Fussball

Kroatiens Finalniederlage gegen Frankreich: Ein Verlierer mit erhobenem Haupt

Luka Modric wurde als bester Spieler der WM 2018 ausgezeichnet.
© getty

Kroatien hat das Finale der WM 2018 mit 2:4 gegen Frankreich verloren. Damit blieb dem Außenseiter um Kapitän Luka Modric die Krönung eines traumhaften Turniers versagt. Trotzdem ist Trainer Zlatko Dalic stolz auf sein Team. Modric darf sich zudem mit dem Goldenen Ball als bester Spieler der WM trösten. Vielleicht auch mit dem Ballon d'Or?

Die Schleusen hatten sich noch nicht geöffnet über dem Moskauer Himmel, als der beste Spieler des Turniers auf das Podium schritt und mit versteinertem Gesichtsausdruck Glückwünsche entgegennahm. Von Wladimir Putin, FIFA-Präsident Gianni Infantino und weiteren Würdenträgern - von der Präsidentin des Heimatlandes gab es zusätzlich eine Umarmung und ein aufmunterndes Streicheln übers Gesicht.

Anschließend durfte Luka Modric den Golden Ball Award in Empfang nehmen, für den besten Spieler der WM 2018. Kein Cristiano Ronaldo, kein Neymar, auch kein Antoine Griezmann oder Kylian Mbappe.

Und auch kein Lionel Messi. An den mag Modric in diesem Moment gedacht haben, schließlich waren die Parallelen zu den Abläufen vor vier Jahren überdeutlich: Wieder wurde eine Nummer zehn geehrt, wieder war es der beste Spieler des unterlegenen Teams, der eine in diesem Moment sicherlich bedeutungslose Trophäe annehmen und gute Miene zum bösen Spiel machen musste.

Während Messi aber damals, neben dem besten Torhüter Manuel Neuer stehend, zumindest schüchtern für den Bruchteil einer Sekunde ein Lächeln angedeutet hatte, stand Modric der Schmerz ins Gesicht geschrieben, als er in die Ferne starrte und sich mit einem kurzen Winken von den Fans verabschiedete. Der strömende Regen, der wenig später einsetzte, er hätte in diesem Moment für poetische Bilder sorgen können. Sag mal, weinst du, oder ist das der Regen...?

Kroatien spielte eine fast makellose WM 2018

Modric hatte seine Tränen da allerdings schon getrocknet. Die Strapazen der vergangenen 90 Minuten, der vergangenen fast fünf Wochen, sie waren ihm nicht anzusehen. Fast makellos. Aber eben nur mit einem Trostpreis im Arm.

Fast makellos, so war auch die WM aus Sicht der Kroaten abgelaufen. Drei Siege in einer stark besetzten Vorrunde, darunter ein dominantes 3:0 über Argentinien und Messi. Dazu drei mehr als hart erkämpfte Siege in der K.o.-Runde, allesamt nach 120 Minuten, mit eisernen Nerven und dem nötigen Glück.

Und in der Heimat lagen sich 4,2 Millionen Menschen in den Armen. Eine Einwohnerzahl wie Berlin, das kleinste Land in einem WM-Finale seit Uruguay 1950. Wäre Kroatien ein Spieler, er wäre ein halbes Jahr jünger als Griezmann.

WM-Finale. Für Modric und sein Team die Erfüllung eines Traums, und für ihn selbst die Krönung einer unfassbaren Karriere, mit vier Champions-League-Titeln in den letzten fünf Jahren. Er hätte sie alle eingetauscht für diesen goldenen Pokal, den Philipp Lahm, Kapitän von 2014, mitgebracht hatte.

Alle Gewinner des Goldenen Balls

JahrGastgeberWeltmeisterBester Spieler
1982SpanienItalienPaolo Rossi (Italien)
1986MexikoArgentinienDiego Maradona (Argentinien)
1990ItalienDeutschlandSalvatore Schillaci (Italien)
1994USABrasilienRomario (Brasilien)
1998FrankreichFrankreichRonaldo (Brasilien)
2002Japan/SüdkoreaBrasilienOliver Kahn (Deutschland)
2006DeutschlandItalienZinedine Zidane (Frankreich)
2010SüdafrikaSpanienDiego Forlan (Uruguay)
2014BrasilienDeutschlandLionel Messi (Argentinien)
2018RusslandFrankreichLuka Modric (Kroatien)

Kroatien im WM-Finale: Am Ende fehlt das Glück

Doch am Ende blieben nur Tränen und eine andere Auszeichnung. Ebenfalls golden glänzend, aber eben nur für ihn, den 32-Jährigen, der die Dekade der Dominanz von Ronaldo und Messi bei der Vergabe des Ballon d'Or im Januar 2019 beenden könnte.

