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It's a long way to the top

Die 5:1-Klatsche bei Celtic setzte den Rangers schwer zu

Viereinhalb Jahre nach dem Zwangsabstieg in die Viertklassigkeit stehen die Rangers in der schottischen Premiership als Aufsteiger wieder auf dem zweiten Platz - schneller als viele gedacht hätten. Vor dem ersten Old Firm gegen Celtic im Ibrox Park seit langer Zeit (Sa., 13.15 live auf DAZN und im LIVETICKER) sind dennoch nicht alle rundum zufrieden. Der erdrückende Rückstand auf den Lokalrivalen und die Schmach im September trüben das Stimmungsbild. Doch Trainer Mark Warburton fährt einen Kurs der Mediation.

So haben sie sich das nicht vorgestellt. Mit gesenktem Haupt stapfen die Spieler in blau wie geprügelte Hunde über den Rasen des Celtic Parks. Nach über vier Jahren endlich wieder ein Old Firm beim großen Rivalen. Ambitionen, Ehrgeiz, Kampfansagen - und dann das.

Es ist der 10. September. Und für den Rangers Football Club endet das erste Highlight der Premiership-Saison in einer Vollkatastrophe. Im glorreichen Old Firm gehen die Gers beim großen Konkurrenten Celtic baden. Aber mal so richtig. 5:1 heißt es am Ende einer wilden Partie inklusive Dreierpack des Bhoys-Neuzugangs Moussa Dembele und Platzverweis für Gäste-Verteidiger Philippe Senderos.

Kurz nach dem Spiel meldet sich Ex-Rangers-Trainer Alex McLeish beim aktuellen Amtsträger Mark Warburton: "Ich habe ihn angerufen und gesagt: 'Willkommen zum Old Firm!' Man denkt, man ist darauf vorbereitet, aber man muss es erleben, bevor man sich ein Urteil erlauben kann."

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... if you wanna Rock'n'Roll

Angriff schon im ersten Jahr? Nicht mit uns, sagt Celtic durch diesen Statement Win. Es ist ein weiterer Indikator, der den Anhängern der Rangers zeigt: "It's a long way to the top if you wanna Rock'n'Roll." Nicht nur weil besagter AC/DC-Song mit Bagpipes-Klängen spielt, passt er zur Wiederauferstehungsgeschichte des schottischen Traditionsklubs. In den letzten Jahren ging es nämlich nicht immer nur steil bergauf.

Der 13. Februar 2012 war Stunde null. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Die Rangers sind pleite. Insolvenzantrag, Lizenzentzug, Zwangsabtieg in die vierte Liga.

Plötzlich tingelte ein Klub, der noch im Jahr 2008 im UEFA-Pokal-Finale stand, über die Dorfplätze. Marode Tribünen zwischen Misthaufen und Schafherden, vor himmlischen Landschaften, klar, aber eben nicht vor zigtausend Zuschauern. Sondern auch mal vor 100.

Weltrekord

Immerhin durften sich die Rangers durch diese Extremsituation einen neuen Weltrekord ans Revers heften: Gegen East Stirlingshire waren 49.118 Zuschauer im Ibrox Park - so viele wie weltweit nie zuvor bei einer Viertligapartie.

Die wirtschaftliche Situation entwickelte sich auch weiterhin nicht rosig, CEO Graham Wallace sprach immer wieder davon, "kurzfristige finanzielle Engpässe" stopfen zu müssen. Die ausbleibenden TV-Gelder in den unteren Ligen wogen schwer. Wirkliche Transparenz über Geldflüsse war selten gegeben. Ganz niet- und nagelfest wirkt das Vorgehen bis heute nicht. Sportlich folgten dagegen zwei ungefährdete Aufstiege in die dritte und zweite Liga.

Dort jedoch wurde der Durchmarsch zumindest unterbrochen. Im Mai 2015 scheiterten die Gers überraschend deutlich in den Aufstiegsplayoffs an Motherwell. Ein Misserfolg, der Trainer Stuart McCall den Job kostete.

