Tennis

Roger Federer - Der Maestro, die Magie des ersten Spiels und Punkt Nummer 20.855

Sonntag, 01.07.2018 | 11:06 Uhr
Roger Federer strebt Titel Nummer neun an
© Jürgen Hasenkopf

Roger Federer wird als Titelverteidiger traditionell am Montag den Centre Court in Wimbledon eröffnen. Für den Schweizer geht es um seinen neunten Titel an der Church Road.

Wenn Roger Federer am Montagnachmittag um 13 Uhr Ortszeit hinein schreitet ins Theater der Tennisträume, hat Wimbledon schon längst begonnen. Auf den Außenplätzen könnten einige Matches bereits entschieden sein, beim Rasentennis gibt es schließlich keine stundenlangen Geduldsübungen, so wie zuletzt noch bei den French Open in Paris. Aber so richtig eröffnet ist das berühmteste Grand Slam-Turnier der Welt erst dann, wenn auch auf dem heiligen Rasen des Centre Court der Ball fliegt.

Es ist ein einzigartiges Privileg im weltweiten Wanderzirkus, das Vorrecht des Titelverteidigers, auf dem Tennis-Grün das erste Match zu bestreiten. "Das ist immer wieder ein Wahnsinnsgefühl, hier im Auftaktspiel zu stehen. Auf dem Centre Court, auf dem ich meine schönsten Momente als Spieler erlebt habe", sagt Federer, der 2018 zum Rendezvous mit dem Serben Dusan Lajovic verabredet ist, "es ist ein geradezu erhabenes Gefühl. Betrittst du den Rasen, schlägt dein Herz schneller, der Puls geht hoch. Dieses Kribbeln geht nie weg."

"Wimbledon ist das definierende Turnier"

Achtmal hat sich Federer diese außergewöhnliche Vergünstigung erkämpft, 2003 zum ersten Mal, in einem Moment, da seine junge Karriere ihre erste große Krise erlebte. Und 2017 zum letzten Mal, 14 Jahre später, nun als vierfacher Familienvater - und als Comeback-Phänomen, als Mann, der in den ersten sieben Monaten der Spielserie praktisch jedes große Turnier gewann, das er bestritt.

Aber Wimbledon war unter den vielen großen, außergewöhnlichen Siegen der verrückten Saison 2017 wie immer noch ein Stückchen größer für Federer. Denn wenn eine Saison beginnt für den Maestro, dann steht auch nach all den Jahren auf der Tour immer noch ein Leitsatz wie in Stein gemeißelt fest: Gewinnt er Wimbledon, in seiner Lieblingsrolle als eleganter Rasenflüsterer, dann ist es eine gute Saison. Scheitert er, ist der verpatzte Sprung auf den Thron nur schwer mit anderen Triumphen und Trophäen aufzuwiegen. "Wimbledon ist nun mal das definierende Turnier für mich", sagt Federer.

Kein Gefühl für den Ballabsprung

Wimbledon ist anders, es hat seine eigenen Gesetze und Regeln. Jeder kennt das, jeder weiß, wie sehr sie auf die ehernen Traditionen im All England Lawn Tennis Club achten. Die vorwiegend weiße Kleidung, der Verzicht auf Werbung, die Royal Box. Und eben auch der bis zum Montagnachmittag, Schlag 13 Uhr, völlig unberührte Centre Court. Bei den French Open, bei den US Open und auch bei den Australian Open spielen sich alle, die Stars und die Sternchen, auch auf dem Hauptplatz warm, sie bekommen ein Gefühl für die Schnelligkeit, für den Ballabsprung.

Aber in Wimbledon, wo der Centre Court sich erfahrungsgemäß völlig anders spielt als die meisten Plätze um ihn herum, wissen erst die Protagonisten des Premierenduells, woran sie sind mit dem Rasen. Schneller, langsamer, stumpfer? Die Frage stellt sich auch, weil das Tempo in den letzten Jahren immer wieder verändert worden ist: Wimbledon wurde, kurz gesagt, langsamer. Während beispielsweise die Sandplätze in Paris immer schneller wurden.

Federer beginnt gegen Lajovic

Federer, der Routinier der Wimbledon-Eröffnungen, weiß seit der Installierung eines mobilen Centre Court-Daches inzwischen auch, dass sich an der obligatorischen Startzeit um 13 Uhr auch nichts mehr verändert. Die nervtötenden Wartestunden im Regen kennt der Schweizer inzwischen gar nicht mehr, er spielt praktisch immer auf dem Hauptplatz, auch weil es die internationalen Fernsehanstalten so wollen. Federer bedeutet Quote, Federer bedeutet Gegenwert für investiertes Geld.

Der erste Punkt, den Federer im Match gegen Lajovic spielen wird, ist zugleich sein 20.855 Punkt - seit er 1999 zum ersten Mal als Professional die Tennis-Kathedrale im Südwesten Londons betrat. 20 Jahre hintereinander spielt er hier nun, er hat bisher 3032 eigene Gewinnschläge vom Racket gezaubert, 1285 Asse geschlagen und 102 Partien bestritten. Erstaunlich erscheint auf den ersten Blick die Quote von nur 55 Prozent gewonnenen Punkten, 11.510 gegen 9.344. Aber wie kaum anderswo kommt es beim Rasentennis auf wenige, entscheidende Punkte an, die Big Points. Und da ist Federer der Meister aller Klassen.

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