Per Kopfsprung ins Eiswasser

Von Arne Pieper
Alban Lafont feierte sein Debüt mit nur 16 Jahren
© getty

Mit seinem Profidebüt wurde Alban Lafont vor wenigen Wochen zum jüngsten Torwart aller Zeiten in der Ligue 1. Der Keeper des FC Toulouse wurde von seinem Trainer in einer Verzweiflungstat ins kalte Wasser geworfen, dem Druck konnte er bisher standhalten. Jetzt winkt allerdings der knallharte Abstiegskampf.

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14 Spiele, neun Punkte und nur ein einziger Sieg: Der FC Toulouse legte in der laufenden Saison einen wahren Horrorstart hin und stand Ende November bereits mit dem Rücken zur Wand. Zu allem Überfluss entpuppte sich der im Sommer aus Portugal verpflichtete Keeper Mauro Goicoechea schnell als Fehlgriff und wurde von Trainer Dominic Arribage nach nur acht Spielen wieder aus dem Kasten genommen. Aber auch Ersatztorwart Ali Ahamada machte in den anschließenden Partien eine - gelinde gesagt - unglückliche Figur. 15 Gegentore in sechs Spielen.

Dem Coach blieb nichts übrig, als eine ungewöhnliche Maßnahme zu wagen: Arribage schmiss am 15. Spieltag den blutjungen Nachwuchskeeper Alban Lafont ins kalte Wasser. Sein Debüt im Tor der Südfranzosen gegen den OGC Nizza machte Lafont mit 16 Jahren und 310 Tagen zum jüngsten Ligue-1-Torwart aller Zeiten.

90 Minuten später war die Feuerprobe mit Bravour bestanden, die Teamkollegen schmissen sich der Reihe nach in die Arme des jungen Keepers: Die Südfranzosen hatten nicht nur einen überraschenden Sieg gegen den Tabellenvierten eingefahren, sondern auch zum ersten Mal seit April 2015 zu null gespielt.

"Es war ein gewagter Schachzug, aber der Wechsel gab mir die Möglichkeit, die Mannschaft aufzuwecken", sagte der überglückliche Trainer auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Lafont hielt dem Druck in seinem ersten Profispiel stand, bereits nach neun Minuten hatte er eine Eins-gegen-Eins-Situation per klasse Reflex entschärft. "Das hat mir enormes Selbstvertrauen für den Rest des Spiels gegeben", sagte er anschließend über die Schlüsselszene.

Aus Verzweiflungstat wird Dauerlösung

Nachdem die Neuentdeckung auch in seinem zweiten Spiel die Null halten konnte, machte Arribage aus seiner Verzweiflungstat kurzerhand eine Dauerlösung. In den ersten sechs Spielen mit Lafont im Tor holte Toulouse drei seiner insgesamt vier Saisonsiege und konnte die Gegentorquote von über zwei auf weniger als einen Treffer pro Spiel runterschrauben. Neuzugang Goicoechea, der bei seiner letzten Station in Arouca noch überzeugt hatte, durfte nach seiner Degradierung nur noch im Pokal einspringen.

Geboren wurde der 1,93 Meter große Lafont in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou. Im Alter von neun Jahren wanderte seine Familie in das französische Montpellier aus. Dort schloss er sich sofort einem kleinen Vorstadtklub an und wurde 2014 von den TFC-Nachwuchsscouts entdeckt. In Toulouse durchlief er binnen kürzester Zeit mehrere Jugendmannschaften und feierte wenig später sein Debüt für die französische U16-Nationalmannschaft.

Nach wenigen Einsätzen wurde er in die U17 hochgezogen, wo er im Oktober 2015 gegen Nordirland zum ersten Mal randurfte. Bernard Doimede war von seinem neuen Schützling sofort beeindruckt. "Er ist unglaublich schnell auf den Beinen. Er kann mehrere Paraden binnen weniger Sekunden hinlegen, oder blitzschnell aus dem Tor eilen, um Konter zu verhindern", ist der Trainer voll des Lobes: "Das ist für mich, was einen Spitzentorwart auszeichnet."

