"Gönnen hat im Sport keinen Platz"

Dienstag, 12.08.2014 | 09:50 Uhr
Thomas Röhler geht mit guten Medaillenchancen in die EM
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Die Europameisterschaften in Zürich stehen vor der Tür. Nach seinem Sieg beim Diamond-League-Meeting in Glasgow gehört auch Speerwerfer Thomas Röhler zu den Medaillenkandidaten. Im Interview mit SPOX spricht der 22-Jährige über die Nicht-Nominierung von Markus Rehm, die EM und die Bedeutung der Leichtathletik.

SPOX: Thomas, die Europameisterschaften in Zürich stehen vor der Tür. Im Vorfeld gab es in der deutschen Leichtathletik-Szene allerdings eigentlich nur ein Thema: Markus Rehm und seine Nicht-Nominierung. Wie stehen Sie der Entscheidung des DLV gegenüber?

Thomas Röhler: Die ganze Angelegenheit ist sehr komplex und schwierig. Ich möchte weder in der Haut von Markus Rehm noch in der der Entscheidungsträger stecken. Rein aufgrund meines Studiums würde es mich aber aus biomechanischer Sicht interessieren, wie eine Vergleichbarkeit erreicht werden kann. Im Sinne der Inklusion muss es irgendwann in diese Richtung gehen. Ob etwa eine Einteilung in Klassen sinnvoll wäre, kann ich nicht sagen. Vor allem für den Zuschauer würde es dann zusehends undurchsichtiger.

SPOX: Im Gegensatz zu Rehm sind Sie beim Saisonhöhepunkt dabei. Was haben Sie sich für Zürich vorgenommen?

Röhler: Zunächst wollen wir die Qualifikation souverän meistern. Das Ziel ist ganz klar direkt ins Finale einzuziehen. In diesem ist dann alles möglich. Das hat nicht zuletzt das Diamond-League-Meeting in Glasgow bewiesen. Einfach wird es jedoch nicht. In meinen Augen gibt es aktuell mindestens sechs Athleten, die in der Lage sind, die EM zu gewinnen. Deshalb wäre ich auch mit einer Top-6-Platzierung zufrieden. Am Ende werden wohl Nuancen entscheiden.

SPOX: Gibt Ihnen der enttäuschende Verlauf der WM im letzten Jahr, bei der Sie mit Schulterproblemen zu kämpfen hatten, eine zusätzliche Motivation?

Röhler: Es ist vor allem der Rückblick auf das vergangene Jahr, der mir eine Bestätigung für meine aktuelle Arbeit gibt. Die Saisonplanung ist im Vergleich zum Vorjahr eine gänzlich andere. Stand letzte Saison die U-23-EM in Finnland, die vor der WM lag und bei der ich mit der Bronzemedaille gut abgeschnitten habe, im Fokus, ist in diesem Jahr alles auf die EM ausgerichtet. Wir befinden uns auf dem Weg zum Leistungshöhepunkt und das genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich bin einhundertprozentig gesund und kann völlig befreit angreifen.

SPOX: Angreifen will auch Ihr Speerwurf-Kollege Andreas Hofmann, der sich nach einer langen Verletzungspause erfolgreich zurückmelden konnte und mit Ihnen zusammen nominiert ist. Ist es ein Vorteil, nicht alleine anzutreten?

Röhler: Es ist immer angenehmer, wenn sich der Fokus etwas verteilt und nicht alle Hoffnungen nur auf einem Athleten ruhen. Ich habe einen sehr großen Respekt vor den Leistungen von Andi. Nach drei Jahren zurückzukommen und das direkt auf diese Art und Weise, verlangt nach Anerkennung. Außerdem können wir beide gut miteinander.

SPOX: Obwohl Hofmann bei der Team-EM Ihnen gegenüber den Vorzug erhielt?

Röhler: Sicherlich würde in diesem Zusammenhang das Wort gönnen etwas zu weit gehen. Im Sport ist dafür kein Platz. Wer von gönnen spricht, der lügt. Allerdings respektiere ich ihn und habe deshalb keinerlei Probleme mit der Nominierung. Wir sehen das beide sportlich und können uns so in Zürich gegenseitig pushen. Der deutsche Speerwurf war schließlich mal ganz gut und dahin soll der Weg auch wieder führen.

SPOX: Die Richtung scheint zu stimmen. Beim von Ihnen bereits angesprochenen Meeting in Glasgow erzielten Sie Ihre persönliche Bestleistung und ließen unter anderem den amtierenden Europameister Vitezslav Vesely aus Tschechien sowie den Finnen Tero Pitkämäki hinter sich. Waren Sie von sich selbst überrascht?

Röhler: Überrascht würde ich nicht direkt sagen. Wir haben ab Oslo angefangen, gezielt etwas an der Technik zu verändern. In Paris zeigte sich dann, dass wir auf dem richtigen Weg sind, die Anpassungen trugen erste Früchte. Das Gefühl für den Speer in Verbindung mit dem Anlauf wurde einfach immer besser, was letztlich in der Weite von Glasgow resultierte.

SPOX: Bei den deutschen Meisterschaften ging es nicht ganz so weit. Sie hatten mit widrigen Bedingungen zu kämpfen, konnten dennoch den dritten Titel in Serie feiern.

Röhler: Der Wind in Ulm war wirklich extrem. Allerdings stimmt mich das positive Feedback der Biomechanik, welches wir im Rahmen des Wettkampfs bekommen haben, zuversichtlich. Vor allem den Versuch in der ersten Runde schätzen mein Trainer und auch der Bundestrainer als sehr hochwertig ein. Insgesamt habe ich nur zwei ernsthafte Versuche absolviert und danach den Wettkampf beobachtet.

SPOX: Inwieweit hilft Ihnen der Bundestrainer Boris Obergföll?

Röhler: Er war ja selbst Werfer, deshalb kann er natürlich mit Erfahrungswerten weiterhelfen. Auch bei der Abstimmung des Gesamtweges findet ein reger Austausch statt, dieser jedoch eher zwischen den Trainern. Die entscheidenden inhaltlichen Dinge liegen dann bei den Heimtrainern.

SPOX: Das klingt alles sehr abgeklärt, Sie sind allerdings erst 22 Jahre alt. Spielt der Faktor Nervosität für Sie überhaupt eine Rolle?

Röhler: Ich würde Nervosität nicht unbedingt immer negativ auslegen. Ich verspüre eher eine positive Anspannung, freue mich extrem auf den Wettkampf. Spannungssituationen können sehr wichtig sein, denn die Anspannung an sich macht absolute Höchstleistungen erst möglich.

Seite 1: Röhler über Markus Rehm, die EM in Zürich und seinen Sieg in Glasgow

Seite 2: Röhler über sein Umfeld, den Vermarktungsaspekt und das Studentendasein

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