Jannik Kohlbacher im Interview

"Wir müssen die Dänen weghauen"

Dienstag, 26.01.2016 | 12:59 Uhr
Jannik Kohlbacher bestritt im November 2015 gegen Brasilien sein erstes Länderspiel
© getty
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Steffen Weinhold und Christian Dissinger verletzt, mit Dänemark eine absolute Weltklasse-Mannschaft vor der Brust (Mi., 18.15 Uhr im LIVETICKER): Für Jannik Kohlbacher noch lange kein Grund, den Mut zu verlieren. Der Kreisläufer der HSG Wetzlar über seinen Höhenflug bei der EM in Polen, den außergewöhnlichen Zusammenhalt im DHB-Team und eine Konstellation, die für Ärger sorgen könnte.

SPOX: Herr Kohlbacher, Sie gehören mit Ihren 20 Jahren neben Fabian Wiede oder Rune Dahmke zu den so unbekümmert aufspielenden DHB-Emporkömmlingen, die derzeit ganz Handball-Deutschland begeistern. Sie könnten kaum glücklicher sein, oder?

Jannik Kohlbacher: Das stimmt. Ich lebe hier meinen Traum, habe einen riesigen Spaß - es läuft einfach. Ich bin mit dem, was bisher für mich läuft bei der EM, sehr zufrieden. Ich hätte niemals geglaubt, dass ich so viel spielen darf.

SPOX: Und diese Spielzeit erhalten Sie zumindest teilweise auch in den alles entscheidenden Phasen einer Partie.

Kohlbacher: Ganz genau, das freut mich natürlich noch mehr. Gegen Russland durfte ich selbst in den letzten zehn Minuten ran, als es so knapp war. Ich bin für die Spielzeit und das Vertrauen, das mir Bundestrainer Dagur Sigurdsson schenkt, wirklich sehr dankbar. Es gab bisher noch kein EM-Spiel, bei dem ich nicht auf der Platte stand.

SPOX: Insgesamt hat das DHB-Team viel mehr gerissen, als es ihm viele Experten zugetraut hätten. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Kohlbacher: Moment mal. Ich will hier kein EM-Fazit ziehen. Wir sind doch hoffentlich noch gar nicht am Ende. (lacht)

SPOX: Ich dachte eher an ein Zwischenfazit.

Kohlbacher: Okay. Wir können jetzt schon mit Gewissheit sagen, dass wir noch zwei, hoffentlich drei Spiele haben. Bisher können wir natürlich zufrieden sein. Wir haben eigentlich noch kein einziges schlechtes Spiel gemacht. Das soll bitte auch so bleiben.

SPOX: Die Mannschaft vermittelt für Außenstehende den Eindruck, als sei sie sehr intakt. Gewähren Sie uns doch mal einen Einblick.

Kohlbacher: Das wirkt nicht nur so. Die Tatsache, dass wir eine richtige Mannschaft sind, ist ein wichtiger Grund dafür, warum ich mich derzeit so wohlfühle. Wir stehen zusammen, haben einen unglaublichen Teamspirit. Wir kämpfen zusammen und füreinander. Jeder macht wirklich alles, um dem anderen, egal wer es ist, zu helfen. Das macht schon richtig Bock. Und jetzt, wo wir nach Uwe Gensheimer mit Steffen Weinhold zum zweiten Mal unseren Käpt'n verloren haben, müssen wir eben noch enger zusammenrücken.

SPOX: Neben Weinhold ist auch für Christian Dissinger das Turnier gelaufen. Wie hat die Mannschaft diese beiden Genickschläge aufgenommen?

Kohlbacher: Leider kennen wir das ja schon. Es galt bereits im Vorfeld des Turniers, mehrere Stammkräfte zu ersetzen. Wir haben unsere Außen und unseren Kreisläufer plus Paul Drux verloren. Jetzt passiert uns das nochmal mit unseren beiden Rückraum-Shootern. Es ist eine schwierige Situation. Aber: Wir werden weiterhin alles geben und glauben nach wie vor an unsere Chance. Schließlich sind jetzt auch zwei sehr gute Leute nachgerückt.

SPOX: Sigurdsson hat Kai Häfner und Julius Kühn nachnominiert.

Roundup: Alle Spiele, alle Ergebnisse, alle Topscorer

Kohlbacher: Und die haben beide richtig was drauf. Kai Häfner spielt eine super HBL-Saison. Und Julius hat schon mehrfach nachgewiesen, wie wurfgewaltig er ist. Glücklicherweise waren beide schon in der Vorbereitung dabei, so dass es nicht sonderlich schwierig werden dürfte, sie in die Mannschaft einzubinden.

SPOX: Was wird sich dadurch taktisch verändern?

Kohlbacher: Der Bundestrainer lässt sich sicher etwas einfallen. Steffen Fäth wird wahrscheinlich wieder auf Halblinks rücken, Martin Strobel in der Mitte spielen. Fabian Wiede hat bisher ebenfalls ein super Turnier gespielt. Er wird, denke ich, halbrechts auflaufen. Wir haben also nach wie vor eine hohe Qualität.

Wiede im SPOX-Interview: "Dagur tut dem Handball gut"

SPOX: Trotzdem räumten Dagur Sigurdsson und Bob Hanning bei der Pressekonferenz ein, dass Deutschland nun mit einer 1B-Mannschaft auflaufen wird. Ist unter diesen Umständen wirklich ein Sieg gegen eine Weltklasse-Mannschaft wie Dänemark realistisch?

Kohlbacher: Die Truppe, die wir bisher hatten, war aus meiner Sicht keine 1B-Mannschaft. Und das ist sie auch jetzt nicht. Der Kader ist voll von Bundesligaspielern, jeder trainiert und spielt in seinem Verein jeden Tag auf höchstem Niveau. Wir haben doch bisher hier in Polen gezeigt, was wir drauf haben. Wir werden die Ausfälle weiterhin kompensieren. Meiner Meinung nach ist die Chance, Dänemark zu schlagen, noch immer genau so hoch wie vorher.

SPOX: Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Kohlbacher: Ich habe keine Lust, aufzugeben, oder mich mit negativen Gedanken zu beschäftigen. Darin sehe ich aktuell keinen Sinn. Ich bleibe trotz allem positiv. Wir müssen jetzt eben schauen, dass wir mit der Mannschaft, die wir zur Verfügung haben, die Dänen weghauen. Dass das schwierig wird, ist mir aber natürlich auch klar.

SPOX: Weghauen ist ein gutes Stichwort. Schließlich könnte es sein, dass am Ende ein "normaler" Sieg gegen Dänemark nicht zum Einzug ins Halbfinale reicht. Ist diese Konstellation, die sich anbahnt, in der Mannschaft ein Thema?

Kohlbacher: Ja, da haben wir drüber gesprochen. Wenn es so kommen sollte, dass wir nach fünf möglichen Siegen in Serie nicht ins Halbfinale kommen sollten, wäre das sehr ärgerlich. Das muss man sich mal überlegen: Wie schade wäre es denn bitte, wenn wir mit einem Tor Vorsprung gegen die Dänen gewinnen würden und es wegen einem oder zwei Toren nicht reichen würde? Aber gut: In dem Fall könnten wir es leider nicht ändern und es würde uns dann sicher auch niemand den Kopf abreißen. Aber wie riesengroß die Enttäuschung in diesem Moment bei uns wäre - darüber will ich gar nicht weiter nachdenken.

Alles zur EM 2016

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