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Kompakter Raum gegen Dominanz

Von Manuel Behlert
Beide Teams stehen vor der Herausforderung, das taktische Konzept des Gegners zu brechen
© getty

Am 6. Juni (Sa, 20.45 Uhr im LIVE-TICKER) findet im Berliner Olympiastadion das Finale der Champions League statt. Nach einer hochklassigen Saison mit vielen Highlights stehen sich Juventus Turin und der FC Barcelona gegenüber, die auf ihrem Weg einige europäische Spitzenmannschaften aus dem Weg räumen mussten. Beide Mannschaften stehen verdient im Endspiel und haben ihre taktischen Besonderheiten. Page2-Autor Manuel Behlert stellt die zwei Spielkonzepte vor.

Vor der aktuellen Saison übernahm Massimiliano Allegri den Trainerjob bei Juventus Turin von Antonio Conte. Allegri, der in Mailand nicht immer unumstritten war, hat in seiner ersten Saison bei Juventus bemerkenswerte Arbeit geleistet und die Mannschaft mit einer hervorragenden taktischen Variabilität ausgestattet. Die am Häufigsten gewählte Formation ist ein 4-3-1-2, bei Führung und in Situationen, in denen man defensiv besonders gefordert ist, kann man mit einem zusätzlichen Innenverteidiger auf ein 5-3-2 umstellen, was auch schon funktioniert hat in dieser Saison.

Die Viererkette, die sich vor dem erfahrenen Torhüter Gianluigi Buffon in Berlin aufstellen wird, sollte aus Lichtsteiner (rechts), Chiellini und Bonucci (innen) und dem Franzosen Evra (links) bestehen. Die vier variablen Mittelfeldspieler dürften Pirlo, Pogba, Vidal und Marchisio sein, während im Angriff Tevez und Morata beginnen. Diese Mannschaft steht sehr kompakt, macht das Zentrum in der defensive sehr eng und ist gut aufeinander abgestimmt, sehr homogen zusammengestellt und bereitet vielen Gegnern in dieser Saison große Probleme.

Konsequente Defensivarbeit

Gegen Juventus zu Torerfolgen zu kommen, gestaltet sich äußerst schwierig. In der bisherigen Spielzeit in der Königsklasse kassierten die Italiener in 12 Spielen lediglich 7 Gegentore und ließen verhältnismäßig wenige Großchancen zu. Die defensive Stabilität ist abhängig von vielen Faktoren. Zuerst einmal ist der läuferische Aufwand bei den Turinern sehr hoch, jeder Spieler investiert viel in die Defensive und arbeitet für den Nebenmann mit. Das Zentrum wird permanent dicht gemacht, Lücken werden geschlossen und man versucht immer eine Überzahl in Ballnähe zu haben, um dem Gegner nicht im Ansatz Platz zu lassen.

Eine kompakte Defensive ist Grundvoraussetzung um gegen den FC Barcelona eine Chance zu haben. Das Kreativzentrum der Katalanen um Ideengeber Iniesta könnte durch die gerade in der Zentrale besonders gut verteidigenden Turiner an Wirkung verlieren, wichtig wird dann vor allem sein, dass Juventus genauso aufmerksam verteidigt, wenn Barcelona das Spiel auf die Außenbahnen verlagert.

Dort könnte es zu Problemen kommen wenn die Defensivspieler aus dem Zentrum nicht sofort reagieren und den Außenverteidigern unterstützend beistehen. Es wird ohnehin interessant zu beobachten sein, wie Juventus auf die variable und technisch starke Offensive der Spanier reagieren wird und ob man womöglich tiefer steht als gewohnt - möglich wäre es.

Aufgebaut wird gerne über Außen

Das Aufbauspiel von Juventus gestaltet sich sehr häufig über die Außenverteidiger, die gesucht werden - auch Pirlo im Zentrum des Spiels ist eine gern gesehene Anspielstation für die Verteidiger, weil er immer eine Lösung findet. Allegri verfügt über ein Team mit sehr routinierten Verteidigern, die unter Druck auch gerne Torhüter Buffon in das Aufbauspiel einbinden und sich von aggressivem Pressing nicht verunsichern lassen.

Zur Not schlagen Chiellini oder Bonucci den Ball weit auf die beiden Angreifer und klären gefährliche Situation somit. Beide Innenverteidiger sind außerdem sehr kopfballstark, besonders wenn Juventus auf ein 5-3-2 umstellt und einen zusätzlichen Innenverteidiger im Spiel hat sind hohe Bälle quasi wirkungslos. Auch bei ruhenden Bällen ist man defensiv nur schwer zu überwinden. Barcelona wird im Kopfballspiel unterlegen sein, neben den Innenverteidigern zählt auch Morata und mit Abstrichen Pogba zu den Spielern, die eine Vielzahl der Kopfballduelle gewinnen können.

