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NBA: Bradley Beal und die Washington Wizards – Auf schlimmer und ewig?

Bradley Beal und die Washington Wizards schlugen die New York Knicks in London.

Bradley Beal und die Washington Wizards standen nach der Verletzung von John Wall vor einer verlorenen Saison - stattdessen hat der Shooting Guard sie zurück ins Rennen um die Playoffs geführt und spielt besser denn je. Verbessert sich dadurch seine Situation?

Bruce Bowen ist ein ziemlich jovialer Typ. Er kennt jeden und scherzt mit jedem, ein Interview mit ihm kann jederzeit dadurch unterbrochen werden, dass er jemanden sieht und kurz mit ihm oder ihr reden muss, ob zehn Sekunden oder fünf Minuten. So gesehen vergangene Woche in London - die Person, mit der er sich diesmal unbedingt unterhalten wollte, war Bradley Beal.

Als der Shooting Guard der Wizards, der im letzten Spiel gegen Toronto 43 Punkte, 10 Rebounds und 15 Assists aufgelegt hatte, in Bowens Blickfeld geriet, fing dieser ihn wild gestikulierend ab und lobte ihn in den höchsten Tönen - und präsentierte anerkennend eine Imitation seines Stepback-Jumpers. Beal, etwas ernster, entgegnete darauf: "Mein Selbstvertrauen ist gerade so hoch ... ich glaube, mein Stepback ist genau auf dem Level von James [Harden]."

Nun mag dies vielleicht etwas hoch gegriffen sein, bedenkt man, wie der angesprochene Harden derzeit durch die Liga pflügt. Aber auch Beal befindet sich in einer ziemlich beeindruckenden Form. Je mehr man ihn über die letzten Wochen beobachtet, desto mehr stellt man fest: Er hat eigentlich auch keine andere Wahl.

Wizards: Kehrtwende ohne John Wall

Es ist keine einfache Saison für die Wizards, die sich über den Sommer mal wieder mit ziemlich markigen Sprüchen aus dem Fenster gelehnt hatten und dann zum Saisonstart frontal auf den Oberkiefer krachten. 9 der ersten 11 Spiele wurden verloren, es gab (wie so oft) Gerüchte über interne Dysfunktionen. Als dann nach Dwight Howard auch noch Franchise Player John Wall ausfiel und sogar sein vorzeitiges Saisonaus bekannt geben musste, schien die Spielzeit eigentlich gelaufen.

Am 26. Dezember meldete Wall sich ab, die Wizards verloren an diesem Tag in Detroit und standen danach mit einer erbärmlichen 13-22-Bilanz tief im Keller der Eastern Conference. Es ist seither besser geworden - vor dem London Game gewannen die Wizards fünf von neun Spielen und verloren gegen Toronto erst nach zweifacher Overtime.

Nach den Siegen gegen die Knicks und nun gegen Detroit steht Washington mit einer 20-26-Bilanz zwar nicht spektakulär da - im Osten aber trotzdem ziemlich nah an den Playoff-Rängen. Man muss nicht lange suchen, wenn man den Hauptgrund dafür finden will.

Bradley Beal agiert kompletter denn je

Beal ist seit Jahren bekannt dafür, einen der schönsten Sprungwürfe der Liga zu haben, beim Scoring machen ihm nicht viele Shooting Guards in der NBA etwas vor. Durch den neuerlichen Ausfall von Wall kommen aktuell aber immer stärker auch noch andere Aspekte von Beals Spiel zum Vorschein. Beal verteilt in dieser Saison beispielsweise 5 Assists im Schnitt, ein Career High. Bereits zweimal in dieser Saison legte er ohne Wall Triple-Doubles mit 40 Punkten und 15 Assists auf.

Über die letzten Wochen präsentiert sich Beal mehr denn je als vielseitiger, als kompletter Spieler. Seit Walls Ausfall legt er im Schnitt 28,5 Punkte, 6,4 Assists und 5,3 Rebounds auf - und trifft dabei fast 42 Prozent seiner Dreier (insgesamt 45 Prozent FG). Seine Usage Rate ist so hoch wie noch nie, die Assist Percentage ebenfalls.

Beal IST über die letzten Wochen zumeist die Offense seines Teams: Sitzt er auf der Bank, geht das mit ihm starke Offensiv-Rating von über 111 um fast genau 10 Punkte runter. Das zieht sich übrigens über die gesamte Saison, also auch die Spiele mit Wall - ein Phänomen, das natürlich schon einigen Leuten aufgefallen ist.

