Interview über Rolle von Gesang in der Kurve: "Wir singen im Bus die Darmstadt-Hymne"

Mittwoch, 09.08.2017 | 10:00 Uhr
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SPOX: Kommt es vor, dass fremdsprachige Lieder übersetzt werden?

Viehauser: Das gab es schon immer, einzig der Fokus hat sich verschoben. Wir haben uns früher an England orientiert, aber das bringt mittlerweile nichts mehr, weil der Support dort tot ist. Die Kiddies heute schauen sich auf YouTube Videos aus Italien oder Lateinamerika an und versuchen die Lieder zu übersetzen. Verpönt ist es aber, Lieder von anderen deutschen Vereinen zu übernehmen.

SPOX: Wie kann es dann sein, dass manche Lieder von unterschiedlichen Fanszenen fast identisch gesungen werden, etwa "Von der Elbe, bis zur Isar, immer wieder ..."?

Viehauser: Nicht jede Kurve hat diesen Kodex. Und bei den älteren Liedern kommt das vor allem aus früheren Jahren, als die Hardcore-Fans verschiedener Vereine anders als heute gemeinsam die Länderspiele besucht haben. So haben sich die Lieder der unterschiedlichen Kurven vermischt.

SPOX: Welche Kurven beeindrucken Sie aktuell am meisten?

Viehauser: In Deutschland finde ich Stuttgart und Karlsruhe stark. Die Gelbe Wand in Dortmund lebt dagegen zunehmend nur von ihrem Namen: Zweimal im Spiel legen die los wie die Hölle, aber ansonsten ist das gemessen an der Kurvengröße oft schwach. Auch die berüchtigte Frankfurter Kurve ist auf dem absteigenden Ast. International gesehen war die Roma mein bisheriges Highlight - und Marseille mein vermeintliches.

SPOX: Wie ist das zu verstehen?

Viehauser: Ich habe jahrelang darauf gehofft, dass wir endlich auf Marseille treffen und als es 2012 soweit war, haben deren Ultras wegen eines Streits mit dem Verein boykottiert. Das hat mich richtig angekotzt, weil ihr gesanglicher Support überragend ist. Damals, vor dem Umbau des Stadions, hatten die Ultras sogar DJs in der Kurve und machten in der Halbzeit ihre eigene Performance.

SPOX: Beim FC Bayern dröhnen stattdessen Charts aus den Boxen.

Viehauser: Ich war noch in keinem Stadion, in dem die Boxen so laut aufgedreht werden wie in der Allianz Arena, teilweise kann man sich nicht einmal unterhalten. Beim ersten Spiel ging einst sogar eine Box kaputt, weil sie übersteuert wurde. Besonders nervend ist aber, dass seit der Eröffnung vor Stadionöffnung, wenn wir zum Beispiel gerade Choreos aufbauen, dieselbe CD läuft. Ich kann auswendig jedes Lied in der richtigen Reihenfolge aufsagen.

SPOX: Welches ist das Nervigste?

Viehauser: "Keep the Faith" von Bon Jovi. Eigentlich mag ich es ja, aber in der Arena kann ich es einfach nicht mehr hören.

SPOX: Was erwartet sich der Verein von der Beschallung aus den Stadion-Boxen?

Viehauser: Der Klub sagt, dass es "die Leute" wollen, aber das stimmt einfach nicht. Bei der diesjährigen Meisterfeier war es so schlimm wie noch nie. Ich bin relativ bald nach Abpfiff gegangen, aber ein Kollege war noch länger bei einem Bierstand und hat erzählt, dass eineinhalb Stunden nach dem Abpfiff, als das Stadion schon völlig leer war, immer noch volle Kanne Ballermann-Musik lief. Der DJ hat wohl seine CD aufgedreht und ist feiern gegangen.

SPOX: Bereits in der Halbzeit gab es den umstrittenen Auftritt von Anastacia.

Viehauser: Den fand ich völlig fehl am Platz, weil Anastacia oder auch Helene Fischer nichts mit diesem Sport zu tun haben. Die wollen nur Werbung für sich selbst machen. Es hat mich jedenfalls an einen legendär-schlechten Live-Auftritt aus den 90ern erinnert.

SPOX: Erzählen Sie!

Viehauser: Der Verein hat damals den US-Amerikaner Andrew White damit beauftragt, eine neue Hymne zu dichten. Heraus kam das Lied "Forever Number One", das White dann zur Premiere live im Olympiastadion präsentiert hat. Er kam in einer Winnetou-Fransenjacke vor die Südkurve und hat mit seinem amerikanischen Akzent "Südkurve, wo seid ihr?" geschrien. Das war zum Fremdschämen.

SPOX: Mittlerweile bringt der Verein eigene CDs auf den Markt und verwendet dafür auch Lieder aus der Kurve. Was halten Sie davon?

Viehauser: Damit müssen wir uns abfinden, aber bitter ist, wenn uns dadurch Lieder kaputt gemacht werden. "Deutscher Fußballmeister, FCB" wurde etwa auf der CD des Vereins viel zu schnell eingespielt. Der normale Gelegenheits-Stadiongänger kennt das Lied von der CD und singt es im Stadion immer viel schneller als wir, was dazu führt, dass das Lied nach einer Minute tot ist, weil nicht alle in der gleichen Zeile sind.

