Boxen

"Nur ich laufe wie ein Penner rum"

Von Interview: Benny Semmler
Jürgen Brähmer (l.), hier mit Don King, steht vor dem Ende seiner Karriere
© Imago

Alles war vorbereitet für die lang ersehnte Rückkehr auf die große Bühne: Jürgen Brähmer sollte am Samstag im Londoner Wembley-Stadion seinen WM-Gürtel im Halbschwergewicht gegen den britischen Shootingstar Nathan Cleverly verteidigen. Die Betonung liegt auf "sollte".
 
 

Am Mittwoch sagte Brähmer wegen einer Verletzung am Augenlid den Kampf ab - und überraschte damit jeden. Die Mitarbeiter seines Boxstalls Universum, die bereits nach London geflogen waren und vergeblich auf ihren Boxer warteten, der einfach nicht in den Flieger stieg. "Bild.de", das eine groß angelegte Marketing-Kampagne startete, um den Fight zu pushen. Und auch SPOX, das sich mit Brähmer im Vorfeld zu einem langen Interview traf.

Die zentralen Fragen, die sich nun ergeben: Was hat Brähmer bewogen, auf den Kampf zu verzichten? Warum ist er nicht einmal für enge Vertraute zu erreichen? Wie geht es mit dem 32-Jährigen weiter? Brähmer selbst geht nicht an sein Handy und ist abgetaucht.

Erst am Freitag meldete er sich auf seiner Homepage zu Wort: ""Diese Ereignisse werden mich nicht davon abhalten, weiterzumachen. Ich war schon immer ein Kämpfer und bin noch lange nicht da angekommen, wo ich sein möchte."

Nach Titelverlust: Brähmer will Karriere fortsetzen

Fakt ist: Nachdem er auch schon zu seinem vorherigen Kampf in Kasachstan wegen einer angeblichen Erkrankung nicht angetreten ist, hat er seine letzte Chance auf ein Comeback wohl verwirkt. Zu einschlägig ist der Ruf des "Knastboxers", zu verfahren die Gesamtsituation. Fast schon eine Randnotiz: Durch den geplatzten Cleverly-Fight ist Brähmer seinen WM-Gürtel los.

Noch immer weiß man nicht wirklich, wie dieser Mann tickt, der noch vor einiger Zeit als "Jahrhunderttalent des Boxens" galt. Das vor der Absage des Cleverly-Fights geführte Interview mit ihm eröffnet aber womöglich einen kleinen Blick auf den wahren Brähmer.

SPOX: Jürgen Brähmer, sind alle Boxer so uneitel wie Sie?

Brähmer: Ich schätze nicht. Wie ein Penner laufe eigentlich nur ich durch die Gegend.

SPOX: Haben Sie wenigstens einen Ausgehanzug für London eingepackt?

Brähmer: Ach, in London rennen sie doch alle so schick rum. Da würde ich mit einem Ausgehanzug ja gar nicht auffallen. Von daher werde ich bei meinem Sportanzug bleiben.

SPOX: Sie kämpfen in der altehrwürdigen Wembley-Arena. Was bedeutet Ihnen das?

Brähmer: Die Arena ist einfach bombastisch und ich freue mich wirklich riesig. Ehrlich, wer da keinen Bock drauf hat, dem ist nicht zu helfen.

SPOX: Wie gut kennen Sie London?

Brähmer: Es geht so.

SPOX: Und wie fällt Ihr Urteil aus?

Brähmer: London ist klasse und eine extrem schöne Stadt. Aber leben würde ich dort nicht wollen. Zwei, drei Tage, das reicht. Die sind dort alle etwas stressig unterwegs.

SPOX: Was passiert denn nach dem Kampf? Tauchen Sie dann ab in die Londoner Nachtwelt?

Brähmer: Also wir fahren da nicht hin, um in die Pubs zu gehen. Am Sonntag nach dem Kampf geht es direkt in den Flieger und zurück nach Deutschland. Und ein paar Tage später werden wir eine kleine Männerreise in die Sonne in Angriff nehmen.

SPOX: Wie lange brauchen Sie, um jemanden einschätzen zu können?

Brähmer: Im Ring oder privat?

SPOX: Lassen Sie uns beim privaten Jürgen Brähmer bleiben.

