Ein Genie wider Willen

Von David Wünschel
Sonntag, 17.11.2013 | 12:33 Uhr
Magnus Carlsen (r.) und Viswanathan Anand spielen zurzeit in Chennai den WM-Titel aus
© getty
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In Chennai könnte Magnus Carlsen jüngster Weltmeister aller Zeiten werden (Mo., 10.30 Uhr im LIVE-TICKER). Sein intuitives Spielverständnis brachte ihm den Spitznamen "der Mozart des Schachs" ein. Doch der 22-Jährige ist kein Freak. Er könnte den Brettsport vom Altherren-Image befreien.

Tiefenentspannt schaut Magnus Carlsen auf das Brett, sein Kontrahent Viswanathan Anand wirkt dagegen etwas nervös. Wie schon in den ersten vier Aufeinandertreffen kann der indische Kommentator keinen entscheidenden Stellungsvorteil ausmachen. Die Partie liegt mal wieder in "Remisbreite".

"Ich hatte einen leichten Vorteil nach der Eröffnung. Aber lange Zeit dachte ich nicht, dass ich gewinnen kann", verriet Carlsen im Nachhinein. Dank eines verpatzten Turmzugs von Anand erspielte sich Carlsen jedoch zwei Mehrbauern und zwang den Inder nach 58 Zügen und knapp sechs Stunden zur Aufgabe. Carlsen folgte seinem Mantra: "Man sollte in jedem Spiel das Letzte geben, das ist man sich und allen Schachfans schuldig."

Für die Anhänger des Denksports ist Carlsen so etwas wie eine Lichtgestalt, das Duell zwischen ihm und Anand ist wohl das fesselndste, seitdem Bobby Fischer und Boris Spasski in den 70er Jahren den Kalten Krieg auf dem Brett ausspielten. Es steht für Jugend gegen Erfahrung, Talent gegen Cleverness. Anand spielt seit Jahrzehnten auf höchstem Level, Carlsen könnte der erste westliche Weltmeister seit Fischer werden.

Schach-WM: Carlsen gewinnt zweite Partie in Folge

Die Schwester besiegen

Das Schachspiel erlernte der junge Magnus im Alter von fünf Jahren von seinem Vater, der Ingenieur und ambitionierter Vereinsspieler ist. Der Knirps verlor jedoch schnell das Interesse am Figuren-Ziehen. Das kehrte erst drei Jahre später zurück: Carlsen wollte unbedingt seine Schwester besiegen.

Von da an konnte sich Carlsen nicht mehr vom Brett trennen. Das Spiel der Könige faszinierte ihn so sehr, dass er sich beim Essen an einen Beistelltisch setzte, um Stellungen durchzuspielen. Er bereiste Europa und nahm an den internationalen Jugendmeisterschaften teil. Mit 13 wurde Carlsen einer der jüngsten Großmeister aller Zeiten. Ein Jahr später besiegte er den Ex-Weltmeister Anatoly Karpov.

Garry Kasparov, der später auch sein Mentor wurde, bezeichnete Carlsen bereits 2005 als die "Hoffnung des Schachs". Trotz des technischen Fortschritts, der die Analyse tausender Partien vor dem PC ermöglicht, sieht sich Carlsen nicht als Computerkind: "Man braucht einen bestimmten Sinn für das Spiel, den man am Bildschirm nicht bekommt."

2010 wurde Carlsen die jüngste Nummer eins der Schach-Historie. Seine ELO-Zahl von zwischenzeitlich 2872 (aktuell: 2870), die die Spielstärke von Schachspielern beschreibt, ist die höchste, die je erreicht wurde.

Lil Jon und Beachvolleyball

Das Interessante am Norweger ist, dass er trotz seiner Erfolge als ganz normaler Junge daherkommt. Die sozialen Netzwerke nutzt er als Präsentationsbühne: Dort zeigt er sich beim Turnen auf dem Klettergerüst, mit einem kaputten Tennisschläger in der Hand oder beim Beachvolleyball mit seinen Freunden.