Bradley Beal: Wizards sind ohne Wall nicht besser

Sind die Wizards ohne Wall also besser dran? Die Bilanz würde es nahelegen, auch in den letzten Jahren gab es das Phänomen schon öfter zu sehen. Fakt ist, dass die Offense der Wizards ohne Wall oft flüssiger läuft - im letzten Jahr merkte der mittlerweile gegangene Marcin Gortat nach einem Sieg ohne Wall an, nun habe man endlich mal "als Team" gespielt. "Everybody eats", sagte auch Beal vergangene Saison, als die Wizards ohne Wall auf einmal deutlich uneigennütziger auftraten.

Aktuell wiederum will Beal davon überhaupt nichts wissen. Die These sei lächerlich, sagte Beal in London. "Das ist ein All-NBA Spieler - natürlich sind wir dadurch nicht besser geworden. Wir haben uns angepasst, ich habe mich angepasst", so der 25-Jährige. "Aber selbstverständlich fehlt uns John." Seine aktuell größere Rolle sei für ihn weder positiv noch negativ - es müsse eben sein, so Beal.

Nur Siege seien wichtig. Wie abhängig Washington von seinem einzigen verbliebenen All-Star ist, zeigte das Spiel gegen die nicht gerade furchteinflößenden Knicks: Da Beal lange überhaupt nicht stattfand, rannten die Wizards fast das ganze Spiel über einem Team hinterher, das in dieser Saison eigentlich keine Spiele mehr gewinnen will.

Erst sein gutes Auftreten im letzten Viertel sowie einige tanktastische Aktionen der Knicks bescherten den Wizards letztendlich ihren Pflichtsieg.

Wizards-Besitzer schließt Tanking kategorisch aus

Das leidige Thema Tanking - blickt man auf die Gehaltsstruktur der Wizards in den kommenden Jahren, hätte die Wall-Verletzung ihnen eigentlich die perfekte Ausrede dafür gegeben, diese restliche Saison einem hohen Draft-Pick zu opfern.

Es ist kein Geheimnis, dass der Kern um Wall, Beal und Otto Porter kein Contender-Kern sein wird - alle drei verfügen jedoch über Maximalverträge, Wall sogar über den "Supermax". Es wird vorerst fast unmöglich sein, das Team über die Free Agency signifikant zu verstärken. In tradebaren Assets schwimmen die Wizards auch nicht gerade. Mit seiner Verletzungshistorie hat Wall womöglich den untradebarsten Vertrag der NBA, zumal seine Extension erst im kommenden Sommer einsetzt.

Dennoch schloss Besitzer Ted Leonsis es in London zum wiederholten Male aus, dass sein Team die Saison abschenken könnte. "Wir werden niemals tanken", sagte Leonsis. Komme was wolle: Die Wizards wollen noch immer unbedingt in die Playoffs. Selbst wenn sich das als kurzsichtige "Strategie" herausstellen sollte.

Bradley Beal: Stuck in the middle with you?

Gute zwei Wochen vor der Trade Deadline befinden sich die Wizards somit in einer sehr eigenen Situation. Während anderswo spekuliert wird, wie man Beal aus der US-Hauptstadt loseisen könnte, befinden sich die Wizards selbst im (Schnecken-)Rennen um die letzten zwei Playoff-Plätze im Osten: Aus dem Verfolger-Quintett sind Washington und Miami relativ eindeutig die formstärksten.

Das Playoff-"Rennen" der Eastern Conference

RangTeamBilanzLetzte 10Net-Rating
7Miami Heat22-235-5+0,1
8Charlotte Hornets22-244-6+0,4
9Detroit Pistons20-263-7-2,7
10Washington Wizards20-267-3-2,6
11Orlando Magic20-273-7-3,5

Wenn die Wizards noch Transaktionen tätigen, werden diese daher wahrscheinlich keineswegs im Sinne des Rebuilds ablaufen - eher wird man versuchen, das Team kurzfristig ein wenig besser zu machen. Diesem Modus Operandi folgen die Wizards seit Jahren, auch wenn sie damit im Großen und Ganzen auf der Stelle treten.

Wenn die letzten Wochen eine Erkenntnis gebracht haben, ist es diese: Ein Rebuild in Washington wäre nicht falsch. Beal hat mit großem Abstand den höchsten Trade-Wert, ist gleichzeitig aber auch der eine Spieler, den man eigentlich nicht traden darf und um den man neu aufbauen müsste.

Man kann ihm nur wünschen, dass der Stepback weiter so munter fällt - so schnell wird Beal aus dieser Situation nicht herauskommen. Auch wenn die letzten Wochen mal wieder zum Spekulieren anregen, was für einen Schaden er bei einem richtigen Contender anrichten könnte.

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