Brähmer: Dann sage ich mal, dass ich bislang ganz selten von meinem Bauchgefühl enttäuscht wurde und viele Arschlöcher sehr schnell erkannt habe.

SPOX: Manchmal spricht man von interessanten Begegnungen. Welcher Mensch hat Sie nachhaltig beeindruckt?

Brähmer: Bis jetzt haben mir meine Rechtsanwälte Johannes Eisenberg und Dr. Stefan König imponiert. Die labern nicht so blöd rum.

SPOX: Sie machen keinen Scherz?

Brähmer: Nein. Die beiden sind ehrlich, aufrichtig und wirklich tolle Anwälte.

SPOX: Und Sie kennen sich aus mit Juristen.

Brähmer: Das stimmt. In der Szene bin ich ein Experte. Aber wie gesagt: Diese beiden Herren haben mich so oft mit ihrer Art und Weise beeindruckt und positiv überrascht - ich fühle mich immer unglaublich wohl bei denen.

SPOX: Freispruch, Verfahren, Gefängnis. Die Artikel über Jürgen Brähmer sind voll mit einschlägigen Begriffen. Lesen Sie diese Texte überhaupt noch?

Brähmer: Ab und zu. Wenn irgendein Reporter einen besonderen Scheiß über mich geschrieben hat, dann gucke ich mir das schon genauer an. Und wenn ich den dann treffe, dann quatsche ich ihn natürlich auch darauf an.

SPOX: Sind Sie mittlerweile ein sauberer Kerl?

Brähmer: Zumindest habe ich aktuell kein Verfahren gegen mich laufen. Ich bin ein vogelfreier Mensch.

SPOX: Ein schönes Gefühl, oder?

Brähmer: Was soll ich dazu sagen? Ich habe ja immer gesagt, dass ich unschuldig bin und habe die Vorwürfe deswegen auch nie kommentiert.

SPOX: Anfang des Jahres sollten Sie in Kasachstan kämpfen. Damals sagten Sie wegen einer Erkrankung ziemlich überraschend ab.

Brähmer: Kasachstan war für mich die größte Enttäuschung und einer meiner traurigsten Momente. Die Verpflegung, die Unterkunft, das war eine riesige Frechheit. So bringt man keine Sportler unter. Da konnte man nur krank werden.

SPOX: Vermuten Sie System dahinter?

Brähmer: Wir sollten uns nicht wohl fühlen. Das war deren Plan. Punkt.

SPOX: Das Boxen scheint in der Beliebtheit immer mehr an Boden zu verlieren. Immer mehr Kämpfe müssen im Internet übertragen werden, weil TV-Sender das Interesse verloren haben. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Brähmer: Das ist ein riesige Sauerei. Aber es ist ja nicht nur das Boxen, das jetzt nach und nach aus dem Programm fliegt. Die Leichtathletik ist ja schon länger weg vom Fenster. Stattdessen holt sich das "ZDF" auf Kosten der GEZ-Zahler die Champions League für 50 Millionen Euro ins Haus. Als hätten sie nicht schon genug Fußball.

SPOX: Warum schwächelt das Boxen gerade derart?

Brähmer: Immer mehr Boxer verkaufen sich unter Wert. Dadurch leidet nun einmal der gesamte Markt.

SPOX: Möchten Sie Namen nennen?

Brähmer: Nein. Jeder, der sich mit Boxen beschäftigt, wird wissen, wen und welche Firma ich meine.

SPOX: Die schwierige Situation Ihres Arbeitgebers Universum beschäftigt Sie?

Brähmer: Ich mache mir Gedanken, das ist doch logisch. Aber ich habe einen langfristigen Vertrag, und beide Seiten sind gewillt, den zu erfüllen.

SPOX: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Universum-Boss Klaus-Peter Kohl beschreiben?

Brähmer: Sehr gut.

SPOX: Würden Sie der Antwort noch etwas hinzufügen?

Brähmer: Ich glaube, wir sind ziemlich ähnliche Typen. Wir können einfach gut miteinander und sprechen die gleiche Sprache. Auch in schlechten Zeiten halten wir zusammen - und das ist besonders wichtig.

SPOX: Dann ist es gut, dass Kohl wieder aktiver am Universum-Business teilnimmt?

Brähmer: Ich finde das prima. Er ist wieder voll dabei, wirkt frisch und engagiert und ist wieder richtig bissig. Das tut dem ganzen Laden gut.

