Alexander Zverev: Kühler Kalkulator der eigenen Emotionen

Von Ulrike Weinrich
Sonntag, 01.07.2018 | 08:02 Uhr
Alexander Zverev
© getty

Alexander Zverev hat im Rasen-Mekka große Ziele Es muss nicht dieses Jahr sein, aber irgendwann möchte der Hochbegabte in Wimbledon den Titel holen. Erst einmal freute sich "Sascha" am Wochenende aber mit seinem großen Bruder Mischa, der in Eastbourne sein erstes ATP-Turnier gewann - ausgerechnet auf Gras.

Von Ulrike Weinrich aus Wimbledon

Beim Kampf gegen sich selbst behielt am Ende die innere Stimme die Oberhand über die Emotionen. Liebend gerne hätte Alexander Zverev seinen knapp zehn Jahre älteren Bruder Mischa bei dessen Finale in Eastbourne vor Ort unterstützt.

Der kleine Zverev wollte seinen großen Bruder vor Ort unterstützen

"Ich habe überlegt, ob ich hinfahren soll. Es sind ja von hier aus nur zwei Stunden Fahrt", erzählte der Weltranglistendritte, als er am Samstagnachmittag im All England Lawn Tennis Club im Interviewraum saß, in dem sogar das Wimbledon-Logo beleuchtet ist. Auf der Anlage an der berühmten Church Road hat irgendwie alles eine besondere Strahlkraft. Nicht nur, weil sich der britische Hochsommer derzeit mit Temperaturen von bis zu 28 Grad Celsius und einem wolkenlosen Himmel von seiner besten Seite zeigt.

Der kleine Zverev (21) verzichtete aber dann doch schweren Herzens auf den Abstecher ins Seebad am Ärmelkanal in der Grafschaft East Sussex. "Ich wollte seinen Rhythmus nicht stören, und ich wollte nicht, dass er dann vielleicht extra Druck spürt", erklärte Alexander Zverev: "Mischa sollte einfach nur in Ruhe das Turnier zu Ende spielen."

Er tat es - und wie er es tat. Der ältere Zverev-Bruder siegte mit 6:4, 6:4 gegen den Slowaken Lukas Lacko und hatte nach seinem Premieren-Titel auf der Tour Tränen des Glücks in den Augen.

Alexander Zverev pflichtbewusst - anders als die große Serena

Es ist Alexander Zverev hoch anzurechnen, dass er den Termin seiner All Access Hour, wie die vor Turnierbeginn stattfindenden Pressekonferenzen mit den Topspielern heißen, einhielt. Anders als die große Serena Williams, die lieber mit ihrer Freundin Megan Markle, der frischangetrauten Ehefrau von Prinz Harry, zum Poloschauen marschierte und ihre für 15 Uhr angesetzte Fragerunde kurz vor Beginn platzen ließ. Respektlos!

Mischa Zverev war in Eastbourne also gerade am Ende des zweiten Satzes angelangt, als die PK stattfand - und "Sascha" fragte die Schreiberlinge: "Wie steht's denn?", ehe er selbst sein Smartphone zückte und via App den Score checkte.

"Mein Ziel ist es, irgendwann dieses Turnier zu gewinnen"

Die Nervosität war Alexander Zverev anzumerken. Zumindest, als es um Mischa ging. Als er selbst zum Thema wurde und es um seine Erwartungen und Träume ging, sprach der Wahl-Monegasse wohl überlegt, ruhig - und kühl kalkulierend. "Mein Ziel ist es", verriet Zverev, "irgendwann dieses Turnier hier zu gewinnen. Ob das dieses Jahr, nächstes Jahr oder in ein paar Jahren ist." Er sei schließlich niemand, der sage, "das Viertelfinale oder das Halbfinale" seien gut genug.

Offene, ehrliche Worte. Vorgetragen ohne jegliche Form von verbalem Aktionismus und Ungeduld - dafür mit tiefster Überzeugung in der Stimme, dass er es eines Tages schaffen wird, beim bedeutendsten Turnier der Welt in die Fußstapfen von Boris Becker und Michael Stich zu treten. Wohlwissend, dass der Wimbledon-Coup noch ein bisschen unsterblicher macht als Erfolge in Melbourne, Paris oder New York.

4,5 Zentimeter langer Muskelriss ausgeheilt: "Sascha" ist fit

Die Voraussetzungen scheinen bereits in diesem Jahr recht gut. Alexander Zverev ist deutlich gereift. Zudem ist sein 4,5 Zentimeter langer Muskelriss im linken Oberschenkel, der ihn im Viertelfinale der French Open gegen seinen Kumpel Dominic Thiem behindert hatte, komplett verheilt. Eine MRI-Untersuchung in London hat dies bestätigt.

"Ich freue mich auf das Turnier, jeder tut das. Es ist Wimbledon", betonte "Sascha" Zverev, der nach eigener Aussage in den vergangenen Tagen "sehr gut" trainiert hat. Auch beim Schaukampf-Event "The Boodles" hinterließ der gebürtige Hamburger im Match gegen den Spanier Pablo Carreno Busta einen souveränen Eindruck.

Gutes Omen gegen den Erstrundengegner Duckworth

Zverev tritt in seiner Erstrundenpartie am Dienstag gegen den Australier James Duckworth an, der in der Weltrangliste momentan nur auf Platz 752 notiert ist. "ich habe mein erstes Challenger-Match gegen ihn gewonnen", berichtete er, der sich für das ultimative Traditionsevent des Tennissports keine besondere Taktik zurecht gelegt hat: "Ich gewöhne mich schnell an neue Beläge. Ich werde versuchen, gut aufzuschlagen. Da wird nicht groß taktiert."

Im vergangenen Jahr war der Davis-Cup-Spieler in seinem bis dato ersten Grand-Slam-Achtelfinale an Milos Raonic (Kanada) gescheitert. Im Mai stand er bei den French Open in der Runde der letzten Acht. Peu a peu geht es voran bei Alexander Zverev. "Es ist eine Frage der Zeit, wann er sein erstes Major gewinnt", sagte der schwedische Altmeister Mats Wilander jüngst erst wieder.

Zverev wird es mit einem Schulterzucken quittiert haben. Aus der Ruhe bringt den 1,98-m-Schlacks so schnell nichts. Höchstens der Kampf gegen sich selbst - bei dem die innere Stimme schonmal die Oberhand über die Emotionen behält.

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