Handball

Handball-EM - Dänemarks Superstar Mikkel Hansen: Zwischen Jesus und Björn Borg

Mikkel Hansen ist Dänemarks unumstrittener Superstar
© getty

Im zweiten Spiel der Hauptrunde trifft das DHB-Team bei der EM in Kroatien auf Dänemark (18.15 Uhr im LIVETICKER). Der Olympiasieger hat einen der größten Superstars der Handball-Geschichte in seinen Reihen. SPOX wirft einen Blick auf Mikkel Hansen.

Als dänischer Nationalspieler benötigt es gelegentlich Geduld. Man sitzt nach einem Spiel abfahrtsbereit im Bus und kommt doch nicht los. Draußen hat sich eine Traube aus Fans um Mikkel Hansen gebildet, alle lechzen nach einem Foto oder Autogramm.

Der 30-Jährige hat etwas sehr Seltenes im Handball geschafft. Er ist ein Superstar geworden, zumindest in seinem Heimatland kennen ihn alle, vom Sechsjährigen bis zur Seniorin. Nun schreibt er seinen Namen auf Trikots und Poster, lächelt in dutzende Handy-Kameras. Die Kollegen müssen warten.

"Ich habe mich doch früher auch gefreut, wenn ich von meinen Lieblingsspielern ein Autogramm bekommen habe", meint der 1,96-Meter-Mann. Er will keinen Fan enttäuschen, erst recht nicht, wenn es sich um Kinder handelt.

Uwe Gensheimer: "Mikkel Hansen ist ein sehr offener Typ"

"Mikkel ist ein sehr offener Typ", sagte Deutschlands Kapitän Uwe Gensheimer, der gemeinsam mit Hansen bei Paris Saint-Germain spielt, im Gespräch mit SPOX: "Er hat immer gute Laune und plaudert gerne eine Runde."

Umso erstaunlicher ist es, dass dem Dänen in der Vergangenheit häufig ein eher zweifelhaftes Image angedichtet worden ist. Der Welthandballer der Jahre 2011 und 2015 sei introvertiert, geradezu arrogant.

"Ich kann keine Energie darauf verschwenden, herumzulaufen und andere Menschen davon zu überzeugen, dass ich nicht arrogant bin. Letztlich geht es mir nur darum, dass die bedeutenden Menschen in meinem Leben wissen, dass ich sie mag - und andersherum", sagte Hansen dazu einmal.

Mikkel Hansen und seine Vorliebe für Kunst

Hansen wird schon rein optisch völlig unterschiedlich wahrgenommen. Der Mann mit den langen Haaren und dem Stirnband wird abwechselnd mit Jesus, Björn Borg, einem Hippie oder einem Rocker alter Schule in Verbindung gebracht.

Es fällt schon alleine deshalb unheimlich schwer, den WM-MVP von 2013 außerhalb des Spielfeldes einzuordnen, weil er wenig von sich Preis gibt. Hansen selbst sieht sich schlicht als Handballer und nicht als Superstar, der die Zeitungen mit Schlagzeilen füttern muss.

"Ich weiß, dass er in Paris sehr viel in Museen unterwegs ist", weiß Gensheimer von Hansens Begeisterung für Kunst zu berichten. "Ich mag Gemälde. In diese Thematik einzutauchen, ist sehr aufregend. Es bringt mich auf andere Gedanken und gibt mir neue Ideen", hatte der Weltklassespieler vor einigen Monaten erzählt.

Aus dem Schatten des Vaters

Ansonsten ist Hansen ein Vollprofi, der nahezu alles seinem Sport unterordnet. Sein Tagesablauf richtet sich nach einem strikten Plan. Training, Ernährung, Schlaf - so gut wie nichts bleibt dem Zufall überlassen.

So war es bei ihm schon immer. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte er in der Halle seiner Heimatstadt Helsingoer. Sein Vorbild war sein Vater Flemming Hansen, der ebenfalls im linken Rückraum in der dänischen Nationalmannschaft Karriere gemacht hat.

Zu Beginn seiner Profi-Laufbahn fragten ihn die Leute, wie es denn sei, im Schatten eines so bekannten Vaters aufzuwachsen. Längst richten sich die Fragenden an Hansen Senior: "Wie ist es eigentlich, vom eigenen Sohn in den Schatten gestellt zu werden?"

Talent alleine ist nicht genug

Der Durchbruch gelang Mikkel Hansen in der dänischen Handball-Talentschmiede Svendborg, von wo aus er 2008 zum FC Barcelona wechselte. Kurz nachdem sein Tor bei den Olympischen Spielen in Peking gegen Russland um die Welt gegangen war.

Beim Spiel in der Gruppenphase hatte es nach Ablauf der Spielzeit 24:24 gestanden. Hansen feuerte den letzten Freiwurf aus halblinker Position direkt ins Kreuzeck zum Sieg für Dänemark.

In seinen zwei Jahren in Spanien lernte der 184-malige Nationalspieler die womöglich wichtigste Lektion seiner Laufbahn: Talent ist gut, aber ohne noch härtere und vor allem noch gezieltere Arbeit als ohnehin schon führt es nicht in die absolute Weltspitze. Hansen wechselte für zwei Jahre zurück in die Heimat nach Kopenhagen, ehe es 2012 weiter nach Paris ging.

Erfolge am laufenden Band

Nun prasselten die Erfolgserlebnisse auf ihn nieder. Europameister 2012, Vize-Weltmeister 2011 und 2013, Vize-Europameister 2014, Olympiasieger 2016, vier Mal in fünf Jahren französischer Meister und so weiter.

Unzählige Male war Hansen der Mann für die besonderen Momente. Er war so häufig derjenige, der in alles entscheidenden Momenten den Unterschied ausgemacht hat - und trotz seines riesigen Selbstvertrauens bescheiden blieb.

"Es ist völlig klar, dass man solche Leistungen auf so hohem Niveau nur abliefern kann, wenn man mit den allerbesten Handballern zusammenspielt, egal, ob im Verein oder in der Nationalmannschaft", so der Ausnahmespieler mit der Nummer 24.

Ein hochintelligenter Shooter

Dabei macht er es seinen Mitspielern und Trainern mit seinen hohen Ansprüchen an sich selbst und sein Umfeld nicht immer leicht. Ulrik Wilbek, der die dänische Auswahl von 2008 bis 2014 betreut hat, kann davon ein Lied singen.

"Er konnte richtig sauer werden, wenn er das Training nicht gut fand. Das liegt daran, dass er einen unheimlichen Handball-Sachverstand hat. Er weiß genau, was zu welchem Zeitpunkt trainiert werden muss", sagte Wilbek.

Dessen damaliger Assistent Peter Bredsdorff-Larsen ergänzte: "Mikkel ist nicht nur ein großartiger Shooter, er ist auch ein hochintelligenter Shooter, der extrem gut darin ist, die richtigen Entscheidungen zu treffen." Hansen kann ein Spiel wie sonst kaum jemand lesen, dazu herausragende Pässe spielen.

Hansen fühlt sich in Paris pudelwohl

Alle diese Fähigkeiten zeigt Hansen nun seit fünfeinhalb Jahren in Paris. In der französischen Hauptstadt fühlt sich Dänemarks Handball-Ikone pudelwohl, weshalb er seinen Vertrag im Sommer bis 2022 verlängert hat.

Das mag zum Teil an der bekanntlich üppigen Bezahlung liegen. Man nimmt es einem Charakter wie Hansen aber leicht ab, dass noch ein weiterer Faktor einen entscheidenden Anteil hatte.

"Ich lebe in einer Stadt, in der mich fast niemand kennt."

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