Wolfsburgs A-Jugend-Meistertrainer im Interview

"Vom Rasen hätte man frühstücken können"

Von Interview: Florian Bogner
Montag, 23.01.2012 | 20:30 Uhr
Trainer Stephan Schmidt wurde mit dem VfL Wolfsburg im Sommer 2011 deutscher U-19-Meister
© Getty
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Trainer Stephan Schmidt führte die A-Jugend des VfL Wolfsburg vergangene Saison zur deutschen Meisterschaft. In dieser Spielzeit nahm sein Team an der neuen "NextGen Series" - einer Art U-19-Champions-League - teil. Im Interview spricht Schmidt über ein unvergessliches Spiel an der Anfield Road, den Sinn der Nachwuchs-Königsklasse und über Top-Talente, die in Zukunft zu internationalen Superstars reifen könnten.

SPOX: Stephan Schmidt, wie kam es dazu, dass die U 19 des VfL Wolfsburg zum Gründungsmitglied der NextGen Series wurde?

Stephan Schmidt: Der erste Kontakt kam über Steve McClaren (Ex-Trainer der Wolfsburger Profis, Anm. d. Red.) zustande, der Mitglieder des Managements der NextGen Series um Gründer Mark Warburton persönlich kennt. Sie haben sich Spiele von uns angeschaut und sind nach einem Treffen mit uns zu dem Schluss gekommen, dass wir Deutschland in dem Turnier sehr gut vertreten würden.

SPOX: Bei Ihnen gab es gegenüber diesem neu ins Leben gerufenen Wettbewerb keine Vorbehalte?

Schmidt: Wir haben nicht einfach naiv zugesagt - bei Auswärtsspielen ist man schließlich drei Tage unterwegs. Darüber hinaus haben einzelne Spieler auch öfter Nationalmannschafts- oder Auswahllehrgänge. Teilweise trainieren sie auch schon bei der U 23 oder den Profis mit. Dazu kommen schulische Pflichten beziehungsweise Pflichten die Ausbildung betreffend. Wir haben es uns gut überlegt, Pro und Contra abgewogen. Wir haben Gespräche mit den Lehrern und den Ausbildungsleitern geführt. Die haben uns unterstützt und gesagt, dass wir das alles hinbekommen werden.

SPOX: Wie lief so eine Auswärtsspielreise in der NextGen Series ab?

Schmidt: Ob nun Unterkunft, Transfer oder Trainingsmöglichkeiten - alles war hoch professionell. Nehmen wir das Liverpool-Spiel als Beispiel: Wir sind mit dem Bus nach Berlin, von dort mit dem Flieger nach Liverpool. Vor Ort holte uns ein Bus ab, wir konnten ein Abschlusstraining abhalten, haben im Hilton übernachtet und am nächsten Abend um 18 Uhr an der Anfield Road gespielt. Was mich begeistert hat: Wir wurden auch zum Mittagessen eingeladen, bei dem zwölf Offizielle des FC Liverpool im Klub-Anzug ihre Aufwartung gemacht haben. Das zeugt von der Wertschätzung des Wettbewerbs und vom gegenseitigen Respekt der Vereine.

SPOX: Im Stadion der Reds durfte Ihr Team auch einmal unterm Schild 'This is Anfield' durchlaufen.

NextGen Series: Vorhang auf für die Mini-Champions-League

Schmidt: Genau. Diese Mystik und Tradition mitzunehmen, die den Gewölben des Stadions innewohnt, war für die Spieler ein absolutes Highlight. Es lief natürlich auch 'You'll Never Walk Alone' vor dem Spiel. Es war nicht nur sportlich eine unglaubliche Erfahrung. Alleine der Rasen! Das war wirklich ein Teppich, die Spieler schwärmen heute noch davon. Da hätte man von Frühstücken können. Das Sonderbare war, dass der Platz nach dem Spiel noch genau so aussah wie vor dem Spiel. Da sah man keinen einzigen Platzfehler.

SPOX: Wolfsburg hat sich im Rückspiel revanchiert.

Schmidt: Richtig, unsere Heimspiele gegen Liverpool und Sporting fanden in der VW-Arena statt, mit VIP-Service und allem drum und dran. Wir wollten auch Standards setzen. Schön war auch, dass jeder hüben wie drüben reinschnuppern durfte und wir mit den gegnerischen Vereinen nach den Spielen noch in Kontakt geblieben sind. Man kann schließlich viel voneinander lernen.

SPOX: Sportlich verlief die Premiere leider ein bisschen unglücklich.

Schmidt: Sehr unglücklich, ja. Wir wären mit einem Heimsieg gegen Molde im letzten Gruppenspiel ins Viertelfinale eingezogen, haben aber in den letzten Minuten eine 3:1-Führung verspielt. Letztlich haben die Spieler durch die Partien auf höchstem Niveau trotzdem sehr viel mitgenommen. Sie sind dem Profi-Fußball einen Schritt näher gekommen. Immerhin haben wir gegen Liverpool und Sporting Lissabon, das seit Jahrzehnten eine Top-Jugendabteilung hat und Spieler wie Luis Figo, Cristiano Ronaldo und Nani herausgebracht hat, dagegengehalten.

SPOX: War der Unterschied zur A-Jugend-Bundesliga denn so groß?

Schmidt: Die Intensität, das Tempo und der Raum-Zeit-Druck ist um einiges höher. Da halten in unserer Bundesliga-Staffel nur die Top-Mannschaften Bremen, HSV und Hertha BSC mit. Es ist auch psychisch eine andere Beanspruchung für die Spieler. Die Heimspiele in der Arena unter den Augen von Felix Magath waren etwas Besonderes, da wollten alle Spieler über sich hinauswachsen. Einige sind in dieser Drucksituation leistungstechnisch explodiert, andere haben hingegen einsehen müssen, dass sie noch an ihrer mentalen Stärke arbeiten können.

SPOX: Wieso stehen UEFA und DFB dem Ganzen so skeptisch gegenüber? Die NextGen Series ist bislang kein offizieller Wettbewerb.

Schmidt: Der DFB hat im Vorfeld vor allem Bedenken wegen der Belastung der Spieler geäußert. Der Verband hat sich trotzdem bei unseren Heimspielen präsent gezeigt. Ich habe mit einigen Vertretern des DFB gesprochen und mit ihnen eine gute, wenn auch kontroverse Diskussion geführt. Ich habe ihnen mitgeteilt, dass bei uns das Positive überwiegt. Auch, weil das internationale Niveau der Series eine gute Vorbereitung für den Seniorenbereich ist. Und letztlich haben wir die Belastung auch gut wegstecken können.

SPOX: Wie viele Spiele hat ein A-Jugendlicher bei Ihnen zu bewältigen?

Schmidt: Die Bundesliga hat 14 Mannschaften, da gibt es also 26 Spiele. Dazu kommt der DFB-Pokal, wo wir allerdings schon in der ersten Runde ausgeschieden sind. Hinzu kommen vier Spiele im Verbandspokal und die sechs Spiele in der NextGen Series: macht insgesamt 37 Saisonspiele.

SPOX: Andere Kritiker sagen, durch die Mini-Champions-League werde dem Transferwahn bei Jugendlichen noch mehr Türen geöffnet.

Schmidt: Das steht nun wirklich nicht im Vordergrund. Wir haben ja jetzt schon bei jedem Bundesliga-Heimspiel zahlreiche Scouts auf der Tribüne sitzen. Die werden bestimmt nicht wegen drei weiteren Spielen ihre Meinung über die Spieler ändern.

Seite 2: Schmidt nennt seine "Player to watch"

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