Meinung zum Schmidt-Gate

"So nicht, Freunde"

Von Sebastian Hahn
Montag, 22.02.2016 | 15:18 Uhr
Felix Zwayer unterbrach für neun Minuten die Partie
© getty
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Zwayer hat mit seiner Entscheidung zur Spielunterbrechung für ein Novum gesorgt. Der Schiedsrichter hat in einer brenzligen Situation streng nach dem Regelwerk gehandelt und Bayer-Coach Roger Schmidt für seine Sturheit bestraft. Eine Entscheidung, die wegweisend für die zukünftige Beziehung zwischen den Unparteiischen und Mannschaften sein wird. Ein Kommentar von Page2-Autor Sebastian Hahn.

Der Unterschied zwischen Fußball-Profis und Kindern in der Krabbelgruppe ist manchmal erschreckend klein. Da wälzen sich (eigentlich) erwachsene Männer nach scheinbaren Fouls schreiend und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden, nur um Sekunden später wieder zum Vollsprint anzusetzen. Da gehen sich gestandene Männer mit Vorbildfunktion grundlos an die Wäsche, weil beide unbedingt den Ball haben wollen.

Alles Aktionen, mit denen sich normalerweise Erzieher im Kindergarten befassen müssten. Alles Aktionen, die Woche für Woche in jeder Spielklasse der Welt vorkommen. Was sich am Sonntag zwischen Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen Mitte der zweiten Halbzeit abgespielt hat, gehört in dieselbe Schublade - ist aber absolut außergewöhnlich.

Der Tathergang

Folgendes war passiert: Leverkusens Stefan Kießling foult in der 64. Minute Dortmunds Sven Bender knapp 25 Meter vor dem BVB-Strafraum und unterbricht so einen Konter. Matthias Ginter schnappt sich gedankenschnell die Kugel, führt den fälligen Freistoß genau 5,80 Meter vor dem eigentlichen "Tatort" aus und leitet so den Angriff ein, den Pierre-Emerick Aubameyang zum Führungstreffer für die Gäste vollendet.

Zeitgleich tobt Bayer-Coach Roger Schmidt bereits an der Seitenlinie, will den Standard wiederholen lassen und beschwert sich lautstark beim vierten Offiziellen Christoph Bornhorst. Schiedsrichter Felix Zwayer nimmt davon Notiz und weist Schmidt aus knapp 30 Metern Entfernung daraufhin, sich bitte auf die Tribüne zu begeben. Der ist aber weiterhin völlig außer sich und fordert eine persönliche Erklärung von Zwayer, der Unparteiische schickt stattdessen aber nur Werkself-Kapitän Kießling mit der entsprechenden Botschaft zu Schmidt.

Als dieser auch beim zweiten Schlichtungsversuch seines Stürmers nicht einlenkt, unterbricht Zwayer die Partie und schickt beide Teams für neun Minuten in die Kabine. Eine Szene, wie sie die Bundesliga in über 50 Jahren noch nicht gesehen hat. Aber auch eine Szene, über die im Anschluss unfassbar viel diskutiert wird.

Korrekt nach dem Regelwerk gehandelt

Schmidt räumte nach Spielende zumindest teilweise seine Schuld ein: "Ich bin zu stur geblieben. Mir war nicht klar, dass er das Spiel abbricht. Ich bin meiner Vorbildfunktion nicht gerecht geworden. Es tut mir leid, vor allen Dingen für meine Mannschaft." Der 48-Jährige legt dann aber in der Mixed Zone noch einen kleinen Hieb gegen Zwayer nach: "Anstatt zu mir zu kommen und es mir zu erklären, hat er lieber seine Position gefestigt."

Auch Sportdirektor Rudi Völler ließ nach Spielende seinem Unmut bei Sky freien Lauf: "Da verlange ich von Zwayer, dass er unserem Trainer das erklärt. So eine Nummer daraus zu machen, die Mannschaften müssen reingehen, als wäre hier was Furchtbares passiert... total übertrieben." Völler wurde sogar noch drastischer, indem er Zwayer vorwarf, einen klaren Handelfmeter durch Sokratis bewusst nicht gepfiffen zu haben: "Aber er hat sich ja revanchiert. Deswegen hat er ja den Elfmeter nicht gepfiffen. Das gleicht sich ja wieder aus."

Viel Kritik für Unparteiische

Drei Aussagen, die unterstreichen, wie respektlos Spieler und Verantwortliche im Fußball mit den Unparteiischen umgehen. Während in anderen Sportarten wie Basketball, Football oder auch im Handball die Entscheidungen der Schiedsrichter auch aus Angst vor Strafen nur selten kritisiert werden, geht im Fußball kaum ein Unparteiischer ohne Kritik von einem der beiden Teams vom Platz. Dabei hat Zwayer zumindest in dieser Situation absolut korrekt und nach dem Regelwerk gehandelt.

Erste Ansprechpartner sind in der Innenzone für den Schiedsrichter die Mannschaftskapitäne und eben nicht die Trainer. Nachdem Zwayer den Verweis ausgesprochen hatte und Schmidt sich weigerte, seine Coaching Zone zu verlassen, schickte der 34-jährige Kießling sogar zweimal zu dessen Trainer, um diesen zum Umdenken zu bewegen. Als auch das nicht fruchtete, schickte er beide Teams folgerichtig in die Kabine.