Warburton als Königstransfer

Die Entscheidung für Mark Warburton als dessen Nachfolger sollte ein Königstransfer werden. Der 54-jährige Engländer führte die Rangers mit riesigem Vorsprung zum Aufstieg und brachte zumindest sportlich endlich Ruhe in den Klub.

Welch große Strahlkraft die Rangers nach wie vor auf dem Transfermarkt haben, zeigte der Sommer 2016. Unter anderem gelang es Warburton, große Namen wie Philippe Senderos, Niko Kranjcar und Joey Barton nach Govan zu holen.

Nach außen hin gab man sich bei der Zielausgabe defensiv. Sportliche Stabilisation und sukzessive Weiterentwicklung, um mittelfristig wieder um den Titel mitzuspielen. Eine sinnvolle Zielsetzung für einen Aufsteiger.

Kein normaler Aufsteiger

Aber natürlich sind die Rangers kein normaler Aufsteiger. Besagte Verpflichtungen sprachen eine andere Sprache. Wer auf dem Markt so in die Vollen geht, will mehr als nur mitspielen. Der will ran an die Buletten.

Und dann ist da auch noch die Historie. 54 Meistertitel hat der stolze Klub auf dem Konto. Ende der 80er bis Ende der 90er Jahre wurde man neunmal in Serie schottischer Meister. Eine Zeit, die viele der frenetischen Anhänger noch mitbekommen haben.

Der Druck, der damit einhergeht, ist auch Warburton bewusst: "Für einen Verein mit dieser Strahlkraft zu spielen, ist nicht einfach. Egal ob du Routinier oder Newcomer bist, musst du dich erst einmal an diesen Klub gewöhnen. Es dauert seine Zeit, damit umzugehen, wenn es nach 20 Minuten 0:0 steht und die ersten Leuten dich ausbuhen."

Missverständnis Barton

Einer, der eigentlich mit solchem Druck umgehen kann, ist Joey Barton. Dessen erst frische Liaison mit den Rangers ging allerdings im Anschluss an die 1:5-Klatsche im Old Firm Mitte September in die Binsen. Im folgenden Training geriet das Enfant terrible mit Trainer Warburton aneinander. Die Konsequenz: Suspendierung.

"Als jemand, der die Dinge sehr direkt ausspricht, akzeptiere ich, dass einige meiner Äußerungen unangebracht waren. Dafür entschuldige ich mich in vollem Umfang. Ich kann mich aber nicht dafür entschuldigen, dass ich gewinnen will und immer eine bessere Leistung von mir und den Rangers erwarte", sagte Barton in einem Statement. Erneuerte Kritik, getarnt im Deckmantel der Selbstreflektion. Der Vertrag wurde aufgelöst, ab Januar kickt der Bad Boy wieder bei Burnley.

Neben Barton nehmen auch Kranjcar und Senderos keine Protagonisten-Rollen mehr ein. Der Kroate fehlt mit einem Kreuzbandriss bis Saisonende. Senderos debütierte im September im Old Firm, zeigte dabei eine verheerende Leistung mit der Gelb-Roten Karte als Krönung. Seitdem kam er nur mehr auf einen weiteren Einsatz für die Gers.

Vor dem ersten Premiership-Old-Firm im Ibrox Park seit viereinhalb Jahren sind andere Hoffnungsträger im offensiven 4-3-3 von Warburton gefragt. Der junge Barrie McKay, der am Freitag seinen 22. Geburtstag feiert, etwa, der auf den beiden offensiven Außenbahnen überzeugt und bereits an zwölf Pflichtspieltoren direkt beteiligt war.

McKay steht exemplarisch dafür, dass es für die Rangers weniger darum gehen kann, mit großen Namen den direkten Erfolg einzufahren. Stattdessen heißt das goldene Wort "Entwicklung". Von einem Aufsteiger zu einem nachhaltigen Titelkandidaten. Das gilt auf Spielerebene wie auf Mannschaftsebene. So sieht das Warburton.

