Premier League Inside - Die Raphael Honigstein Kolumne

Die Crux mit Englands Nachwuchs

SID
Donnerstag, 25.11.2010 | 22:32 Uhr
Die Erben der goldenen Generation: Andy Carroll, Jordan Henderson und Kieran Gibbs (v.l.n.r.)
© Getty
Advertisement
Premier League
Bournemouth -
Manchester City
Premier League
Manchester United -
Leicester
Premier League
Huddersfield -
Southampton (Delayed)
Premier League
Newcastle -
West Ham
Premier League
Crystal palace -
Swansea
Premier League
Chelsea -
Everton
Premier League
Liverpool -
Arsenal

Im Freundschaftsspiel gegen Frankreich sollte eigentlich Englands Zukunft anfangen, doch nach der 1:2-Niederlage erinnerten sich auf der Insel viele an düstere Kapitel der Vergangenheit. Für den "Guardian" stand die fußballerische Lektion, die Laurent Blancs Team den Three Lions erteilte, gar auf einer Stufe mit historischen Wembley-Abreibungen wie dem 1:5 gegen Schottland von 1928, dem 3:6 gegen die Ungarn (1953) oder dem 0:2 gegen Johan Cruyffs Holländer (1977).

"Sogar der einzige richtig gute Engländer, Andy Carroll, unterstrich nur die beschränkten Fähigkeiten des Teams", schrieb das Blatt. "England war durch seine Anwesenheit gezwungen, viele lange Bälle zu spielen - eine Taktik aus den 70er Jahren".

Der Abend fiel auch deshalb so deprimierend aus, weil Fabio Capello vergeblich auf den viel gerühmten Nachwuchs gesetzt hatte. Neben Carroll, 21, hatte er auch Mittelfeldspieler Jordan Henderson (20, Sunderland) und Arsenals Linksverteidiger Kieran Gibbs, 21, spielen lassen.

Die drei Youngster sollten zeigen, dass es ein Leben nach der vermeintlich goldenen Generation der Gerrards und Lampards gibt, leider fielen der Debütant Henderson und der nach langer Verletzungspause gerade erst wiedergenesene Gibbs glatt durch.

Henderson, der heftig von Manchester United umworben wird, wirkte in Capellos 4-4-1-1-System neben Gareth Barry völlig überfordert. Im Verein, das muss man zu seiner Entlastung anführen, spielt er etwas offensiver. Mittelfristig kann er der Mannschaft vermutlich schon helfen, genauso wie Arsenals Jack Wilshere. Der 18-jährige Mittelfeldspieler ist zurzeit der beste junge Engländer in der Premier League. Das Match gegen Frankreich verpasste er verletzt.

Nachwuchs mit technischen Defiziten

Theo Walcott, 21, der in seiner Entwicklung leicht stagnierende Außenstürmer, und Manchester Citys Adam Johnson, 23, sind auch noch jung, dazu kommen vielleicht bald Chelseas Joshua McEachran 17, Chris Smalling (Manchester United, 21) und Jack Rodwell (Everton, 19), die sich zunächst aber im Verein durchsetzen müssen. England, das im Mai die U17-Europameisterschaft gewann - der erste Titel im Nachwuchsbereich seit 1993 - bringt also durchaus Talente mit Perspektive hervor.

Die Frage ist nur, ob Quantität und Qualität ausreichen. Selbst Sir Trevor Brooking, seit 2003 der "Director of Youth Development" der Football Association, gibt zu, dass englische Jugendliche im Vergleich mit spanischen oder deutschen Kollegen technische Defizite haben. "Die WM 2014 wird schwer für uns", sagte der 62-Jährige. "Wir haben keine offensichtlich starken Spieler, die nachkommen. Es sei denn, ein, zwei jüngere Spieler machen einen Sprung nach vorne, aber das ist viel verlangt."

Englische Youngster leiden gleich an mehreren Standortnachteilen. Der größte von allen ist die Inkompetenz und Schwäche der FA. Brooking veröffentlichte bereits im Mai "The Future Game", ein 275 Seiten dickes Pamphlet für eine bessere Ausbildung.

Es ging an alle Nachwuchszentren der Klubs, ist aber völlig unverbindlich. Nach jahrelangen Rangeleien und Problemen mit der Finanzierung wurde erst diese Woche der Bau eines nationalen Fußballzentrums in Burton-on-Trent verabschiedet.

Klubs entweder zu arm oder zu reich

Der 120 Millionen Euro teure Komplex soll 2012 fertig werden und dann Jugendliche nach dem französischen Vorbild Clairefontaine gezielt ausbilden. Bisher gibt die FA nur geschätzte zwei Millionen Pfund im Jahr für die Nachwuchsarbeit aus. Diese wichtige Aufgabe fällt somit ganz den Vereinen zu. Die sind aber entweder zu arm oder zu reich, um die Teenager richtig zu fördern.

