SPOX-Kommentar zu Russell Westbrook

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Donnerstag, 20.04.2017 | 11:08 Uhr
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Wieder einmal schrieb Russell Westbrook Geschichte, allerdings kann man sein Spiel 2 nur dann feiern, wenn man das letzte Viertel nicht gesehen hat. OKC verlor dank Hero-Ball in seiner hässlichsten Form. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Ole Frerks.

Man kann über Russell Westbrook mittlerweile nicht mehr sprechen, ohne dabei Superlative zu benutzen. In dieser Saison, in der er nahezu wöchentlich irgendwelche Rekorde brach und am Ende tatsächlich den Triple-Double-Schnitt schaffte, wurden mit niemandem häufiger die Zusätze "der erste der Geschichte" oder "das größte/beste/tollste der Geschichte" in Verbindung gebracht.

Nach Spiel 2 kann man das erneut tun. Westbrook legte ein Triple-Double auf, natürlich, mit 51 Punkten - damit nennt er nun nicht mehr nur das punktbeste Triple-Double der Regular Season, sondern auch das der Playoff-Geschichte sein Eigen. Einmal mehr durfte sich Westbrook, der am 26. Juni vermutlich den MVP-Award einstreichen wird, vollkommen absurde Zahlen in den Boxscore schreiben.

Insofern mag es unfair erscheinen, ihn nach der Partie zu kritisieren. Es muss jedoch sein. Denn das, was Russ in den letzten zwölf Minuten veranstaltete, war, um im bei Westbrook gängigen Duktus zu bleiben, eines der schlechtesten letzten Viertel "der Geschichte."

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Ganz nach Lenins Geschmack

Innerhalb eines Durchgangs bediente Russ all die Argumente, die an seinem Spiel kritisiert werden und legte eine der ineffektivsten Hero-Ball-Performances hin, die dieser Sport bisher gesehen hat. 18 Würfe gab Westbrook ab und traf vier davon. Es reichte noch für 15 Punkte, weil er achtmal an die Freiwurflinie geschickt wurde (und sechs traf). Westbrook beschwerte sich selbstverständlich trotzdem lauthals, wann immer er einen Pfiff nicht bekam, als er sich in Gegenspieler hineinlehnte und so etwas ähnliches wie Wurfversuche abgab.

Westbrook schien sein ohnehin nicht überbordendes Vertrauen in seine Mitspieler zu diesem Zeitpunkt längst vollkommen verloren zu haben - also hielt er sich an die alte Lenin-Maxime "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Seinen letzten Assist gab er nach 11 Sekunden im letzten Viertel auf Doug McDermott, danach nahm das Spiel der Thunder komödiantische Ausmaße an.

33 Shooting Possessions hatte OKC noch, von denen Westbrook 22 (18 Würfe und 4 Shooting-Fouls) persönlich abschloss. McDermott, Kyle Singler und Domantas Sabonis durften je einmal werfen und verfehlten, Enes Kanter traf seinen einzigen Wurf, Victor Oladipo verfehlte zweimal, Andre Roberson verfehlte zwei Würfe und traf einen (ein Tip-In nach eigenem Fehlwurf). In der letzten Sekunde wurde Jerami Grant noch bei einem Versuch übers ganze Feld geblockt. Das war die gesamte Offense der Thunder am Ende eines Spiels, das sie lange unter Kontrolle hatten.

Nicht nur die Mitspieler sind Schuld...

Nun werden natürlich wieder Leute sagen, die Mitspieler seien Schuld gewesen. Und sicherlich darf und muss von jemandem wie Oladipo mehr erwartet werden als 4 Treffer bei 14 Versuchen. Aber man kann die Hauptverantwortung nur Westbrook geben, wenn man das letzte Viertel gesehen hat. Er ließ es nicht zu, dass ihm irgendjemand hätte helfen können. Wie soll man schuldig sein, wenn man kaum den Ball berührt?

"Sie haben drei Spieler gegen mich gestellt und wir haben einige Calls nicht bekommen", sagte Russ nach dem Spiel. "Ich muss einen besseren Job dabei machen, meine Mitspieler zu finden und ihnen zu vertrauen."

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So kann man es ausdrücken. Denn mit seinem kompromisslosen Hero-Ball spielte er den Rockets genau in die Karten. Mike D'Antoni sagte im Anschluss sinngemäß, dass Westbrook sowieso seine Stats sammeln wird, aber dass man zufrieden sein kann, wenn er dabei unter 50 Prozent bleibt (es waren 39,5 Prozent) und seine Mitspieler nicht einbezieht. Westbrook kann und wird die Rockets nicht im Alleingang besiegen.

Die eigene Gala kaputtgemacht

Schade am ganzen Vorgang war dabei, dass Russ sich eine vorher tatsächlich (nicht nur statistisch) atemberaubende Leistung kaputt machte. Über drei Viertel legte Westbrook eine Performance hin, die man im positiven Sinn als "für die Ewigkeit" hätte bezeichnen können. Er punktete nicht nur selbst effizient, sondern ließ die anderen auch mitspielen - wenigstens ein bisschen. Über drei Viertel machten die Thunder fast alles richtig, um den favorisierten Rockets den Heimvorteil zu klauen.

Das kann ein Ansatzpunkt für die Spiele 3 und 4 (So., 21.30 Uhr live bei SPOX) sein. Alles steht und fällt mit Westbrook, und es gibt Schlimmeres als das: Westbrook ist fraglos einer der herausragenden Spieler dieser Liga. Aber wenn er weiter in den falschen Momenten darauf besteht, alles allein machen zu wollen, werden seine Playoffs bald vorbei sein. Und das wird man dann auch mal ihm anlasten müssen - selbst wenn die Stats bestimmt die größten, besten und tollsten der Geschichte sein werden.

Russell Westbrook im Steckbrief

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