WM-Gastgeber Russland: Und die sind ernsthaft im Achtelfinale?

Von Johannes Wiest
Montag, 25.06.2018 | 11:12 Uhr
Die russische Nationalmannschaft feiert beim Sieg gegen Ägypten.
© getty
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Venlo

Vor der Weltmeisterschaft in Russland sprach nicht viel für ein erfolgreiches Abschneiden des Gastgeberlandes. Wie kommt es also, dass sich die Sbornaja bereits vor dem letzten Gruppenspiel gegen Uruguay für das Achtelfinale qualifiziert hat?

"Die russische Nationalmannschaft auflösen - wir wollen stolz sein und uns nicht schämen." Es ist Juni 2016: Die russische Nationalmannschaft ist gerade in der Gruppenphase der EM sang- und klanglos gescheitert, Trainer Leonid Sluzki zurückgetreten.

Da taucht online eine Petition auf, die das Ende der Sbornaja fordert - schmachvolle Auftritte wie beim vergangenen Turnier soll es nicht mehr geben. Fast eine Millionen Unterstützer hat das Begehren rund einen Monat später, der russische Fußball ist am Abgrund.

Russlands Abschneiden bei der EM 2016

PlatzLandTordifferenzPunkte
1Wales+36
2England+15
3Slowakei04
4Russland-41

Die bisherige WM der Sbornaja: Russland überrascht sich selbst

Knapp zwei Jahre danach zeigt Russland eine ganz andere Seite: "Wer, sagen Sie mir, WER hätte einen Tag vor dem Beginn der WM an eine solche Entwicklung geglaubt?" Die russische Zeitung Sport Express stellte in ihrer Ausgabe nach dem jüngsten WM-Sieg gegen Ägypten selbst die Frage, auf die es nur eine Antwort geben kann: niemand.

Niemand hätte zu träumen gewagt, dass die russische Nationalmannschaft mit sechs Punkten und 8:1 Toren in das Turnier starten würde. Niemand hätte gedacht, dass sich das Team bereits nach zwei Spielen souverän zum ersten Mal für das Achtelfinale qualifiziert.

Niemand hätte geglaubt, dass aus der trostlosen Stimmung ein Fußballfest für die Russen werden sollte. Die Mannschaft, die vor Turnierbeginn die niedrigste Platzierung aller WM-Teilnehmer im FIFA-Ranking einnahm, überrascht. Am meisten wohl sich selbst.

Verletzungspech und Systemumstellung vor der WM

Und sie überrascht umso mehr, weil es nach der Europameisterschaft 2016 weiterhin nicht bergauf gehen wollte. Nichts deutete auf eine Kehrtwende hin. Der neue Coach Stanislaw Tschertschessow probierte viel, doch größere Erfolge blieben aus.

Zehn Innenverteidiger testete er seit seinem Amtsantritt im August 2016, bis sich zwei Favoriten herauskristallisierten. Giorgi Jikia und Viktor Vasin sollten bei der WM die Positionen einnehmen - beide rissen sich das Kreuzband. Genauso wie Alexander Kokorin, der eigentlich als Stürmer Nummer eins sein Land vertreten sollte.

Anstatt der jetzt erfolgreichen Viererkette stellte Tschertschessow zunächst auf eine Dreierkette um: "Wir haben nichts mit vier Spielern hinten drin erreicht. Die meisten russischen Teams spielen mit drei Verteidigern", erklärte er die Maßnahme damals.

Erst kurz vor Turnierbeginn entschied sich der Trainer um: Der am 14. Mai vom Rücktritt zurückgekehrte 38-jährige Innenverteidiger Sergey Ignashevich rückte in die neu gebildete Viererkette einer Mannschaft, die bis auf zwei Ausnahmen ausschließlich auf Spieler aus der eigenen Liga setzt.

Russlands unverhoffte Leistungsträger bei der WM

Erfolge blieben aber weiterhin aus: Die Sbornaja konnte keines der letzten sieben Spiele vor dem WM-Start gewinnen. "Ich muss leider zugeben, dass unsere Mannschaft jüngst keine guten Ergebnisse erzielt hat. Aber wir erwarten ganz einfach, dass das Team mit Würde spielt, modernen und interessanten Fußball zeigt und bis zum Ende kämpft", stapelte Präsident Vladimir Putin vor der WM tief.