Den kleineren Klubs fehlen schlichtweg die Ressourcen. Sie müssen sich auf ehrenamtliche Trainer verlassen, die anders als auf dem europäischen Festland in der Regel keinerlei Qualifikationen haben. Offizielle Zahlen der UEFA belegen, dass in England nur 2769 Coaches B-, A- oder Pro-Lizenzen besitzen.

In Spanien gibt es  dagegen 23995, in Deutschland 34970 professionell ausgebildete Trainer. Ganz oben, in der Premier League, unterhalten zwar fast alle Klubs eine teure Akademie, die begabte Jugendliche zu Profis macht, doch dort gibt es andere Probleme.

Ein Ausländeranteil von 60 Prozent und der enorme Erfolgsdruck macht es Jugendlichen besonders schwer, zu Spielpraxis zu kommen. "Wir leiden unter der Kaufkraft der Premier League", sagt Ex-Nationalspieler Gareth Southgate. "Um junge Spieler zu finden, die regelmäßig spielen, muss man in die zweite Liga oder in die Reservemannschaften schauen."

Nach der EM ab in die Versenkung

Frank Nouble kann davon ein Lied singen. Der 1,90m große West-Ham-United-Stürmer spielte im Sommer eine gute U-19-EM und schoss zwei Tore, doch als er nach London zurück kam, hatten die Hammers den Franzosen Frederic Piquionne und den mexikanischen Flügelspieler Pablo Barrera verpflichtet. Nouble wurde in die zweite Liga zu Swansea ausgeliehen.

Noch ein Beispiel? Mittelfeldspieler Laurence Wilson vom FC Everton spielte eine überragende U-19-EM vor fünf Jahren. Doch der Verein setzte ihn nicht einmal ein. Nach mehreren Ausleihgeschäften spielt er heute bei Morecambe, in der vierten Liga.

Natürlich finden sich ähnliche Schicksale überall. Doch das Bermuda-Dreieck, wie Manchester Citys Jugendbeauftragter Paul Power die Zeit von 18 bis 21 Jahren nennt, in der viele Talente verloren gehen oder es aus irgendwelchen Gründen nicht schaffen, ist in England eben doch noch ein Stückchen größer.

Im Kampf ums Überleben setzen die Klubs lieber auf gestandene Profis aus Übersee, zudem fühlen sich in der globalisiertesten Liga der Welt die zahlreichen ausländischen Trainer und Eigentümer schlichtweg nicht für das Wohl des einheimischen Nachwuchs verantwortlich.

Gerrard ein Einzelfall

Es ist kein Zufall, dass der FC Chelsea seit der Übernahme durch Roman Abramowitsch keinen einzigen Spieler aus der eigenen Jugend zum Stammspieler machen konnte. Auch in Liverpool schaffte seit Steven Gerrard in den späten Neunziger Jahren niemand mehr den Sprung in die A-Mannschaft.

"Man muss sich entscheiden, ob man das beste Produkt haben oder englische Spieler fördern will", sagte Arsenals Trainer Arsene Wenger im Sommer böse, als die neue 25-Mann-Kader Regel der Premier League eingeführt wurde. Die Neuerung hilft im englischen Verband ausgebildeten Spielern, zumindest theoretisch.

"Es reicht nicht, dass junge Spieler im Kader sind", sagt Gordon Taylor , der Chef der Spielergewerkschaft. "Niemand hat was davon, wenn sie vom Banksitzen Schiefer im Hintern haben."

Taylor erinnert an Nationalspieler James Milner (City), der erst nach seinem Wechsel zu Aston Villa Stammspieler wurde: "[Newcastle-Trainer Graeme] Souness sagte ihm, er könne es leider nicht riskieren, junge Spieler zu bringen."

Rahmenbedingungen müssen sich ändern

Genau wie in der Bundesliga, als man erst im Zuge des Kirch-Zusammenbruchs die Freude am Nachwuchs entdeckte (siehe Felix Magaths "Junge Wilde" beim VfB Stuttgart 2003-04), wird nur eine Änderung der finanziellen Rahmenbedingungen zu einem echten Umdenken führen.

Erste Anzeichen gibt es bereits: McEachrans Aufstieg hängt eng mit der Verknappung des Spielerbudgets bei den Blues zusammen und die neuen amerikanischen Besitzer der Reds haben verstärktes Engagement in der Ausbildung angekündigt.

Nur so könne man, sagte John W. Henry, mit Teams wie Arsenal oder ManUnited konkurrieren. "Vielleicht werden junge Spieler mehr Chancen bekommen, weil so viele Vereine finanzielle Probleme haben", hofft Southgate. Bis es soweit ist - und die neuen Strukturen greifen -, dürfte es aber noch den einen oder anderen enttäuschenden Abend im Wembley geben.

Alle Informationen zur Premier League

Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 16 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim früheren Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungierte Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 36-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig und auch unter twitter.com/honigstein zu finden.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung