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Per Mertesacker im Interview: "Wengers Abschied war Verschulden von uns Spielern"

Per Mertesacker beendete im Sommer 2018 seine aktive Karriere.
© getty

SPOX: Gesprochen wurde zuletzt viel über Mesut Özil und seinen Rücktritt aus dem DFB-Team. Sie haben mit ihm bei Werder Bremen, Arsenal und der deutschen Nationalmannschaft zusammengespielt. Wie beurteilen Sie seinen Rücktritt?

Mertesacker: Ich finde es unglaublich traurig, wie das endete, wie sich Parteien auseinanderleben und zerstreiten können. Irgendwann hat alles ein Ende, aber er hätte sicher ein anderes verdient gehabt.

SPOX: Özil sprach davon, von einzelnen Personen im DFB Rassismus gespürt zu haben.

Mertesacker: Ich spürte beim DFB niemals Rassismus oder Diskriminierung. In den vergangenen vier Jahren war ich zwar nicht mehr dabei, kann mir aber nicht vorstellen, dass sich daran etwas geändert haben könnte. Trotzdem sind das seine Gefühle und die muss man respektieren.

SPOX: Kritisiert wird Özil gerne für seine Körpersprache.

Mertesacker: Er hat sowohl für die Nationalmannschaft als auch seine Vereine unglaublich viel geleistet. Jeder Trainer genießt es, mit Mesut zusammenzuarbeiten, weil er für eine Mannschaft unglaubliche Situationen kreieren kann. Und das alles mit der immer gleichen Körpersprache. Mesut hat einen unglaublichen Wert als Fußballer und den sollte man nicht unterschätzen. Für meine eigene Karriere war Mesut sehr wichtig, mit keinem Spieler habe ich öfter zusammengespielt. Wir haben viele besondere Momente geteilt.

SPOX: Drei Mal haben Sie bei Arsenal gemeinsam mit Özil den FA Cup gewonnen. Trainer war jeweils Arsene Wenger, der den Verein im Sommer nach 22 Jahren verließ. Wie haben Sie ihn erlebt?

Mertesacker: Er ist ein besonnener Mensch, der eine beeindruckende Ruhe ausstrahlt. Egal wie schlimm die Krise oder wie schön die Siegesserie war - er blieb immer bei sich. Wenger hatte die Mannschaft gut im Griff und beschützte sie. Diese ewige Zeit im Geschäft muss aber sehr an ihm gezehrt haben. Ich hoffe, dass er jetzt abschalten kann.

SPOX: In den vergangenen Jahren nahm die Kritik an Wenger stetig zu. Kam sein Rücktritt zu spät?

Mertesacker: Nein, er kam keine Sekunde zu spät oder zu früh. Nachdem raus war, dass er gehen wird, hat sich die Stimmung gedreht und es hieß: Was für ein toller Mann, der diesen Klub extrem verändert hat. Mehr Erfolge waren mit dieser Mannschaft einfach nicht möglich. Er bekam einen gebührenden Abschied und ging als Legende dieses Vereins.

SPOX: Wie teilte er der Mannschaft seine Entscheidung mit?

Mertesacker: Das war für uns alle sehr überraschend. Er kam in den Besprechungsraum und sagte, dass er gemeinsam mit den Bossen entschieden hätte, zum Saisonende aufzuhören. Es war ein trauriger Moment, weil ich das Gefühl hatte, meinen Teil dazu beigetragen zu haben. Sein Abschied war das Verschulden von uns Spielern, denn wir hatten viele Möglichkeiten, bessere Resultate zu holen. Wir haben versagt, während er sich immer vor uns stellte. Ich hatte dann als Erster das Bedürfnis, etwas zu sagen, und sprach mein tiefes Bedauern aus. Es war wichtig für ihn zu sehen, dass wir als Mannschaft etwas zu sagen haben und zu ihm stehen.

SPOX: Erlebten Sie zuvor schon einmal eine vergleichbare Situation?

