Biathletin Miriam Gössner im Porträt

Die Frau der Gegensätze

Von Marie Heller
Sonntag, 19.12.2010 | 19:15 Uhr
Miriam Gössner ist Halb-Norwegerin und deshalb zweisprachig aufgewachsen
© Getty
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Miriam Gössner ist eine der Senkrechtstarterinnen in der aktuellen Biathlon-Saison. Ihre jüngsten Erfolge feierte die 20-Jährige allerdings im Langlauf, doch eigentlich gibt's für Gössner nur noch Biathlon. Früher war das noch anders.

Miriam Gössner war vierzehn Jahre alt, als ihr Traum von einer Karriere als Alpin-Rennläuferin zerplatzte. Ein schwerer Sturz am Gudiberg nahe ihres Geburtsorts Garmisch-Partenkrichen wurde ihr zum Verhängnis.

Gössner verunglückte so schwer, dass sie sich mehrere Brüche im Gesicht zuzog. An einer Slalomstange schlug sie sich die Zähne aus - auch das Jochbein war gebrochen.

Gössner verunglückte schwer

Ihre alpinen Karrierepläne waren damit vernichtet - zu groß war die Angst vor weiteren Stürzen. Der schwere Unfall sollte noch länger seine Spuren hinterlassen. Gössner musste langwierige Zahnarztbesuche in Kauf nehmen - der Heilungsprozess zog sich lange hin.

"Ich hatte lange Probleme mit den Zähnen, bin ein halbes Jahr mit einer Zahnlücke herumgelaufen und habe erst spät meine Implantate bekommen. Ich hoffe, ich habe da endlich mal Ruhe," erzählte Gössner SPOX.

Doch die zahlreichen Sitzungen bei ihrem Zahnarzt wurden zum entscheidenden Schicksalsträger ihrer weiteren Laufbahn: Die Zahnarzthelferin, die sie bei ihren unzähligen Besuchen in der Praxis betreute, vermittelte sie an ihren Ehemann - Bernhard Kröll, Bundestrainer im Biathlon.

Gold trotz acht Strafrunden

Gössner wechselte auf die schmalen Bretter. Im Training bewies sie sich vor allem als Lauftalent. Mit 18 Jahren feierte sie ihren ersten Erfolg bei der Biathlon-Junioren-WM in Ruhpolding und gewann mit der Staffel ihre erste Goldmedaille.

Ein Jahr später wurde Gössner im kanadischen Canmore Junioren-Weltmeisterin in der Biathlon-Verfolgung. Sagenhaft: Obwohl sie nach zahlreichen Fehlschüssen acht Strafrunden vor sich hatte, holte sie am Ende mit elf Sekunden Vorsprung den Titel. Eine Leistung, die Gössner als Ausnahmetalent ausmacht, jedoch auch verdeutlicht, wo ihre Schwächen liegen.

Das Langlauf-Talent

"Ich habe meine Ergebnisse schon immer über das Laufen herausgeholt", gibt Gössner zu. Das blieb auch Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle nicht verborgen, der Gössner schließlich 2009 für die WM im tschechischen Liberec, nachdem Stefanie Böhler krankheitsbedingt ausfiel.

Doch Behles Joker hatte sich mehr als nur gelohnt: Gössner lief die schnellste Zeit aller Teilnehmerinnen ihrer Runde und reduzierte den Rückstand des deutschen Teams um 55 Sekunden. Die Folge: Deutschland holte WM-Silber.

Hart im Nehmen

In der Loipe überzeugt Gössner, abseits davon lässt sie sich auch nicht von Verletzungen aus der Spur bringen. Wehwehchen kennt sie nicht. In der letzten Saison verletzte sie sich beim Weltcup in Lahti am Daumen und erklärte hinterher nur beiläufig: "Ach, da ist bei einem Sturz was gebrochen, der Knochen steht ab, und ein Band ist durch. Das muss mal operiert werden, behindert aber jetzt nicht."

Nachdem die Manschette von ihrem verletzten Daumen entfernt wurde, wollte sich Gössner allerdings wieder voll und ganz ihrer wahren Leidenschaft, dem Biathlon, widmen. Auch innerhalb dieser Disziplin reizt Gössner das Wandern zwischen den Gegensätzen.

"Der faszinierende Punkt ist die Gegensätzlichkeit. In einem Moment musst du dich völlig kaputt machen und im nächsten musst du wieder ganz ruhig sein, um diese fünf Scheiben zu treffen. Nur wenn du beides verbinden kannst, hast du eine Chance,  gut zu sein - das alles macht für mich den Reiz aus", bekräftigt Gössner.

Bei Olympia sang sie Norwegens Hymne lauthals mit

Trotz ihrer Bemühungen reichte es für Gössner nicht, sich im Biathlon für Olympia 210 zu qualifizieren. Stattdessen gab's wieder Silber mit der Langlauf-Staffel.

Und wieder ein Gegensatz: Während ihre deutschen Langlauf-Kolleginnen bei der Siegerehrung auf dem Podest standen und inne hielten, sang Gössner aus voller Brust die norwegische Nationalhymne mit - fehlerfrei natürlich.

"Meine Mutter ist Norwegerin. Ich bin halb Norwegerin, halb Deutsche. Ich habe beide Staatsbürgerschaften und bin auch zweisprachig aufgewachsen. Meine ganze Familie ist dort, ich habe einen sehr engen Bezug", sagt Gössner, die stolz auf ihre norwegischen Wurzeln ist. Ihr sportliches Vorbild kommt ebenfalls aus Norwegen: Die Biathlon-Ikone Liv Grete Poiree.

Leidenschaft besiegt Vernunft

Trotz herber Rückschläge, unzähliger Fehlschüsse und starker Leistungsschwankungen brennt Gössner für das Biathlon. Sie beißt sich weiter durch, auch wenn sie im Langlauf höchstwahrscheinlich mehr Medaillen einfahren würde.

Doch Gössner gibt der Vernunft kein Übergewicht, sondern entscheidet sich stattdessen für Leidenschaft und Passion. Und mit ihren gerademal zwanzig Jahren hat sie den Faktor Zeit auf ihrer Seite.

Der bisher größte Erfolg ihrer noch jungen Biathlon-Karriere ist gar nicht lange her: In Östersund belegte sie beim Saisonauftakt in der Verfolgung über zehn Kilometer wie auch im Sprint über 7,5 Kilometer innerhalb von 42 Stunden den zweiten Platz.

"Beides parallel geht nicht mehr"

"Sie hat ja immer wieder den Ruf, zwischen den Welten zu pendeln und keine Biathletin zu sein. Sie hat jetzt bewiesen, dass sie eine ist", schwärmte Trainer Gerald Hönig nach den unerwarteten Siegen.

"Ich kann mich nicht zweiteilen, und beides parallel geht nicht mehr", sagte sie kürzlich.

Es scheint so, als ob Miriam Gössner in Zukunft nicht mehr die Frau der Gegensätze seien möchte.

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