Für Carlsen ist es wichtig, sich auch mit Dingen abseits von Schach zu beschäftigen. "Ich wandere, fahre Ski, spiele Fußball im Verein", erzählte er dem "Spiegel". Statt klassischer Musik hört er Lil Jon: "Ein dummer Rap-Song, aber er tut mir gut, ich werde locker."

Carlsen ist kein Nerd, die Lebensfreude und Sportlichkeit sind nicht aufgesetzt. Auf Facebook lud er kürzlich ein Bild hoch, das ihn beim Turmspringen zeigt. Carlsen ist muskulös und breit. 2010 erhielt fungierte er für "G-Star" als Posterboy und durfte an der Seite von Liv Tyler posieren. Also doch kein ganz normaler Junge.

Mit Fokus aufs Endspiel

Die körperliche Fitness hilft Carlsen auch auf dem Schachbrett weiter. Bei langen, auszehrenden Partien hat er gegenüber den meist älteren Gegnern stets konditionelle Vorteile. Ein weiteres Markenzeichen ist das intuitive Spielverständnis, das ihm den Spitznamen "Mozart des Schachs" einbrachte: Er kann die optimale Position der Figuren weit im Voraus erkennen.

Dabei legt der 22-Jährige wenig Wert auf die perfekte Eröffnung. Anders als viele Kontrahenten hat sich Carlsen nicht auf bestimmte Startformationen spezialisiert, sondern überrascht immer wieder mit neuen Spielzügen, sodass eine akribische Vorbereitung auf ihn zur Sisyphusarbeit wird.

Den größten Fokus legt er aufs Mittel- und Endspiel. Selbst deutliche Remis-Stellungen werden bis zum bitteren Ende durchgerechnet, gegnerische Fehler werden gnadenlos ausgenutzt. Die konditionelle Härte dürfte ihm auch bei den Marathon-Partien gegen Anand, den Tiger von Madras, weiterhelfen.

"Ich bin kein Genie"

Carlsen selbst misst der Vorbereitung auf seine Gegner nicht allzu viel Bedeutung bei. "Wenn ich mich gut fühle, trainiere ich viel. Fühle ich mich schlecht, lasse ich es bleiben", verriet er dem "Spiegel". "Systematisches Lernen würde mich umbringen." Das schlampige Genie? "Ein Genie bin ich nicht. Schlampig? Vielleicht. Ich bin ein völlig normaler Kerl. Mein Vater ist wesentlich intelligenter als ich."

Der Jungspund sieht Schach eher als Zeitvertreib denn als harte Arbeit an, er beschäftigt sich damit, weil es ihm Spaß macht. Wenn Carlsen keine Lust aufs Training hat, spielt er Online-Poker oder chattet mit Freunden. Anders als am Brett ist Carlsen im echten Leben nicht sonderlich diszipliniert: "Organisation liegt mir nicht, ich bin chaotisch und neige dazu, faul zu sein."

Glamour in die verstaubte Schach-Welt

Dieser Posterboy aus der norwegischen Provinz ist der erste moderne Superstar seines Sports. Er bringt Glamour in die verstaubte Schach-Welt. In seiner Heimat ist er jetzt schon einer der prominentesten Sportler des Landes, kleine Mädchen wollen Fotos mit ihm. Das "Time Magazine" wählte ihn sogar unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Carlsen hat tatsächlich das Zeug dazu, das Altherren-Image des Brettsports aufzupolieren. Auch, weil ihm der Rummel um seine Person nichts ausmacht. Wie er der "Zeit" erklärte, gibt es da jedoch eine Ausnahme: "Was ich nicht verstehe, sind diese Leute, dir mir 'Schachmatt' zurufen. Man geht doch auch nicht auf einen Fußballspieler zu und ruft 'Tor'."

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