Alle Box-Termine im Überblick

SPOX: Dann lassen Sie uns spekulieren: Der TV-Sender "RTL" und Jürgen Brähmer werden es demnächst miteinander versuchen.

Brähmer: Fakt ist: Viele Leute finden die Konstellation durchaus interessant.

SPOX: Haben Sie in der Vergangenheit mal ans Aufhören gedacht?

Brähmer: Quatsch. Ich habe jetzt erst wieder richtig Bock auf Boxen. Ich bin gerade in bestechender Form.

SPOX: Aber es gab eine lustlose Phase?

Brähmer: Ich habe es ja eben schon gesagt. Ich habe wieder richtig Lust. Seit zwei Jahren ungefähr. Davor war mir gar nicht so richtig bewusst, wie gerne ich meinen Beruf eigentlich ausübe. Andere Dinge waren plötzlich wichtiger. Und das war sicherlich ein Fehler.

SPOX: Gab es das viel zitierte Schlüsselerlebnis?

Brähmer: Ich meine nicht. Es war eher ein längerer Prozess. Irgendwann sagt dir der Kopf, dass du dich wieder mehr auf Boxen konzentrieren sollst. Der andere Kram lenkt dich nur ab.

SPOX: Andere Geschäfte?

Brähmer: Andere Geschäfte.

SPOX: Sie sind 32. Da sind ernsthafte Planungen ob der Zukunft erlaubt.

Brähmer: Ja. Aber ich fühle mich eher wie ein 27-Jähriger mit viel Erfahrung. Aktuell ist der Kopf frischer denn je, und das kommt dem Körper und Sport zugute.

SPOX: Das mit dem "Jahrhunderttalent" ist Geschichte?

Brähmer: Glauben Sie, dass mich das interessiert? Und wenn ich das Schweriner oder Stralsunder Talent bin, alles egal. Solange es nicht unter die Gürtellinie geht, können die Journalisten schreiben, was sie wollen. Ich rege mich da nicht auf.

SPOX: Dafür stritten Sie mit der "Bild" unlängst ziemlich intensiv.

Brähmer: Klar. Wenn die Grenzen überschritten werden, helfen nur noch juristische Schritte. Und das klappt meistens auch wunderbar. Und auch die "Bild" musste eine ordentliche Strafe zahlen. Das Geld habe ich dann an "Ein Herz für Kinder" gespendet.

SPOX: Lohnt es sich denn noch, Boxer zu sein?

Brähmer: Ich kann mich nicht beschweren.

SPOX: Wissen Sie, wie viel Geld Sie auf dem Konto haben?

Brähmer: Nein.

SPOX: Was bedeutet Ihnen Geld?

Brähmer: Nicht so viel.

SPOX: Wofür würden Sie in Zukunft gerne viel Geld ausgeben?

Brähmer: Ich hatte irgendwie schon jeden Spleen und habe mir viel Schwachsinn geleistet. Ich hatte große Autos und fand die irgendwann langweilig. Jetzt habe ich ein Boot und mir damit viel zu viel Arbeit aufgesackt. Inzwischen sage ich: Je weniger man hat, desto mehr lebt man.

SPOX: Was ist aktuell Ihr Spleen?

Brähmer: Ich fahre wieder Fahrrad und genieße das sehr.

SPOX: Denken Sie vor dem Einschlafen an Boxen?

Brähmer: Nur manchmal. Im Normalfall bin ich müde und schlafe gut ein.

SPOX: Was werden Sie nach dem Boxen machen?

Brähmer: Nicht auf dem Arsch sitzen.

SPOX: Hätten Sie weiter Lust auf das Boxgeschäft?

Brähmer: Warum nicht? Ich könnte mir einige Bereiche ganz gut vorstellen.

SPOX: Ein Praktikum bei Kohl vielleicht.

Brähmer: Ja, das ist denkbar. Aber ich habe ja noch ein paar Jahre. Da können wir uns später nochmal unterhalten.

SPOX: Allerdings müssten Sie die Jogginghose dann gegen den Businessdress tauschen.

Brähmer: Ach was, eine schöne Jeanshose, dazu ein Jackett, das sieht doch super elegant aus. Man muss ja nicht gleich den kompletten Lackvogel machen.

Boxen: Die Weltranglisten

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