Mittwoch, 13.01.2016

Syrien auf dem Weg zur WM 2018

Zwischen Hoffnung und Albtraum

Während in Syrien ein aussichtsloser Bürgerkrieg tobt, der zum Zentrum und Symbol des Schrecken verbreitenden IS geworden ist, spielt die syrische Nationalmannschaft um die Qualifikation zur WM 2018 in Russland. Die Chancen auf den Erfolg des Unterfangens sind gut wie lange nicht mehr - und dennoch hat die Mannschaft den Rückhalt des Volkes längst verloren. Sie ist zum Spielball der Politik geworden.

Die syrische Nationalmannschaft macht Werbung für das Assad-Regime
© getty
Die syrische Nationalmannschaft macht Werbung für das Assad-Regime

Am 16. November 2015 brachte Syriens Nationaltrainer Fajr Ibrahim das Fass zum Überlaufen. Gemeinsam mit Mittelfeldspieler Osama Omarin erschien er zu einem Pressetermin mit einem weißen bedruckten T-Shirt. Das Motiv, das auf dem Oberkörper beider Männer prangte: Baschar al-Assad und der Schriftzug: "Der beste Mann der Welt".

Die Szene steht stellvertretend für eine klar Positionierung der Fußballer, die ein gespaltenes Land vertreten, das in drei nicht vereinbare Lager geteilt ist: die Regierung al-Assads, die Rebellen und den Islamischen Staat, der längst auch in Europa für Furcht und Schrecken sorgt.

An den Händen aller drei Parteien klebt Blut, der Konflikt hat Tausende Menschen das Leben gekostet und ein Ende ist längst nicht in Sicht.

Dass auch der Fußball längst Teil des Krieges ist, wurde spätestens klar, als Ibrahim mit dem Konterfei des Mannes vor die Presse trat, der Hunderte Syrer verschleppen lässt, die nie wieder auftauchen, der konsequent Regierungsgegner und Rebellen jagen und verhaften lässt, der Menschenrechtsverletzungen begangen hat. Und das seit Jahren.

Opposition fordert einen Ausschuss

Einen Ausschluss Syriens aus der WM-Qualifikation forderte die Opposition, viele Fußball-Fans haben mit dem Nationalteam gebrochen, sie unterstützen trotz der Bomben und Schüsse lieber die lokalen Klubs, die trotz allem weiterspielen. Entweder sie lagern ihre Spiele aus oder sie spielen in den wenigen Teilen des Landes, die einen Betrieb noch zulassen. Teilweise kommen über 10.000 Zuschauer.

Der Großteil des Nationalteams spielt inzwischen aber im Ausland, auch das wirft man ihnen vor. Nur noch vier Akteure verdienen ihr Geld in der Heimat.

Es ist schade, dass al-Assad so klar der Förderer der Nationalmannschaft ist, und die Nationalmannschaft so klarer Unterstützer al-Assads, denn gerade in diesen Tagen täte dem verwundeten Land dieses eine Einheit gebende Land gut. Und gerade jetzt ist Syrien auf dem Weg, Geschichte zu schreiben.

Hinter Japan auf Platz 2

In der Gruppe E der 2. Runde der asiatischen Qualifikation steht Syrien hinter Japan auf dem zweiten Platz, nur ein Punkt dahinter. Im März trifft Syrien auf Japan und spielt um den Einzug in die 3. Runde und um die Durchsetzung einer Sensation. Denn während große Teile der Verbands-Strukturen weggefallen sind, während Krieg tobt und westliche Jets am Himmel kreisen, hat Fajr Ibrahim eine schlagkräftige Truppe zusammen, eine, auf die das Land stolz sein sollte - jedenfalls nach sportlichen Kriterien.

Doch um Sport geht es seit dem 2011 begonnenen blutigen Krieg nicht mehr. "Al-Assad nutzt den Fußball, um das Volk auf seiner Seite zu halten. Und der Fußball wird ihm bereitwillig Untertan. Das grenzt an einen Skandal", ließ die Opposition schon 2013 in einem Schreiben verlauten.

Und die Spieler? Die wollen eigentlich nur Fußball spielen. Dass es längst um mehr geht, zeigt der Fall des Kapitäns Omar Balhous. Er wurde 2011 verhaftet, weil er bewaffneten Rebellen Unterschlupf gewährt haben soll, inzwischen gehört er wieder zum Kader, und zu den Spielern, die von der Opposition angefeindet werden.

Ehemalige Erstliga-Spieler als Rebellen

Andere syrische Fußballer haben sich den Rebellen angeschlossen. In Zeiten der Not und des Krieges war für die Flucht keine Option - und der Fußball noch weniger.

Nach Schätzungen haben sich mindestens 20 ehemalige Erstliga-Spieler dem bewaffneten Widerstand gegen al-Assad angeschlossen. Andere sollen zum IS übergelaufen sein.

Am 13.10.2015 schlug Syrien Afghanistan mit 5:2 und auf der Tribüne des Al-Seeb Stadiums, gelegen im Oman, jubelten vielleicht zwei Dutzend "Heim"-Fans. Einen Monat vorher hatte die Opposition zum bewaffneten Kampf gegen Russland und den Iran aufgerufen, nachdem neben Stellungen des IS auch Oppositions-Stellungen von russischen Fliegern bombardiert worden waren.

Nationaltrainer Ibrahim schwärmt von Putin

Es mutet wie ein bizarrer Zufall an, dass Syrien ausgerechnet für die Teilnahme der WM in Russland spielt. Dass sich Trainer Ibrahim vor die Presse stellt und einen Mann als "besten Mann der Welt" bezeichnet, während syrische Zivilisten von dessen Bomben getötet werden, grenzt an einen Skandal. Es zeigt, dass der Fußball in Syrien längst politisch geworden ist - und die Spieler wider Willen zu einem Spielball der Mächte.

Deshalb wäre es auch tragisch, wenn die FIFA handeln würde, und Syrien von der Qualifikation ausschließen würde. Es wäre aber auch absolut gerechtfertigt, denn ein Teams, das für einen nachweislichen Verletzter der Menschenrechte spielt und in seinem Namen siegt, hat eigentlich nichts in einem sportlich sauberen Wettbewerb zu suchen. Eigentlich.

Denn nach dem Skandal-Jahr 2016 weiß niemand mehr, wo die Sauberkeit des Sports Fußball aufhört, und wo Korruption, Schmiergelder, Absprachen und Betrug anfangen.

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Maximilian Schmeckel

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Maximilian Schmeckel(Page2-Autor)

Maximilian Schmeckel, Jahrgang 1994, verliebte sich 2002 in den Fußball, als er Raul Gonzales in Japan und Südkorea spielen sah. Nach einem Jahr als Blogger bei MySpox wurde er 2014 Eishockey-Reporter für die tz und schreibt seit 2015 als freier Mitarbeiter für Goal.com und Gast-Autor für 11 Freunde. Nebenbei studiert er in München.


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