Mertesacker: Ich hatte mit Joachim Löw beim DFB, Thomas Schaaf bei Werder Bremen und Wenger bei Arsenal drei Langzeittrainer. Eine Entlassung erlebte ich nur ganz am Anfang meiner Karriere bei Hannover 96, als Ralf Rangnick gehen musste und für ihn Ewald Lienen kam. Als Rangnick uns davon erzählte, habe ich Spieler weinen sehen. Ich hatte Schuldgefühle und dachte: "Er ist ein guter Trainer, aber wir haben es nicht hingekriegt. Und deshalb hat er jetzt keinen Job mehr." Das Gefühl der Verantwortlichkeit ist echt krass, das hat mich sehr mitgenommen. Mich beschäftigt der Umgang mit Trainern prinzipiell: Es ist selten so, dass in Krisenzeiten an ihnen festgehalten wird. Vor dem Saisonstart kann man sogar Wetten abschließen, wer als erster gefeuert wird. Viele machen sich einen Spaß aus der Existenz von Menschen.

Per Mertesackers Karrierestationen

ZeitraumVereinPflichtspieleToreAssists
2003-2006Hannover 968283
2006-2011Werder Bremen215169
2011-2018FC Arsenal221104

SPOX: Bei Arsenal folgte auf Wenger Unai Emery. Wie ist Ihr Eindruck von ihm?

Mertesacker: Ich habe ein sehr positives Gefühl. Er wird sicher gewisse Dinge verändern und daran müssen sich alle gewöhnen. Damit die Mannschaft aber nicht nur zuhört, sondern auch an die Worte des Trainers glaubt, braucht es jetzt einige Erfolgserlebnisse.

SPOX: Zurück zum Thema DFB. Nach dem Vorrundenaus bei der WM blieb die sportliche Führung im Amt. War das die richtige Entscheidung?

Mertesacker: In diesem Sommer gab es prinzipiell sehr wenige Gewinner. Ich bin aber froh, dass die wirklichen Leader der Mannschaft geblieben sind und gemeinsam mit Joachim Löw und Oliver Bierhoff etwas Neues aufbauen können. Zum Glück glaubt der DFB an diese Leute und traut ihnen den Neuaufbau zu.

SPOX: Philipp Lahm forderte jüngst von Joachim Löw, dieser solle seinen Führungsstil überdenken. Wie beurteilen Sie diese Aussagen?

Mertesacker: Löw braucht niemanden, der ihm irgendwas sagt oder seinen Führungsstil kommentiert. Er ist ein ehrgeiziger Typ und wird sich ganz unabhängig von irgendwelchen Ratschlägen ohnehin überdenken. Nach tollen Jahren wird Löw jetzt auch aus dieser Situation der Erfolglosigkeit viel für sich rausziehen, sich viele Fragen stellen: Haben wir die richtige Ernährung? Haben wir die richtigen Fitnesstrainer? Die richtigen Physiotherapeuten? Er wird jetzt alles überprüfen und das ist ein gesunder Prozess. Aber schon während meiner Zeit beim DFB entwickelte sich Löw unglaublich weiter, vor allem in seiner Ansprache.

SPOX: Fehlen der aktuellen Mannschaft Führungsspieler?

Mertesacker: Wir haben in Deutschland genügend Führungsspieler. Prinzipiell muss aber ohnehin jeder Spieler auf eine gewisse Art und Weise führen, auf und neben dem Platz. Die Diskussionen um Führungsspieler gab es auch vor der WM 2014. Das ist eine Diskussion, die es immer gab und immer geben wird - aber nur, wenn es gerade schlecht läuft.

SPOX: Nach dem WM-Achtelfinale 2014 gegen Algerien gaben Sie ein legendäres TV-Interview. War das geplant?

Mertesacker: Nein. Das Spiel war hitzig, ich war nach 120 Minuten kaputt, werde zum Interview gebeten, habe Sauerstoffmangel, bekomme den hellen Lichtstrahl ins Gesicht und dann kam es einfach so raus. In dem Moment war mir alles egal, ich wollte mir nichts gefallen lassen - das habe ich sogar genossen und hatte in der Spontanität auch ein paar lustige Einfälle. Jeder wusste ja, dass wir uns verbessern müssen. Das wollte ich nicht auch noch sagen. Dieses Spiel war letztlich der Katapult für den ganz großen Erfolg, den uns keiner zugetraut hat.

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