Verhältnis zu Franco Foda, der es ihm nicht immer leicht gemacht hat.

Zudem spricht der 38-Jährige über seine Rolle bei der Bestellung von Cheftrainer Ferdinand Feldhofer, weshalb er damals den Abgang des "super Bursch" Romano Schmid aus Graz nicht nachvollziehen konnte und warum er gegenüber Gerhard Struber keinen Groll hegt.

Herr Gratzei, im Sommer 2018 haben Sie Ihre aktive Karriere nach über 15 Jahren beim SK Sturm Graz beendet. Wie haben Sie die Zeit unmittelbar danach durchlebt?

Christian Gratzei: So einen Abschied habe ich mir natürlich immer erträumt. Was für mein Karriereende auf die Beine gestellt wurde, war etwas total Beeindruckendes und auch irgendwie eine Bestätigung für das, was ich über all die Jahre geleistet habe. Ich durfte wunderschöne Erinnerungen sammeln und es war ein schöner Start für die Karriere danach.

Sie wurden von den Grazern im Anschluss als Fanbeauftragter eingestellt. Welche Aufgabengebiete hatten Sie in dieser Funktion inne?

Gratzei: Ich war zuständig für alle Anliegen der Fans und deren Umsetzung im Verein. Ich bin für diese Erfahrung sehr dankbar, da ich einen Einblick hinter die Kulissen einer Fußballmannschaft bekommen habe. Es war ein interessantes Gebiet, aber dieses Jahr nach meiner Karriere zeigte mir deutlich, was ich möchte und wo meine Stärken liegen. Ich merkte, dass mir gewisse Dinge einfach fehlen.

Seit dieser Saison stehen Sie nun beim WAC als Tormanntrainer unter Vertrag - bot Ihnen der SK Sturm in dieser Hinsicht keine Perspektiven?

Gratzei: Man muss zuallererst klar festhalten, dass der SK Sturm einen sehr guten Tormanntrainer (Anm. d. Red.: Stefan Loch) hat. Natürlich waren wir bei Sturm auch für andere Bereiche in Gesprächen, da ich auch frühzeitig kundtat, dass ich mir die Arbeit als Fanbeauftragter nicht mehr vorstellen kann. Wir sprachen über verschiedene Aufgabenbereiche, schlussendlich gab es aber kein klares Signal von Vereinsseite. In der Zwischenzeit kam dann das Angebot vom WAC. Es reichte ein gutes Gespräch mit Gerhard Struber und mir war klar, dass ich diesen Schritt auf die andere Seite der Outlinie wagen will. Ich will mich ständig weiterentwickeln.

Gratzei: Meister mit Sturm? "Plötzlich war der ganze Kader weg"

Sie haben bei Ihrem Stammverein die gesamte Palette miterlebt, den Konkurs überstanden, kurz darauf völlig überraschend zwei Titel gefeiert und sich 2018 mit dem Cupsieg in den Ruhestand verabschiedet. Wie surreal war diese Entwicklung?

Gratzei: Ich kam in einer Zeit zu Sturm, in der die goldene Champions-League-Ära gerade am Auslaufen war. Als man versuchte, da nahtlos fortzusetzen, ist man in den Konkurs geschlittert. Der Verein setzte dann vermehrt auf junge Spieler und man konnte sehen, dass diese durchwegs bereit waren. Anfangs war es ein holpriger Start, aber wir bekamen das dann gut in den Griff. Franco Foda baute das Team gut auf und innerhalb von vier bis fünf Jahren konnten wir zwei Titel holen. Es war eine schöne sowie erfolgreiche Zeit. Danach ging es wieder bergab, weil der Verein viele Änderungen vorgenommen hatte. Ich hatte das Glück, mich mit einem Cuptitel verabschieden zu können und so meine Geschichte beim SK Sturm zu schreiben.

Was waren das damals für Veränderungen, die der Verein im Nachhinein so hätte nicht vornehmen sollen?

Gratzei: Nachher ist man immer gescheiter. Der Schnitt nach der Meistersaison 2010/11 war jedoch auf alle Fälle zu groß. Immerhin bewiesen die Jahre zuvor auch, dass Kontinuität den Erfolg bringt. Plötzlich war innerhalb von zwei Jahren fast der gesamte Kader der Meistersaison weg (Anm. d. Red: Zur Saison 2012/13 standen mit Christian Gratzei, Ferdinand Feldhofer, Martin Ehrenreich, Andreas Hölzl, Florian Kainz, Manuel Weber und Imre Szabics sieben Spieler der Saison 2010/11 im Kader des SK Sturm). Auch auf den wichtigen Positionen im Klub war die Zeit nach dem Titel eine durchwegs turbulente Zeit, das beruhigte sich erst wieder mit der Rückkehr von Franco Foda.

Wäre dieser Cut vermeidbar gewesen?

Gratzei: Finanziell hatte ich damals keinen Einblick. Rein sportlich hätte man versuchen müssen, den Cut noch hinauszuzögern, Jahr für Jahr gewisse Positionen tauschen. Joachim Standfest legte man beispielsweise bereits damals schon nahe, Jugendtrainer bei Sturm zu werden. Schlussendlich kickte er dann noch für Kapfenberg und den WAC. Seine Karriere beendete er erst 2017.

Sturms Stärke? "Symbiose von Mannschaft und Fans"

Wie schwierig war es teilweise, mit dem oftmals sehr sprunghaften Grazer Publikum gewisse Phasen zu überstehen? Wie sehr haben Sie Stimmen von außen in Ihrer Karriere beeinflusst?

Gratzei: Anfangs natürlich sehr, da ich noch nicht so gefestigt war, wie man es bei einem Verein wie Sturm sein sollte. In Graz wird dir verkauft, dass alles Neue gut ist und alles Altbewährte schlecht. Mit der Zeit lernte ich, damit umzugehen und mich dadurch nicht beeinflussen zu lassen. Die Zeit zeigt jedoch, was Sturm immer stark gemacht hat - und Sturm war immer am besten, wenn die Symbiose von Mannschaft und Fans gestimmt hat.

Von welchen Konkurrenten im Kampf um das Einserleiberl bei Sturm konnten Sie am meisten mitnehmen?

Gratzei: Eine ganz besondere Verbindung habe ich zu "Bruno" Esser, er ist ein sehr guter Torwart und wir reden noch immer regelmäßig. Von Grzegorz Szamotulski konnte ich mitnehmen, dass man durchaus auch verrückt sein und ausgefallene Sachen machen darf. Von "Pepi" Schicklgruber durfte ich lernen, wie man ein Spiel liest - da war er herausragend. Man kann sich jedoch nicht verbiegen, sondern nur versuchen, Sachen anzunehmen und sich selbst seinen Weg zu bahnen.

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