Fussball

Schule mit 31, Statistik-Klub Midtjylland, putzen mit Bale - die Geschichte von Tim Sparv

Tim Sparv
© SPOX

Tim Sparv ist 31 Jahre alt, spielt für den dänischen Meister und Statistik-Klub FC Midtjylland, schreibt Kolumnen für eine finnische Zeitung, betreibt einen eigenen Blog im Internet und macht bald seinen Gymnasialabschluss.

Im Interview erzählt Sparv von seinem biertrinkenden (und dazu stehenden) finnischen Nationalmannschaftskollegen Lukas Hradecky, von einem Oktoberfestbesuch mit seinem Ex-Klub SpVgg Greuther Fürth und seiner Zeit mit Gareth Bale in der Jugendabteilung des FC Southampton. Außerdem erklärt er die interessanten statistischen Ansätze bei Midtjylland - und warum er eine blaue Persönlichkeit ist.

SPOX: Herr Sparv, allerorts wird über die neue UEFA Nations League geschimpft, in Finnland scheint sie gut anzukommen. Bereits vorzeitig sicherte sich Ihre Mannschaft den Aufstieg in Liga B. Wie steht es um die Fußballeuphorie im Land?

Tim Sparv: Es herrscht gerade die beste Stimmung um das Nationalteam, seit ich vor fast zehn Jahren debütierte. Vor einem Jahr wurden wir noch entweder ausgelacht oder bemitleidet - und jetzt spielen wir auf einmal auf sehr hohem Niveau und erzielen gute Ergebnisse.

SPOX: Woran liegt das?

Sparv: Es gibt zwei wichtige Komponenten: Mit Markku Kanerva haben wir einen Nationaltrainer, der eine klare und einfache Spielphilosophie verfolgt, an die sich alle Spieler schnell anpassen können. Bei einer Nationalmannschaft bringt es nichts, sich für besonders clever zu halten und komplizierte Konzepte einzustudieren. Dafür gibt es einfach nicht genügend Zeit. Die zweite Komponente sind unsere aufstrebenden jungen Spieler wie Glen Kamara, Pyry Soiri oder Jasse Tuominen. Sie bringen die Energie mit, die wir zuvor vermisst haben.

SPOX: Im Tor steht Lukas Hradecky von Bayer Leverkusen. Was ist er für ein Typ?

Sparv: Lukas ist ein fantastischer Keeper, aber vor allem ein sehr lustiger Mensch. Er lässt sich nie stressen und lächelt immer. Nach einem Spiel trinkt er gerne mal ein Bier oder zwei - und gibt das auch öffentlich zu. Aus Angst aufzufallen verschweigen das die meisten Profifußballer, obwohl viele mal ein Bier trinken. Viele Spieler sind in der Öffentlichkeit nicht sie selbst und daran tragen auch die Klubs eine Schuld. Sie versuchen lauter gleiche Personen zu kreieren, um Skandale zu vermeiden. Das unterdrückt die Persönlichkeiten der Spieler und sorgt für Langeweile. Lukas macht das nicht mit und deshalb mag ich ihn so gerne. Er gibt sich wie er ist: eine sehr bunte Persönlichkeit.

SPOX: Wie er spielten auch Sie mal in Deutschland, in der Saison 2013/14 in der 2. Liga bei der SpVgg Greuther Fürth. Wie haben Sie die Zeit in Erinnerung?

Sparv: Manchmal fühle ich mich als Halbdeutscher, denn ich arbeite gerne in einem professionellen Umfeld mit guter Organisation und Planung. Genauso war es in Fürth und das hat mich beeindruckt. Obwohl der Klub damals nur in der 2. Liga spielte, herrschten bessere Bedingungen als bei meinem vorherigen Klub, dem niederländischen Erstligisten FC Groningen. Sehr genossen habe ich auch die ausgeprägte Fankultur in Deutschland. Mit am schönsten war aber, dass es eigentlich immer irgendwelche Feste gab. Fasching zum Beispiel und einmal waren wir mit der ganzen Mannschaft beim Oktoberfest in München.

SPOX: Und, wie war es?

Sparv: Jeder trägt dort dieses spezielle Outfit und deshalb musste ich mir natürlich auch eines zulegen. Dafür, dass ich es nur einmal anhatte, hat es sehr, sehr viel Geld gekostet. Eigentlich mag ich Wein lieber als Bier, aber dort hatte ich auch eine Maß. Die Energie in dem Zelt war spektakulär. Ich habe noch Videos auf meinem Handy, die ich mir immer wieder anschaue. Einen Oktoberfestbesuch muss man einmal im Leben gemacht haben.

SPOX: Konnten Sie bei den deutschen Liedern mitsingen?

Sparv: Ich habe damals viel deutsches Radio gehört und dann beim Oktoberfest versucht, die Lieder mitzusingen. 99 Luftballons ging besonders gut, aber das kannte ich auch schon vorher.

Die Karrierestationen von Tim Sparv

ZeitraumVerein
2003 bis 2007FC Southampton (England)
2007 bis 2008Halmstads BK (Schweden)
2008 (Leihe)Vaasan Palloseura (Finnland)
2008 bis 2010Halmstads BK (Schweden)
2010 bis 2013FC Groningen (Niederlande)
2013 bis 2014SpVgg Greuther Fürth (Deutschland)
2014 bis heuteFC Midtjylland (Dänemark)

SPOX: Im Sommer 2014 wechselten Sie zum FC Midtjylland. Ein Klub, der auf Basis statistischer Analysen geführt wird. Das Konzept erinnert an den Baseball-Klub Oakland Athletics um Manager Billy Beane. Wie ist Midtjylland auf Sie aufmerksam geworden?

Sparv: Die statistische Herangehensweise des Klubs spielt schon auf dem Transfermarkt eine große Rolle. Midtjylland verpflichtet keine Spieler, die über keine interessanten Statistiken verfügen. Dem angewandten Model zufolge ist die deutsche 2. Liga eine der unterschätztesten Ligen überhaupt. Die besten Teams der Liga werden sogar fast wie Premier-League-Vereine eingestuft. Wir spielten mit Fürth eine gute Saison, waren zeitweise Tabellenführer und scheiterten am Ende als Dritter erst in der Relegation am Hamburger SV. Also hat sich Midtjylland das Team angeschaut und die Schlüsselspieler gesucht. Da haben sie gemerkt, dass ich bei verhältnismäßig vielen Siegen auf dem Platz stand und bei Punktverlusten oft entweder angeschlagen oder gesperrt war. Bei meiner vorherigen Station Groningen war es ähnlich. Ich war nie ein Spieler, der viele Tore oder Assists liefert, aber ich verfüge offenbar über spezielle Führungsqualitäten, die nicht messbar sind. So wurde Midtjylland auf mich aufmerksam.

SPOX: Was halten Sie von dieser Herangehensweise?

Sparv: Der Klub verfolgt einen gänzlich anderen Zugang zum Fußball, als ich ihn davor je erlebt habe. Auch in Fürth haben die Trainer ein bisschen auf Statistiken geschaut, aber in Midtjylland hat der Fußball einen Schritt in die Moderne gemacht.

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