Und der Erfolg gibt ihm bislang Recht: Nach 20 Spielen stehen die Rangers auf Rang zwei, mit fünf Punkten Vorsprung auf Aberdeen.

Riesiger Rückstand

Für den Engländer ein Erfolg. Objektiv ist es sogar überraschend, dass die Gers so schnell bereits wieder die zweite Macht in Schottland sind. Das Umfeld und die kritische Medienlandschaft legen den Zeigefinger jedoch auf die 16 Punkte Rückstand auf Celtic. Dabei haben die Bhoys ein Spiel weniger absolviert. Gewinnen sie das bevorstehende Old Firm und die ausstehende Partie, wären es bereits 22 Punkte. Eine zu große Lücke für diejenigen, die es mit den Rangers halten.

Zumal beide Old Firms in dieser Saison gegen Celtic und Schreckgespenst Moussa Dembele verloren gingen. Neben dem 1:5-Debakel in der Liga verlor man durch einen späten Dembele-Treffer im League-Cup-Halbfinale mit 0:1.

Warburton appelliert jedoch daran, seine Arbeit und die Entwicklung seines Teams nicht allein vom Ausgang der Derbys abhängig zu machen.

Und tatsächlich tut der Manager gut daran, den ewigen Vergleich mit dem Rivalen aus dem alten Beständigen zu meiden. Denn die Bilanz der Grün-Weißen aus Parkhead ist so brutal, dass es für jeden Konkurrenten unmöglich ist, Schritt zu halten.

18-1-0

Nach 19 gespielten Partien stehen die Schützlinge von Brendan Rodgers bei 18 Siegen und einem Remis, also bei 55 Punkten. Die in den vergangenen Jahren häufig beschrieenen schottischen Verhältnisse sind durch den Aufstieg der Rangers nicht aufgebrochen worden. Noch nicht.

Diesen Kurs des "noch nicht" fährt Warburton. Die Leistungen seines Teams will er sich wegen des großen Rückstands auf Celtic jedenfalls nicht madig reden lassen: "Wir stehen, wo wir stehen. Unser Ziel war es, in dieser Saison bereits wettbewerbsfähig zu sein und gute Leistungen zu zeigen. Wenn wir das tun und am Ende auf dem zweiten Platz stehen, war es dann eine erfolgreiche Saison? Sagen Sie es mir", sagte er zu einem kritischen Journalisten auf der Abschluss-Pressekonferenz vor dem Old Firm.

Endlich wieder Scheinwerferlicht

Bereits wettbewerbsfähig oder nicht: Dass die Rückkehr der Rangers in die Beletage dem schottischen Fußball gut tut, ist schon jetzt völlig klar. Mit einem Zuscherschnitt von knapp 48.866 liegen die Gers als Zweiter (Celtic 54.845) über 32.000 vor den Hearts. Celtic Park, Ibrox Park, dann lange nichts. So war es historisch gesehen schon immer. So war es jetzt vier Jahre lang nicht. So ist es nun wieder.

Aus Sicht des schottischen Verbands ist das auch gut so. Zumal das nun wieder regelmäßiger stattfindende Old Firm das internationale Scheinwerferlicht auf Kaledonien wirft.

In diesem Scheinwerferlicht erstrahlt an Silvester erstmals seit Jahren auch wieder der Ibrox Park. Die Erwartungen auf beiden Seiten sind hoch. Kurs der Mediation hin oder her, auch Warburton betonte noch mit Nachdruck: "Natürlich ist es unser Ziel zu gewinnen. Für Spiele wie diese haben wir alle mit dem Fußball angefangen."

Doch Warburton weiß genau, dass der Rückstand auf Celtic selbst im Falle eines Heimsiegs erdrückend sein wird. Und das wird er in dieser Saison auch bleiben. Denn schon Bon Scott wusste: "It's a long way to the top if you wanna Rock'n'Roll."

Rangers in der Übersicht

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