Kommentar zum Abtritt von Marcel Reif

Die richtige Entscheidung

Von Sebastian Hahn
Donnerstag, 21.01.2016 | 15:14 Uhr
Marcel Reif beendet seine Karriere bei "Sky"
© getty
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Nach 17 Jahren nimmt Marcel Reif am Saisonende seinen Hut als Chefkommentator bei "Sky". Der 66-Jährige zieht damit womöglich den Schlussstrich unter eine der größten, aber auch kontroversesten Karrieren aller Fußball-Kommentatoren. Trotzdem kommt der Schritt zum richtigen Zeitpunkt, meint Page2-Redakteur Sebastian Hahn.

"Wenn ich nochmal was anderes machen will, dann muss ich es jetzt machen." - so lautete die einfache Antwort von Marcel Reif auf die Frage, warum er nach fast zwei Jahrzehnten bei "Sky" das Mikrofon ein für alle Mal ausschaltet.

Der 66-Jährige überraschte mit seiner Entscheidung in der Winterpause viele, denn nach über 30 Jahren im Fußball-Geschäft schien der gebürtige Pole vom Kommentatorenplatz fast nicht mehr wegzudenken zu sein. Viel weniger überraschte es dann aber, dass der überwiegende Teil der Fußball-Fans die Nachricht positiv aufnahm - denn Reif zählte zwar zu den bekanntesten, aber eben nicht zu den beliebtesten Kommentatoren in Deutschland.

Stil nicht mehr zeitgemäß

Die falsche Aussprache von Spielern, ständige Verwechslungen der Akteure und nicht zuletzt seine vermeintliche Liebe zum FC Bayern - die Fan-Welt wollte vor allem in den letzten zehn Jahren nicht wirklich warm werden mit Reif, der auch gerne mal gefühlt Minuten lang schweigend vor dem Mikrofon verbrachte.

Auch ich fühlte mich bei seinem Stil immer wie in eine andere Zeit zurückversetzt. Seine pointierte Art, das Spiel 90 Minuten lang zu begleiten, wirkte irgendwie nicht mehr zeitgemäß und altbacken. Natürlich hat es einen gewissen Charme, wenn bei Reif in 90 Minuten gefühlt nur drei Spielernamen Erwähnung finden (die komischerweise dann drei verschiedene paar Schuhe und vier unterschiedliche Frisuren haben) und er Douglas Costa wahlweise "Dackless", "Duglas" oder "Doglas" nennt, allerdings wirkt Reif dann eher wie ein unbeholfener Fachsimpler aus der Eckkneipe als wie der Chefkommentator von Deutschlands größtem Pay-TV-Sender.

Neue Entwicklungen verpasst

Bei aller Kritik möchte ich aber auch nicht unerwähnt lassen, dass Reif mit großartigen Leistungen wie etwa dem Torfall von Madrid 1997 oder dem Champions-League-Finale 2001 (Stichwort: "Kaaaahn! Die Bayern!") die Kommentatoren-Landschaft wie kein Zweiter geprägt hat. Der 66-Jährige war definitiv jahrelang einer der Besten, wenn nicht der Beste, in Sachen Fußballübertragungen.

Blöd nur, dass seine Glanzzeiten eben schon etwas länger zurückliegen. Für Reif waren die neuen Entwicklungen, vor allem im Social-Media-Bereich, etwas völlig Weltfremdes, mit dem er nicht ganz umzugehen wusste. Fast immer wurden Twitter, Facebook und Co. nach seinen Einsätzen bei Top-Spielen mit Hasstiraden oder Online-Petitionen zu seinem Abtritt geflutet.

"Das Netz und seine Kommentare, das hat mich noch nie beschäftigt, das geht ziemlich spurlos an mir vorbei", erklärte Reif nach seinem Abtritt. Zum einen mag das positiv sein, weil er sich von diesen teilweise wirklich idiotischen Kommentaren nicht beeindrucken lassen sollte, zum anderen gibt er damit aber auch indirekt zu, dass er die neuen Medien schlicht und einfach nicht nutzt. Das ist natürlich Geschmacksache, nicht selten geht damit aber auch ein großer Informationsverlust einher.

Wenn ich mich vor einem Spiel über die einzelnen Spieler informieren möchte, finde ich nicht selten interessante Geschichten in den sozialen Medien. Wenn dann doch mal ein Reif unterstellter Redakteur etwas Interessantes ausgrub und ihm zum Lesen gab, klang das im Fernsehen dann allerdings so, als würde man einen Film aus den 30er-Jahren mit ganz viel Techno-Musik unterlegen. Kurzum: Das passt einfach nicht.

Der Nachfolger steht schon bereit

Auch wenn ich selbst seinen Stil nicht wirklich mag und auch regelmäßig bei seinen Spielen mit dem Kopf schütteln muss, die Anfeindungen gegenüber Reif gingen vor allem im letzten Jahr zu weit. Weder hat es ein Kommentator verdient, dass Fans sein Auto belagern, noch muss er sich eine Bierdusche auf der Pressetribüne gefallen lassen. Sowas ist absoluter Schwachsinn und für mich hätte Reif damals schon gute Gründe gehabt, sofort zurückzutreten. Denn egal wie kontrovers sein Stil ist, ein Kommentator darf zu keinem Zeitpunkt Angst um sein Leben oder ähnliches haben müssen.

Dennoch war Reifs Ende bei "Sky" auf kurz oder lang absehbar. Mit Wolff Fuss haben die Verantwortlichen beim Pay-TV-Sender bereits ein neues Flaggschiff parat. Eins, das nicht nur seinen eigenen, pointierten Stil hat, sondern vor allem mit den sozialen Medien umgehen kann. Fuss diskutiert über Facebook regelmäßig mit seinen Fans über aktuelle Themen im Fußball, Reif besitzt dort nicht mal eine offizielle Seite. Fuss wirkt so einfach kommunikativer und reagiert sogar mal auf Kritik. Sowas sorgt für eine Bindung zum Zuschauer und verhindert auch Shitstorms in der Härte, wie sie Reif zuletzt abbekommen hat.

Dass Reif nicht den Schritt in die zweite Reihe vornimmt, sondern komplett abtritt, ist übrigens ebenfalls die absolut richtige Entscheidung. Denn sonst würde er bei "Sky" zu einem Relikt aus längst vergangenen Zeiten verkommen. Und das hat der Schweizer nicht verdient - denn er hat in seiner Karriere zuvor definitiv Großes geleistet.

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