SPOX: Ist es rechtlich überhaupt erlaubt, dass der Klub Lieder aus der Kurve für seine eigenen CDs übernimmt?

Viehauser: Da wir die Melodien nicht selbst erfunden haben, haben wir da keine Handhabe. Eine Veröffentlichung haben wir aber verhindert: Ballermann-Sängerin und Ex-Pornostar Mia Julia hat mal unser Lied "Wenn ich nachts nicht schlafen kann" auf Mallorca umgeschrieben und vorab auf YouTube ein Video veröffentlicht. Wir haben vehement protestiert und dann ist sie mit uns in Kontakt getreten und hat das Video schließlich gelöscht.

SPOX: Welche Rolle spielt die Hymne "Stern des Südens" für Sie?

Viehauser: Gar keine.

SPOX: Gibt es denn eine andere Hymne, die Sie beeindruckt?

Viehauser: Aktuell gefällt mir die inoffizielle Hymne von Darmstadt am besten, ein Dance-Lied von einem italienischen Kult-Wirt mit dem Titel "Die Sonne scheint". Die ist so schlecht, dass sie schon wieder geil ist. Als wir in Darmstadt gespielt haben, haben Leute im Auswärtsblock das Lied mitgegrölt und seitdem singen wir es auch manchmal im Bus oder auf Partys. Wenn wir aussteigen stimmen wir spaßeshalber auch schon mal die Hymne von Wattenscheid 09 an. Da schauen immer alle blöd.

SPOX: "You'll never Walk Alone" ist die inoffizielle Hymne des FC Liverpool, wird aber auch von vielen anderen Vereinen gespielt. Was halten Sie davon?

Viehauser: Das finde ich ganz schlimm, weil man Liverpool etwas wegnimmt. Es ist ihr Lied und das hat in Mainz oder Dortmund nichts zu suchen.

SPOX: In welchem Stadion sind Sie als Auswärtsfan hinsichtlich der Akustik besonders gerne zu Gast?

Viehauser: Im Camp Nou von Barcelona ist die Tribüne gegenüber vom Gästeblock niedriger und dahinter stehen Hochhäuser, die ein wahnsinniges Echo werfen. In München machen wir unseren "Wir sind Bayern"-Wechselgesang mit der Nordkurve, in Barcelona eben mit den Hochhäusern. Das ist absolut genial. Eindhoven ist auch super, weil der Auswärtsblock eine überragende Akustik hat. Wenn dort 300 Leute singen, hören sie sich wie 3.000 an. Bei uns in der Allianz Arena ist das leider ähnlich. Wir können allein mit der Südkurve den Gästeblock wenn er geschlossen auftritt nur schwer übertönen, weil das Dach dort extrem verstärkt.

SPOX: Der Verein hat eine Zeit lang Klatschpappen verteilt, um die Lautstärke zu erhöhen.

Viehauser: Das ist schrecklich, weil es nur Lärm, aber keinen Rhythmus macht. Ähnliche Pläne hatte der Verein schon im Olympiastadion, dort wurde früher zur Klatsch-Viertelstunde aufgerufen. Ab der 75. Minute wurden auf der alten Anzeigentafel zwei klatschende Zeichentrick-Hände eingespielt und dazu aufgefordert, bis zum Abpfiff durchzuklatschen, was natürlich nie funktioniert hat.

SPOX: In der Kurve gibt es einen Trommler, der den Takt vorgibt.

Viehauser: Im Olympiastadion war es so, dass manche Leute ihre Trommeln mitgenommen haben und halt getrommelt haben. Das waren mal zwei, mal sechs Leute. Mittlerweile ist alles koordiniert. Früher hatten wir auch einen Trompeter, aber der kann gesundheitsbedingt nicht mehr spielen. Schade eigentlich, das war schon etwas Besonderes.

SPOX: Besonders ist es für Spieler, wenn sie ein eigenes Lied bekommen.

Viehauser: Den Namen in einer bestimmten Melodie zu singen gibt es ja häufig, aber ein richtiges Lied haben bei uns aktuell nur Franck Ribery und Arjen Robben. Bei Robben können wir sogar Einfluss auf das Spiel nehmen. Wenn wir sein Lied singen, wird bei ihm ein Schalter umgelegt und er rennt wie ein Verrückter. Eine kuriose Situation in dieser Hinsicht gab es beim Karriereende von Philipp Lahm.

SPOX: Welche?

Viehauser: Als Lahm bei seinem letzten Auswärtsspiel in Wolfsburg ausgewechselt wurde, wollten wir ihn würdigen, aber wir wussten nicht wie, weil wir kein Lied für ihn haben. Nicht mal eine Melodie. Der Kerl ist seit Ewigkeiten im Verein, einer der besten Spieler aller Zeiten, aber weil er nie der extrovertierte Typ war, entstand nie ein Lied für ihn. Dann haben wir kurzerhand auf die Mehmet-Scholl-Melodie Philipp Lahm gesungen.

Seite 1: Viehauser über die Wandlung der gesanglichen Unterstützung, den Kleinkrieg mit den Ultras und Werbelieder, die zum Mitsingen einladen

Seite 2: Viehauser über Anastacia, Wechselgesänge mit Hochhäusern und Busfahrten, bei denen die Hymnen von Darmstadt und Wattenscheid angestimmt werden

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