Fussball

Per Mertesacker im Interview: "Wengers Abschied war Verschulden von uns Spielern"

Per Mertesacker beendete im Sommer 2018 seine aktive Karriere.
© getty

Per Mertesacker hat im Sommer seine aktive Karriere beim FC Arsenal beendet. Künftig leitet er die vereinseigene Akademie und betreibt weiterhin seine Stiftung. Darüberhinaus beginnt der 33-Jährige heute auf Schalke (21 Uhr live auf DAZN) ein neues berufliches Kapitel. Als Experte für den Streamingdienst DAZN wird er die Partie der Königsblauen gegen den FC Porto und zahlreiche weitere Topspiele fachkundig begleiten.

Im Interview spricht Mertesacker über seine neuen Aufgaben, Mesut Özils DFB-Rücktritt und die teilweise falschen Reaktionen auf sein aufsehenerregendes Interview über Druck im Profifußball. Außerdem erzählt er von seinen langjährigen Trainern Joachim Löw und Arsene Wenger - und kritisiert den generellen Umgang mit Trainern.

SPOX: Herr Mertesacker, Sie leiten künftig die Arsenal-Akademie, sind Experte bei DAZN und betreiben eine eigene Stiftung. Wie geht sich das zeitlich aus?

Per Mertesacker: Zeiteinteilung wird sicherlich ein wichtiges Thema für mich. Ich will gemeinsam mit meinen Partnern eine produktive Woche entwickeln. Natürlich steht dabei meine Tätigkeit bei Arsenal im Vordergrund, das ist meine Hauptaufgabe und der will ich mich mit vollem Herzen stellen. Ich will Tag für Tag präsent und für die jungen Spieler erreichbar sein. Die Stiftung wird von meiner Familie geführt. Mit DAZN habe ich einen Partner gefunden, bei dem ich auch etwas Neues entwickeln und die Rolle des "Experten" auf meine Art und Weise interpretieren kann. Ich freue mich darauf, in diesem Business Fuß zu fassen.

SPOX: War es schon länger Ihr Plan, TV-Experte zu werden?

Mertesacker: Gar nicht. Wenn ich als aktiver Spieler Experten zuhörte, hatte ich immer ein komisches Gefühl. Mir war das oft zu negativ und zu belehrend. Als das Angebot kam, habe ich mich gefragt, ob das etwas für mich ist, ob ich kritisch genug sein kann. Letztlich habe ich diese Fragen bejaht, auch weil ich begeistert bin von dem Konzept von DAZN. Wir wollen kein 0815-Programm machen.

SPOX: Zurück zu Ihrer "Hauptaufgabe". Warum hat Arsenal ausgerechnet Sie mit der Akademie-Leitung betraut?

Mertesacker: Der Verein hat sich schon etwas dabei gedacht, einem jungen Kerl wie mir eine Akademie mit 150 Mitarbeitern und 250 Kindern anzuvertrauen. Ich bin mir bewusst, dass das ein großer Apparat mit großen Verantwortungen ist. Der Verein sieht in mir aber eine Person, die das mit Bodenständigkeit, Willen, Ehrgeiz und Teamfähigkeit schaffen kann.

SPOX: Was wollen Sie den Jugendspielern vermitteln?

Mertesacker: Ich war nie talentiert und habe es trotzdem zum Profi geschafft, diese Perspektive will ich reinbringen. Fußball geht in die Richtung, dass schon sehr früh sehr viel selektiert wird und Kinder als "Top-Talente" bezeichnet werden. Entsprechend sieht dann bereits in jungen Jahren die Entlohnung aus. Damit sendet man das Signal: "Du wirst es schaffen, du wirst Profi." Manchmal hören die Eltern eines Neunjährigen deswegen auf zu arbeiten und spekulieren auf eine Profikarriere ihres Sohnes. Da müssen alle Alarmglocken läuten. Ich will Beziehungen mit Spielern, Eltern und Trainern aufbauen und ihnen mehr Realität vermitteln. Ich bin gespannt, ob ich das schaffe. Mich beschäftigen aber viele Fragen: Kann ich nicht nur aus mir, sondern auch aus anderen das Beste herausholen? Kann ich mit meinen Ideen Personen weiterentwickeln? Kann ich ein Vorbild und ein Leader für die gesamte Akademie sein?

SPOX: Auf dem Nachwuchstransfermarkt wird viel Geld gezahlt. Wie beurteilen Sie das?

Mertesacker: Heutzutage herrscht ein wahnsinniger Kampf um Talente. Ich kann das Rad nicht um 20 Jahre zurückdrehen und sagen, die Kinder verdienen nichts mehr, sollen alle zur Schule gehen und müssen nur zweimal die Woche trainieren. Es sind andere Zeiten als zu meiner Jugend, daran muss ich mich gewöhnen.

SPOX: Wodurch unterscheiden sich der englische und deutsche Nachwuchsfußball?

Mertesacker: In England ist alles viel extremer. 16-jährige Jugendspieler werden bei den Premier-League-Vereinen wie Vollprofis behandelt. Sie trainieren täglich um zehn Uhr am Vormittag und machen einmal die Woche ein bisschen Bildung. Bei uns in Deutschland wird mehr Wert auf die Schule gelegt, deshalb sind die Nachwuchsspieler nicht immer nur eingepfercht und unter sich. Das ist gesünder und gefällt mir besser.

SPOX: Vor einigen Monaten gaben Sie dem Spiegel ein aufsehenerregendes Interview, in dem Sie vom Druck im Profifußball erzählten. War das bei Ihrer Anstellung als Akademie-Leiter ein Thema?

Mertesacker: Nach dem Interview hat mir Arsenal drei, vier Mal bestätigt, dass sie jetzt erst recht ganz sicher sind, dass ich genau der richtige Mann für diese Position bin. Es hat mir mehr Türen geöffnet als geschlossen. Ich zeigte dadurch eine gewisse Schwäche, die den Nachwuchsspielern signalisiert, dass jeder etwas mit sich trägt - sogar ein ehemaliger Arsenal-Kapitän wie ich. Ich will keine eiskalten Profis, die den Mund nicht aufmachen.

SPOX: Wie kam es zu dem Interview?

Mertesacker: Ich habe im vergangenen Jahr meine Biographie geschrieben, dabei reflektierte ich extrem viel und ging in meinem Kopf einzelne Situationen meiner Karriere nochmal durch. Als ich es erlebte, erschein es mir ganz normal, erst im Nachhinein habe ich gemerkt, was das mit mir gemacht hat. Ich bin aber nicht zu dem Interview gegangen, um das zu erzählen - der Journalist hat einfach die richtigen Fragen gestellt. Für meine eigene Aufarbeitung war das super wichtig. Es ging mir nicht darum, wie ich deswegen gesehen werde.

SPOX: Was bekamen Sie für Rückmeldungen?

Mertesacker: Es riefen mich viele Bekannte an und fragten: "Wie geht es dir? Hast du alles im Griff?" Ich antwortete immer nur: "Mir geht es sensationell!" Viele haben meine Aussagen falsch gedeutet. Berührend fand ich, dass mich einige ehemalige Mitspieler kontaktierten und 90 Prozent davon meinten, dass es ihnen mal genauso ging. Wenn sich einer öffnet, bietet er damit allen anderen die Plattform, sich ebenfalls zu öffnen. Das ist spannend zu beobachten. Nach dem ersten großen Hype klingt so ein Thema medial aber relativ schnell wieder völlig ab. Immerhin liegt es jetzt auf dem Tisch und jeder, der darüber sprechen will, kann das auch tun.

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