Montag, 22.02.2016

Kontrollausschuss leitet Ermittlungsverfahren ein

Schmidt und Völler drohen Strafen

Widerstand gegen die "Staatsgewalt", Hohn und Spott für das deutsche Schiedsrichterwesen sowie abenteuerliche Verschwörungstheorien: Trainer Roger Schmidt und Sportchef Rudi Völler haben ihrem Arbeitgeber Bayer Leverkusen am Sonntag einen Bärendienst erwiesen.

Roger Schmidt droht nach seiner Aktion gegen Dortmund ein Nachspiel
© getty
Roger Schmidt droht nach seiner Aktion gegen Dortmund ein Nachspiel

Der Kontrollausschuss des DFB hat am Montag gegen Schmidt und Völler jeweils ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. "Das Verfahren wird ganz normal geführt, und es wird sicher eine Sanktion geben. Aber welche, das kann ich noch nicht sagen", sagte der Kontrollausschuss-Vorsitzende Anton Nachreiner bei Sport1 über die Causa Schmidt. Man werde jetzt versuchen "eine schuldangemessene Sanktion zu finden", so Nachreiner: "Ob das dann als Exempel aufgefasst wird, weiß ich nicht."

Eine Reaktion vonseiten des DFB in Richtung Völler nach dessen anmaßenden Aussagen über Schiedsrichter Felix Zwayer ließ nicht lange auf sich warten. Am Montagnachmittag wurde auch gegen ihn ein Verfahren eingeleitet. Dass er seinen Coach in Schutz nahm, ist Völler hoch anzurechnen, mit seinen Unterstellungen in Richtung des Referees aus Berlin schoss er aber deutlich über das Ziel hinaus.

"Er hat sich ja revanchiert. Deshalb hat er den Elfmeter nicht gepfiffen, obwohl 30.210 Besucher im Stadion und selbst Dortmunds Kapitän Mats Hummels das Handspiel deutlich gesehen hatten", echauffierte sich "Vulkan" Völler in Bezug auf ein klares Handspiel des Dortmunders Sokratis in der 71. Minute und fügte sarkastisch an: "Ich glaube nicht, dass Zwayer gesperrt wird." Er unterstellte Zwayer zu allem Überfluss auch noch, bewusst aus Verärgerung über das Verhalten der Bayer-Protagonisten den Strafstoß nicht gegeben zu haben.

"Habe einen Fehler gemacht"

Schmidt schlug in die gleiche Kerbe. "Ich habe einen Fehler gemacht, mit dem ich meiner Mannschaft geschadet habe", entschuldigte er sich, um postwendend neues Öl ins Feuer zu gießen: "Der Schiedsrichter hat anschließend einen tausendprozentigen Elfmeter nicht gegeben und so maßgeblich auf das Spiel Einfluss genommen, das ansonsten unentschieden geendet hätte." Als der Bayer-Trainer dies sagte, gab es ein vielsagendes Kopfschütteln seines Dortmunder Kollegen Thomas Tuchel.

"Ich hoffe nicht, dass es so war", versuchte Schmidt anschließend seinen Vorwurf an Zwayer zu relativieren, was er im selben Atemzug aber schon wieder verwarf: "Mir fällt keine andere Erklärung dafür ein, warum er den Elfmeter nicht pfeift."

Zwayer verwahrte sich gegen solche Vorwürfe und räumte seinen Fehler in der Schlussphase ein. "Das ist regeltechnisch ein strafbares Handspiel und ein Strafstoß. Sehr bedauerlich und eine Fehlentscheidung. Aber für mich persönlich nicht wahrnehmbar und auch für den Assistenten aus seiner Position nicht zu sehen", sagte der 34-Jährige, der zudem sachlich den Tribünenverweis in der 68. Spielminute für Schmidt erklärte.

"Angebracht, die Distanz zu wahren"

"Im Regelwerk steht klar, dass, wenn sich ein Spieler oder ein Trainer der Anweisung des Schiedsrichters widersetzt, nach einem Platzverweis oder einem Innenraumverweis den Platz zu verlassen, das Spiel zu unterbrechen oder sogar abzubrechen ist", so Zwayer. Auf die Nachfrage, warum er nicht zu Schmidt an die Seitenauslinie gelaufen sei, äußerte der Referee: "Ich wäre konditionell sicherlich in der Lage dazu gewesen. Es war aber so, dass Trainer Roger Schmidt ziemlich aufgebracht war. Ich habe es für angebracht gehalten, die Distanz zu wahren."

Kurz nach dem 1:0 des BVB durch Pierre-Emerick Aubameyang (64.) hatte Zwayer Schmidt auf die Tribüne geschickt. Der Bayer-Coach, der sich zuvor lautstark beim Vierten Offiziellen über das seiner Meinung nach "irreguläre Gegentor" beschwert hatte, war aber trotz zweimaliger Aufforderung durch Ersatz-Kapitän Stefan Kießling trotzig wie ein kleines Kind in seiner Coachingzone verharrt und bestand auf eine persönliche Erklärung.

Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel schlägt derweil Alarm. "Wir haben den Tiefpunkt einer leider erheblich negativen Entwicklung erlebt, die mich sehr nachdenklich stimmt", sagte Fandel auf DFB.de.

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Der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichter-Kommission fordert rasche Konsequenzen: "Alle Akteure im Fußball müssen dahin wirken, dass der Profifußball seiner Vorbildrolle wieder mehr gerecht wird. Sonst zerstören wir unsere Fußballkultur."

Rummenigge fordert Videobeweis

Karl-Heinz Rummenigge von Bayern München hat die Vorfälle zum Anlass genommen, erneut technische Hilfsmittel für Schiedsrichter zu fordern. "Was wir jetzt dringend brauchen, ist ein Videobeweis. Wenn es den gegeben hätte, wäre das alles glimpflich und in normalen Bahnen abgelaufen", sagte Rummenigge am Montag.

Rummenigge zeigte Verständnis für die Reaktion von Leverkusens Trainer Roger Schmidt. "Ich kann den Trainer ein bisschen verstehen, wenn so etwas passiert", sagte er. Zwayer "hätte etwas weniger gestenreich auftreten und ein Stück weit mehr Verständnis für den Trainer aufbringen" können.

Auch, dass sich Leverkusen über Zwayers Fehlentscheidung bei einem Handspiel des Dortmunders Sokratis im Strafraum echauffierte, sah Rummenigge nicht als problematisch an. "Es geht um zu viel - für Spieler, Trainer und Vereine. So ein Punkt kann letztlich entscheiden, ob eine Mannschaft Champions League spielt oder nicht. Ich kann nur dringend an die Verantwortlichen appellieren: Wir brauchen - wie auch in den amerikanischen Sportarten - ein Stück an Sicherheit."

Grundsätzlich habe er "noch nie so eine Quantität an Fehlern" der Unparteiischen erlebt wie in dieser Saison, sagte Rummenigge.

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