"Lasse mich nicht aus der Bahn werfen"

Die enorme Schnelligkeit ist eines der herausragenden Merkmale von Lafont, der vor wenigen Monaten noch die Nummer fünf in der Hackordnung seines Klubs war. Außerdem wirkt er mit seinen 16 Jahren bereits sehr gelassen und strahlt auf dem Platz viel Ruhe aus. "Ich bin von Natur aus ruhig und lasse mich nicht schnell aus der Bahn werfen", führt der Keeper diese Fähigkeit auf seinen Charakter zurück: "Ich muss jetzt einfach weiterarbeiten, Spaß haben und gut trainineren."

Unweigerlich drängt sich der Vergleich mit dem noch einen Monat jüngeren Gianluigi Donnarumma auf. Der Italiener hat sich den Stammplatz im Tor des AC Milan erkämpft und die Herzen der Tiffosi im Sturm erobert. Während Donnarumma dort bereits zum "nächsten Buffon" ausgerufen wird, sind die Fußstapfen, in die Lafont in Frankreich treten soll, nicht minder groß. Auch Fabien Barthez startete seine Karriere einst als blutjunges Greenhorn beim FC Toulouse. Ob sich Lafont allerdings eines Tages mit Titeln wie dem Champions-League-Sieg sowie eines Welt- und Europameisters schmücken kann, steht noch in den Sternen.

Nach dem furiosen Start bekam er in den Wochen den knallharten Ligaalltag eines französischen No-Name-Teams zu spüren. Gegen das Starensemble von Paris Saint-Germain gab es mit dem 0:1 immerhin noch einen Achtungserfolg inklusive spektakulär entschärftem Ibrahimovic-Freistoß. Spätestens seit der 0:4-Klatsche gegen Monaco ist es um die Anfangseuphorie jedoch geschehen, gefolgt von einer Heimpleite gegen Abstiegskandidat Guingamp. Immerhin kam seither nur noch ein Gegentor für Lafont hinzu. Ob der Teenager jedoch bereits in der Lage ist, seinem Team den Rückhalt zu bieten, den es zum Klassenerhalt benötigt, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen.

Nervliche Zerreißprobe

Gerade die Torhüterposition, auf der man ein Spiel zwar gewinnen, viel schneller aber auch mit einem Patzer verlieren kann, kommt in einem so jungem Alter einer nervlichen Zerreißprobe gleich. Klaus Thomforde, der die Torhüter der deutschen U21-Nationalmannschaft trainiert, kann von derartigen Problemen ein Liedchen singen. Entsprechend kritisch äußerte er sich kürzlich über die Einsätze von Lafont und Donnarumma in ihren Klubs. "Wir sollten uns darüber Gedanken machen, ob es richtig ist, einen jungen Menschen so viel Druck auszusetzen. Die Position bringt viel Verantwortung mit sich", sagte Thomforde der taz: "Deshalb muss man sich auch die Frage stellen: Hat der Junge schon die gefestigte Persönlichkeit, um auch mit Misserfolgen umgehen zu können?"

Die Rückrunde wird die ersten Erkenntnisse liefern. Ein Einstand als Profitorwart garniert mit Abstiegskampf, indem sich Toulouse wahrscheinlich bis zum bitteren Ende befinden wird. Beim Spiel gegen Nantes am vergangenen Wochenende ließ sich Lafont die nervliche Belastung allerdings keineswegs anmerken und hielt seinen Kasten zum insgesamt dritten Mal sauber. Nachdem er die Gäste-Angreifer Adryan und Emiliano Sala mit zahlreichen Paraden an den Rand der Verzweiflung gebracht hatte, musste der Keeper jedoch seinen ersten richtigen Rückschlag hinnehmen. In der 75. Minute humpelte Lafont mit Leistenproblemen vom Platz, der Zeitpunkt seiner Rückkehr ist bislang noch offen.

Nachdem in der ersten Diagnose noch von einer mehrwöchigen Zwangspause die Rede war, hofft man nun auf eine baldige Rückkehr des inzwischen 17-Jährigen. Die Dienste des Senkrechtstarters werden in den kommenden Spielen dringend benötigt, denn für Toulouse stehen die Wochen der Wahrheit an. Am Samstag geht es für den 19. der Ligue 1 zum Tabellennachbarn Montpellier, eine Woche später ist mit Ajaccio ein weiterer Abstiegskonkurrent zu Gast. Da der Abstand zum rettenden Ufer bereits sechs Punkte beträgt, ist das Team von Dominique Arribage zum Siegen verdammt.

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