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NBA - Washington Wizards nach desolatem Start: Eine tickende Zeitbombe

Von Philipp Jakob
Die Washington Wizards um John Wall und Bradley Beal haben einen katastrophalen Saisonstart hinter sich.
© getty

Die Washington Wizards sind bisher eine der größten Enttäuschungen der neuen Spielzeit. Nach einem katastrophalen Saisonstart stehen John Wall und Co. bei zwei Siegen und acht Niederlagen. Den eigenen Erwartungen rennen die Wizards damit deutlich hinterher - Stress ist vorprogrammiert.

Anfang Oktober war die Welt bei den Washington Wizards noch in allerbester Ordnung. Nach dem eher enttäuschenden Ende der vergangenen Saison mit dem Playoff-Aus nach sechs Spielen gegen die Raptors war die Euphorie scheinbar in jedem Winkel der US-Hauptstadt zu spüren - und vor allem beim Team selbst.

"Viele Leute haben uns fälschlicherweise nicht auf dem Schirm", merkte Austin Rivers wenige Wochen vor dem Saisonstart bei CBS Sports an. "Das Team hat mich, Dwight Howard und Jeff Green dazubekommen und trotzdem redet niemand über uns."

Dabei sei der neuformierten Mannschaft einiges zuzutrauen, so die Meinung des Neuzugangs von den Los Angeles Clippers. Der Kern um John Wall und Bradley Beal verstärkt mit Rivers und dem ehemaligen Superman? "Ich denke, wir haben die Chance, im Osten oben mitzuspielen."

Horror-Start für die Washington Wizards

Etwa drei Wochen später präsentierte sich den Wizards jedoch eine komplett andere Situation: Vier der ersten fünf Spiele gingen verloren, der vorläufige Tiefpunkt war eine 112:116-Pleite in Sacramento. Von Euphorie fehlte anschließend jede Spur, stattdessen: Frust.

"Ich denke, dass manchmal bei uns jeder für sich selbst spielt. Man beschwert sich über die Würfe, über die Spielzeit, was auch immer. Jeder denkt nur an sich selbst", klagte beispielsweise Beal. Noch deutlicher wurde Backcourt-Kollege Wall.

"Wir haben hier Spieler, die nur an ihren eigenen Wurf denken", sagte der sichtlich genervte Point Guard. "Auch wenn du triffst oder daneben wirfst, musst du auf der anderen Seite Defense spielen. Wenn man nicht auf beiden Seiten hart spielt, braucht man gar nicht zu spielen."

Die Defense ist das größte Problem der Wizards

Kurz zusammengefasst: 2018/19 haben die Wizards gerade einmal fünf Spiele, quasi 240 NBA-Minuten, gebraucht, um scheinbar komplett zu implodieren. Selbst für diese Franchise, die bereits in den vergangenen Jahren mehr mit chaotischen Umständen im Locker Room als mit sportlichem Erfolg für Schlagzeilen sorgte, dürfte das ein neuer Rekord sein.

Für die erhoffte Trendwende sorgten Wall und Beal mit ihren deftigen Kommentaren im Übrigen ebenfalls nicht. Der Negativlauf setzte sich fort, erst mit einer 32-Punkte-Klatsche gegen die Clippers, kurz darauf ließ man sich von den Thunder aus der Halle fegen. Immerhin gelang anschließend gegen New York ein Sieg - nur um sich wiederum ein paar Tage später von den Mavs mit 100:119 überrollen zu lassen.

Das größte Problem - abgesehen von der offensichtlich nicht vorhandenen Team-Chemie - ist dabei die Defense. Durchschnittlich erzielen die Gegner der Wizards 120,5 Punkten pro Partie (Platz 29 ligaweit), in Sachen Defensiv-Rating liegt Washington auf dem 28. Rang (114,3).

Dallas Mavericks überrollen Washington Wizards

Selbst Dallas, das ja nicht unbedingt als Titelkandidat Nummer eins einzuschätzen ist, schenkte den Wiz allein in der ersten Hälfte 70 Punkte ein. "Wir haben in Halbzeit eins zu cool gespielt", analysierte Rivers nach der Partie.

"Cool sein bringt aber nur Niederlagen mit sich. Und an Niederlagen ist absolut nichts cool", so der Point Guard weiter. Diese "Coolness" war gegen die Mavs vor allem defensiv zu beobachten, wobei der Begriff lethargisch wohl genauso gut passen würde.

Viel zu oft kamen die Hausherren viel zu einfach zum Korb, zudem ermöglichte die fehlende Kommunikation auf Seiten der Gäste Dallas immer wieder weit offene Würfe. Luka Doncic, Wes Matthews und Co. bestraften Letzteres mit dem an diesem Abend weitestgehend hervorragende Shooting (15/34 Dreier).