"Unterstützt uns! Schreibt nicht so verdammt negativ", sagte Artem Dzyuba an die Presse gewandt - und sorgte bei der WM selbst dafür, dass sich die Stimmung im Land dreht. Wie Denis Cheryshev avancierte Dzyuba unerwartet zum Leistungsträger der russischen Nationalmannschaft in den bisherigen beiden WM-Partien.

Beide Spieler machten zuvor in diesem Jahr kein Spiel für die Sbornaja von Beginn an. "Wir waren vielleicht nicht so erfolgreich in der Vergangenheit, aber wir haben aus unseren Fehlern gelernt", nannte Tschertschessow die Gründe für den plötzlichen Erfolg. Den Beweis hatte er bereits zuvor angetreten. Wegen der guten Leistungen nach ihren Einwechslungen im Saudi-Arabien-Spiel stellte er Cheryshev und Dzyuba gegen Ägypten von Beginn an auf.

Russlands Tabellensituation: Erster in Gruppe A

PlatzLandTordifferenzPunkte
1Russland+76
2Uruguay+26
3Ägypten-30
4Saudi-Arabien-50

Russland bei der WM: Hoch und weit

Dzyuba agiert im 4-2-3-1-System auch außerhalb des Strafraums als Ankerpunkt des russischen Spiels. Da die russische Defensive spielerisch eher limitiert ist, erfolgt die Spieleröffnung häufig über einen langen Ball auf den bulligen Stürmer, der sich gerne bis zum Mittelkreis zurückzieht. Er repräsentiert die körperliche Herangehensweise einer russischen Mannschaft, die hohen Einsatz an den Tag legt.

Kein Team läuft im bisherigen Turnierverlauf so viel wie die russische Elf, was allerdings im Zusammenhang mit den nicht ausgeräumten Dopingverdächtigungen einen Beigeschmack hat.

Frontrunner der Sbornaja ist Aleksandr Golovin, der in 180 Minuten 25 Kilometer abspulte. Das 22-jährige Talent hat viele Freiheiten und versucht vor allem, die beiden Außen in Szene zu setzen.

Durch ihren hohen läuferischen Aufwand kompensiert die Mannschaft ihre größtenteils technischen Mängel und ist immer präsent bei zweiten Bällen, die durch eine Vielzahl an Flanken und langen Bällen wahrscheinlich sind.

Russlands WM-Spielplan

DatumGegnerErgebnis
14.06.Saudi-Arabien5:0
19.06Ägypten3:1
25.06Uruguay
30.06 oder 01.07Spanien, Portugal oder Iran

Russlands WM-Taktik: Nichts Besonderes, aber das besonders gut

Defensiv agiert die russische Mannschaft bisher sehr diszipliniert und robust. Cheryshev unterstützt die linke Defensivseite verstärkt, da sich dort mit dem 38-jährigen linken Innenverteidiger Ignashevich und dem 34-jährigen Juri Schirkow Geschwindigkeitsdefizite bemerkbar machen. Die russische Elf macht nichts Besonderes - aber das macht sie bisher besonders gut.

Bei all der Euphorie dürfen die russischen Anhänger allerdings nicht vergessen: Russland hat bisher mit Saudi-Arabien und Ägypten gegen zwei schwache Gegner gespielt. Im Offensivbereich entwickelte keiner der Gegner bisher ernsthaften Druck. So hatte die Mannschaft vor allem nach dem nervösen Beginn im ersten Spiel die Zeit, sich mit den Fans im Rücken besser in die Begegnungen hineinzufinden.

Im Achtelfinale trifft die Sbornaja wohl auf Portugal oder Spanien und damit auf einen Gegner, der eine deutlich höhere spielerische Anlage als der Gastgeber hat. Was jetzt schon als sicher gelten sollte: Eine Petition für eine Auflösung der russischen Nationalmannschaft wird es in diesem Jahr nicht geben.

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