Abstand halten

Warum hat Zwayer aber die Konfrontation mit Schmidt gemieden? "Ich wäre konditionell ganz sicher dazu in der Lage gewesen. Es war aber so, dass der Trainer Schmidt relativ aufgebracht war aufgrund des Gegentores. Und dass ich es auch für angebracht gehalten habe, die Distanz in dieser Situation zu wahren", erklärte der Unparteiische nach dem Spiel. In dieser Aussage klingt aber auch durch: Zwayer hatte vielleicht auch ein wenig Angst vor dem aufgebrachten Trainer der Werkself.

Denn Schmidts Verhalten spiegelt genau die Respektlosigkeit wider, die Spieler und Verantwortliche in den letzten Jahren immer mehr an den Tag legen. Ausgerechnet gestern wurde der türkische Unparteiische Denis Ates Bitnel im Duell von Galatasaray und Trabzonspor Opfer einer solchen Respektlosigkeit, als Trabzon-Akteur Salih Dursun nach einem Platzverweis gegen Mitspieler Luis Cavanda dem Schiedsrichter die Rote Karte aus der Hand nahm und ihm diese zeigte - bevor er ebenfalls Duschen gehen musste. Zwayers Aktion ist dagegen, ähnlich wie Knut Kirchers Machtwort gegenüber Sechziger-Kapitän Christoph Schindler in der Relegation 2015, ein Zeichen mit der Überschrift: "So nicht, Freunde".

"Scheiß-Situation und einfach unnötig"

Selbst die Entscheidung, den Ginter-Freistoß nicht zurückzupfeifen, ist theoretisch korrekt. "Ein Dortmunder Spieler hat schnell reagiert. Damit hat er den Konter, der durch ein Foulspiel unterbunden wurde, schnell fortgesetzt. Ich finde, dass eine Ausführung mit einer Karenz von drei, vier, fünf Metern absolut in Ordnung ist. Das liegt im Ermessen des Schiedsrichters", kommentierte Zwayer seine Entscheidung nach der Partie. Tatsächlich liegt der Fehler bei Andre Ramalho, der sich im Mittelfeld lieber über den Pfiff aufregt, anstatt Marco Reus zu folgen. Hätten die Leverkusener normal weitergespielt, wäre der Treffer wohl nicht gefallen.

Schmidt sieht das natürlich anders. "Wäre der Freistoß regelkonform ausgeführt worden, hätten wir kein Tor kassiert", erklärte der Bayer-Coach nach der Partie. In erster Linie ist es aber nur Schmidt, der hier ein Tor schießt - und zwar ein ziemlich dämliches Eigentor. Denn die Art und Weise, wie stur und bockig sich der Coach an der Seitenlinie verhielt und so seiner Mannschaft schadete, ist absolut inakzeptabel.

Selbst als Kießling und Teamkollege Christoph Kramer ihn zur Vernunft bringen wollten, blieb Schmidt uneinsichtig und zeterte weiter vor sich hin. Das sorgt auch ein wenig dafür, dass seine Akzeptanz seitens der Mannschaft sinkt. Wie kann ich als Trainer von meinen Spielern Disziplin verlangen, wenn ich selber wegen meiner irrationalen Aktionen für einen Spielabbruch sorge?

Auch Kießling druckste nach der Partie im Interview ein wenig peinlich berührt herum: "Es war eine Scheiß-Situation und einfach unnötig. Er hätte es ihm ja erklären können. Im Endeffekt ist es einfach blöd gelaufen." Ob diese Aktion das Verhältnis zwischen Mannschaft und Coach nachhaltig erschüttert, ist fraglich, aber möglich ist es trotzdem.

"Du kannst es nie allen recht machen"

Zwayer muss sich in dieser Szene gar nichts vorwerfen lassen. Natürlich hätte er zu Schmidt gehen und ihm erklären können, warum er auf die Tribüne muss. Aber er muss es als Schiedsrichter eben nicht, da ist das Regelwerk ganz klar.

Der 34-Jährige hat ganz klar gezeigt, dass die Unparteiischen keine menschlichen Boxsäcke für Spieler und Trainer sind und sich beliebig herumschubsen lassen. Vielmehr sollten Schiedsrichter und ihre Assistenten als Respektspersonen gelten, die dem Spiel eine gewisse Struktur verleihen.

Natürlich ist so eine Aktion extrem drastisch, aber sie war eben auch irgendwann einmal notwendig. Die Gespanne sind dafür da, Fußballer auch mal von ihren zuweilen hohen Rössern herunterzuholen und zu zeigen, dass auf dem Platz auch nicht alles erlaubt ist. Dass man sich damit nicht nur Freunde macht, ist klar.

Aber das gehört auch nun mal zum Job. Oder wie Mats Hummels es ausdrückt: "Ein Schiedsrichter kann es nie allen recht machen. Bei jeder Entscheidung hat er jeweils elf Spieler gegen sich, den Trainer, die Co-Trainer, die Fans."

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