Balance im Mittelfeld, Dynamik im Angriff

Man sollte aber nicht den Fehler machen und Juventus Turin nur auf die kompakte Defensive reduzieren, auch im Angriffsspiel ist das Allegri-Team teilweise beeindruckend und agiert taktisch sehr durchdacht. Das Mittelfeld ist sehr kompakt, aber nicht nur auf as Erhalten der defensiven Stabiität ausgerichtet. Neben Pirlo, der sich oftmals zwischen die Innenverteidiger fallen lässt und aus der Tiefe das Spiel macht und den Ballverteiler mimt, ist vor allem Marchisio für die Balance im Mittelfeld zuständig.

Er ist ein relativ unspektakulärer Spieler, der die taktischen Vorgaben des Trainers perfekt umsetzen kann und Lücken schließt. Pogba, Vidal und Marchisio schalten sich abwechselnd in die Offensive ein, stoßen in die Lücken hinter den beiden Angreifern vor und sind neben Schüssen aus der Distanz auch bei Flanken gefährlich. Grundsätzlich ist aber Paul Pogba am Offensivsten orientiert. Seine Entwicklung bei Juventus ist herausragend und seine Abschlussqualitäten werden immer besser, zudem besticht er durch eine gute Physis.

Struktur ist im Angriffsspiel wichtig. Juventus hatte in dieser Spielzeit in der Champions League eine durchschnittliche Passquote von 88 %, was gegen das Pressing und die forcierten Balleroberungen von Barcelona extrem wichtig ist, damit man die Kontrolle auch unter Druck behalten kann. Der durchschnittliche Ballbesitz liegt bei 55 %, was in diesem Finale nicht erreicht werden kann. Dafür muss Juventus die Angriffe mit der nötigen Konsequenz zuende spielen, nicht wie in Madrid, als man viele lukrative Situationen leichtfertig verspielte.

Effizienz als Schlüssel

In den 12 Spielen dieser Saison erzielten die Turiner 16 Tore, 11 davon innerhalb des Strafraumes. Bei durchschnittlich 12,6 Schüssen pro Spiel bedeutet das, dass die Italiener zwischen 9 und 10 Versuche für ein Tor benötigen. Die Effizienz in der Offensive ist wichtig, wenn die Außenverteidiger nach vorne anschieben, dann sollte ein Abschluss resultieren, damit man hinten nicht offen steht. Pirlo als Dreh- und Angelpunkt im Spiel von Juventus muss unter Druck gesetzt werden, um ausgeschaltet zu werden. Lässt man Pirlo in Ruhe die Bälle verteilen, geht das Konzept der Turiner auf und sie finden zu ihrem typischen Spiel.

Vidal und seine Laufstärke öffnen in der Offensive viele Räume, er ist sehr aggressiv und schiebt sich für eine mögliche Balleroberung oftmals weit nach vorne. Besonders stark sind aber die beiden Angreifer, Tevez und Morata. Während der Argentinier Tevez durch seine Kombinationssicherheit und starke Dribblings besticht, ist Morata ein ganz besonderer Stürmertyp, der Lücken erkennt, einen enormen Torriecher besitzt und trotz seiner Größe relativ beweglich und antrittsstark ist.

Beide harmonieren sehr gut miteinander, Tevez lässt sich gerne auch mal auf die Außenbahn oder in das Mittelfeld fallen, ist im Angriffsdrittel nahezu überall zu finden und bringt seine Fähigkeiten immer wieder gewinnbringend ein.

Gegen die immer wieder sehr hoch stehende Abwehrreihe Barcelonas ist es wichtig, dass man nicht nur sehr genau spielt, sondern auch die Räume nutzt und intelligent Fußball spielt, damit man die im Vergleich zu anderen Spielen geringen Ballbesitzmomente ausnutzen kann. Juventus verfügt mit Sicherheit über diverse Mittel, die dem FC Barcelona Probleme bereiten können. Inwieweit man diese Mittel umsetzen kann, wird man erst in Berlin sehen - Turin ist vorbereitet.

Seite 1: Juventus Turin im Taktik-Check

Seite 2: Barcelona im Taktik-Check

Seite 3: Fazit und Ausblick

Juventus Turin im Steckbrief

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