Apropos Shooting: Das ist ein weiterer Schwachpunkt der Wizards. Neben der Defense präsentierten sich Wall und Co. nämlich zu Saisonbeginn auch am anderen Ende des Courts mehr oder weniger katastrophal. Von Downtown trifft Washington bisher gerade einmal 31,3 Prozent (Platz 27), das Offensive Rating (104,3) ist das fünftschlechteste der Association.

Washington Wizards: Head Coach wird angezählt

Es fehlt also an allen Ecken und Enden. Ob nun die sportliche Talfahrt durch die zwischenmenschlichen Probleme bei den Wizards bestärkt werden oder genau andersherum, ist dabei nicht leicht zu sagen. Fest steht aber: So wie bisher kann es in Washington nicht weitergehen.

Wenig überraschend wird in den Medien nach solch einem Saisonstart zu allererst der Head Coach in Frage gestellt. Allerdings berichtete Chris Haynes von Yahoo Sports nach dem Kings-Debakel, dass sich diese Frage nach einem Trainerwechsel in Washington offenbar keiner der Verantwortlichen stellt.

Scott Brooks zeigt sich zudem zuversichtlich, dass bald eine Verbesserung zu sehen sein wird: "Ich habe eine Menge Vertrauen in unsere Jungs, dass sie zusammenstehen werden. Und ich habe eine Menge Vertrauen, dass sie besser spielen werden."

Allerdings hat es der 53-Jährige bisher verpasst, sein Team weder mit taktischen Mitteln gut auf die jeweiligen Spiele einzustellen, noch für ausreichend Motivation zu sorgen. Letzteres war nicht nur im Spiel gegen Dallas deutlich zu sehen.

Washington Wizards: Talent ist da, aber kein Erfolg

"Du musst jeden Abend dein Bestes bringen", weiß Rivers, auch wenn dies von den Wizards bisher nicht immer zu sehen war. "Es ist hart, in der NBA Spiele zu gewinnen - außer du bist die fucking Warriors."

Und das sind die Wizards beileibe nicht. Zwar ist das Team grundsätzlich sehr talentiert, in wirklichen Erfolg - vor allem in den Playoffs - konnten Wall, Beal und Co. dieses Talent in den vergangenen Jahren allerdings nicht ummünzen.

Vielmehr vermittelte das Team den Eindruck, als ob die einzelnen Puzzleteile einfach nicht zusammenpassen wollen beziehungsweise können. An diesem Umstand änderten offenbar auch die Neuzugänge im Sommer wenig.

Dwight Howard als Heilsbringer für die Wizards?

Dass D12 die ersten sieben Saisonspiele aufgrund einer Gesäßverletzung verpasste, diente immerhin als gute Ausrede für die enormen Schwächen der Wizards im Verteidigen der Zone sowie im Rebounding. Doch auch seit der Rückkehr Howards war kein allzu großer Fortschritt erkennbar.

Und überhaupt: Kann Dwight Howard wirklich der Heilsbringer für eine bisher verkorkste Wizards-Saison sein? Der Dwight Howard, der es sich zahlreichen Medienberichten zufolge bei all seinen letzten Stationen in der NBA mit seinen Mitspielern verscherzte? Bei der explosiven Mischung im Locker Room der Wizards scheint das doch eher unwahrscheinlich.

Wie geht es bei den Washington Wizards weiter?

Die Aussichten für die Wizards sehen also nicht unbedingt rosig aus. Die Schwächen des Teams wurden in den ersten Saisonwochen mehr als deutlich, die Stärken sucht man aktuell vergebens. Schaffen die Wizards nicht bald die Wende, werden sicherlich erste Trade-Forderungen von Seiten der Fans laut.

Wall, Beal und Porter bekommen in der kommenden Saison, wenn die Supermax-Extension für den Point Guard in Kraft tritt, zusammengerechnet fast 93 Millionen Dollar. Das sind etwa 85 Prozent des Salary Caps! Sollte sich die Franchise nach Veränderungen umschauen, wird man wohl dieses Trio sprengen müssen, wobei Beal aufgrund des zu erwartenden Gegenwerts noch als der wahrscheinlichste Trade-Kandidat erscheint.

Bleibt das Team aber in der aktuellen Konstellation zusammen, könnte es eine sehr lange Saison werden. Es ist gut denkbar, dass der aktuelle Negativtrend nicht nur ein Ausrutscher ist, sondern es sich eher um ein Indiz handelt, wie der weitere Saisonverlauf aussehen könnte - wenn auch natürlich nicht in diesem katastrophalen Ausmaß. Der von Rivers angekündigte Angriff auf den Titel im Osten scheint aktuell aber so weit entfernt, wie in den vergangenen Jahren schon lange nicht mehr.

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