Denn im Finale, da spielte Kroatien eben nicht mehr makellos. Wieder war es ein couragierter, engagierter Auftritt, in der ersten Stunde war man gegen die Startruppe aus Frankreich sogar die bessere Mannschaft.

Aber die Franzosen machten auch in ihrer schwachen Phase in Halbzeit eins aus einem Torschuss zwei Tore. Und dem Außenseiter fehlte in den entscheidenden Situationen die Konzentration, das Glück, das entscheidende Etwas.

Wo Mario Mandzukic gegen England noch zum Sieg getroffen hatte, traf er diesmal ins eigene Netz. Ivan Perisic erzielte mit einem echten Hammer den Ausgleich, hatte aber wenige Minuten später die Hand am Ball. Torhüter Danijel Subasic, in zwei Elfmeterschießen noch der Held, wurde von Paul Pogba und Mbappe jeweils auf dem falschen Fuß erwischt. Und plötzlich stand es 1:4, der Traum vom Titel war ausgeträumt.

Luka Modric bei der WM in Russland: Der perfekte Allrounder

"Meine Spieler können erhobenen Hauptes hier rausgehen und stolz auf ihre Leistung sein", erklärte Trainer Zlatko Dalic auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Es sei ein tolles Match gewesen, aber vier Gegentore seien einfach zu viel für ein gutes Ergebnis. Kritik an Schiedsrichter Nestor Pitana und dessen Elfmeter- sowie der höchst strittigen Freistoßentscheidung vor dem 0:1 verkniff er sich. Für Regisseur Modric, dessen Stimme im kroatischen Fernsehen eine halbe Stunde zuvor beinahe gebrochen war, hatte er ein Sonderlob übrig: "Wir freuen uns sehr für ihn. Er hat die Auszeichnung verdient."

Der schmächtige, nur 1,72 Meter große Spielmacher war wieder einmal zwischen Freund und Feind herumgespritzt, hatte das kroatische Offensivspiel organisiert und in der Defensive keinen Zweikampf gescheut. Das Turnier beendet er mit den zweitmeisten gespielten Pässen, zudem haben nur drei Spieler mehr Chancen vorbereitet und nur zehn Spieler mehr Bälle abgefangen als er. Ein echter Allrounder.

Einer, der mit seinem Team in Zagreb empfangen werden wird wie ein Weltmeister. Der mit fast 33 aber womöglich auch schon sein letztes Spiel im Trikot mit dem charakteristischen rot-weißen Karomuster absolviert hat. Dass es mindestens sein letztes WM-Spiel war, ist realistisch.

Kroatien als Vorbild für kleine Nationen

Die restliche Fußballwelt wird ihm und seinen Kroaten so oder so applaudieren. Und ganz genau hingeschaut haben: Während die Großen des Weltfußballs bei den Franzosen gelernt haben, dass nicht etwa Ballbesitz oder Superstars die Lösung sind, sondern ein "Defense first"-System mit schnellem Umschaltspiel, dem sich auch Paradiesvögel wie Paul Pogba klaglos unterordnen, wird eine Ebene darunter Kroatien das Beispiel dafür sein, was alles möglich ist.

Dass sich im heutigen Fußball auch auf der größtmöglichen Bühne ein Underdog bis ins Finale spielen kann, wenn Einsatz und Spirit stimmen. Wenn sich auch der Superstar für die Drecksarbeit nicht zu schade ist, wenn ein Rückstand nicht entmutigt und das Kollektiv über sich hinauswächst.

Ein neunter Weltmeister wurde diesmal nicht in die Trophäe eingraviert. Stattdessen bekommt Frankreich seinen zweiten Stern.

Aber vieles spricht dafür, dass Kroatiens Marsch ins Finale keine Eintagsfliege war. Vielleicht ist es in vier Jahren schon soweit.

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