Fussball

"Gegen Bayern brauche ich keine Argumente"

Ernst Tanner arbeitet in der Red-Bull-Akademie in Liefering

Nach seinen Engagements in Deutschland beim TSV 1860 München und der TSG 1899 Hoffenheim heuerte Ernst Tanner 2012 bei RB Salzburg an. Dort hat er als Akademie- und Nachwuchsleiter die Verantwortung über den Fußballbereich der Red Bull Fußball & Eishockey Akademie. Ein Gespräch über den Umgang mit den Nachwuchstalenten, Dietrich Mateschitz und die Dauerkritik gegen RB.

SPOX: Herr Tanner, die Fußball- und Eishockey-Akademie in Salzburg bietet knapp 400 jungen Talenten eine Chance. Ab welchem Alter rekrutieren Sie aktiv neue Talente?

Ernst Tanner: Unser Scouting lässt sich in drei Kategorien einstufen: regional, überregional und international. Wir bauen unsere Teams ab der U7 über den Salzburger Bereich und das nähere Umfeld auf. So verfahren wir bis zur U13. Ab der U14 nehmen wir den einen oder anderen (externen) Jugendlichen in das Internat selbst auf, aber da muss man von Fall zu Fall entscheiden.

SPOX: Zum Beispiel?

Tanner: Letztes Jahr haben wir einen Jungen aufgenommen, der sonst vier Mal in der Woche eine knappe Stunde zu einem LAZ hätte fahren müssen. Da haben uns die Eltern darum gebeten, dass ihr Sohn bei uns wohnen darf. Das ist aber eine Ausnahme. Normalerweise darf bei dieser Altersklasse die Fahrzeit nicht länger als 30-45 Minuten dauern. Je älter die Jugendlichen sind, desto weiter dürfen sie entfernt wohnen.

SPOX: Gibt es neben der Entfernung auch disziplinarische K.o.-Kriterien?

Tanner: Das kann man ebenfalls nicht pauschal beantworten. Bei einem Eintrag im Polizeiregister kommt es beispielsweise darauf an, was der Jugendliche genau gemacht hat. Wenn jemand wegen Ladendiebstahls erwischt wird, bekommt er wahrscheinlich noch eine letzte Chance. Aber dann muss er auch liefern, sonst sind wir natürlich zum Handeln gezwungen und müssen ihn rausnehmen. Das ist aber erst einmal vorgekommen.

SPOX: Was war passiert?

Tanner: Da hat ein großes Talent, er war sogar der Superstar der Mannschaft, nicht die Kurve bekommen. Ich habe ihm dann gesagt, dass er jetzt einen Neuanfang machen muss. Aber er ist innerhalb von einem halben Jahr drei Mal rückfällig geworden und dann ist es halt vorbei.

SPOX: Wie streng sind die Regeln grundsätzlich im Internat?

Tanner: Wir haben großes Verständnis für die Belange der Jugendlichen und wenn mal jemand türmt, geht auch nicht die Welt unter. Einer unserer Besten ist mal um halb zwei in der Nacht vom Sicherheitsdienst erwischt worden, als er mit einem Mädchen geschmust hat. Mei, das passiert. Wenn ich im Internat gewohnt hätte, wäre ich wahrscheinlich rausgeschmissen worden. (lacht)

SPOX: Gelten eigentlich die gleichen Regeln wie in jedem anderen Internat?

Tanner: Absolut. Unser organisatorischer Leiter, Winfried Kogelnik, kommt aus einem Elite-Internat und die Hausordnung wurde eigentlich nur leicht für unsere Belange angepasst. Es gibt beispielsweise andere Ruhezeiten. Sportler brauchen einfach mindestens acht Stunden Schlaf. Am Wochenende dürfen die Älteren im Rahmen des Gesetzes auch mal bis Zwölf in der Stadt rumhüpfen, sie sollen sich ja auch außerhalb der Akademie sozialisieren.

SPOX: Wie überzeugen Sie die Eltern davon, ihr Kind in Ihre Obhut zu geben?

Tanner: Das Finanzielle darf nicht die vordergründige Motivation dafür sein, dass jemand zu uns kommt, wir verlangen ja auch ein bisschen Geld dafür. Das ist zwar nicht viel, aber immerhin. Die Jugendlichen müssen an die komplette Versorgung denken: eine ausgeprägte Betreuungssituation, gute schulische Aussichten und natürlich auch die attraktive sportliche Perspektive. Wir haben klar kommuniziert, dass wir nicht in der Breite Spieler holen wollen, sondern nur die Top-Talente anwerben, bei uns versorgen und dann bis in den Profibereich durchziehen.

SPOX: Jeder Spieler kann es allerdings nicht schaffen.

Tanner: Wir jagen hier keinen Jungen vom Hof. Im Normallfall bleiben die Jugendlichen bei uns mindestens bis zur U18. Wir behandeln das Thema Selektion zudem sehr sensibel. Wenn ein Spieler nicht mehr mitkommt, sondiert ihn besonders in den ersten Altersstufen die Gruppe aus. Die Kinder sind letztlich immer gnadenlos. Sie merken, wenn ein Spieler hinterherhinkt und sagen ihm das auch.

SPOX: Wie sieht es mit den älteren Semestern aus?

Tanner: Im Leistungsbereich müssen wir mehr eingreifen. Da werden nur die Besten aufgestellt und wenn jemand keine Spielpraxis bekommt, muss er sich hinterfragen. Aber wir lassen keinen im Stich.

SPOX: Sie sind der Akademie- und Nachwuchsleiter. Welche Rolle nehmen Sie für die Spieler ein?

Tanner: Wir haben im Endeffekt zwei Aufträge: Es gibt den Erziehungsauftrag, der mir als sportlich Verantwortlicher nur zum Teil zufällt. Das ist schwerpunktmäßig eher eine Sache des Internats. Aber wenn mir etwas nicht passt, dann hört der Betreffende das von mir. Letztens hatten wir zum Beispiel Probleme mit einem Anwohner, weil ein Spieler zu schnell die Straße entlanggefahren ist. Da gab es dann ein klärendes Gespräch und das Thema war erledigt.

SPOX: Und der zweite Auftrag?

Tanner: Der betrifft die sportliche Entwicklung - und da bin ich öfters gefragt. Ich sehe alle Heimspiele. Wenn ein Spieler in einer Partie überheblich mit Torchancen umgeht, bekommt er das reflektiert. Ich lege großen Wert auf einen regen Austausch und sehe die Jungs auch jeden Tag. Eigentlich habe ich deshalb täglich ein Gespräch mit einem Spieler. Mein Schwerpunkt liegt auf den Älteren, also ab der U14. Für die jüngeren Spieler ist ein Kollege zuständig, der sich das Training und die Spiele anschaut. Aber in den älteren Altersklassen kenne ich jeden Jugendlichen in der Akademie persönlich. Mit Namen und meistens auch Geburtsdatum. Ich bin zudem auch bei vielen Reisen dabei.

SPOX: Neben Ihnen ist ein großes Trainer-Team für die Entwicklung der Spieler verantwortlich. Sind die Coaches teilweise mehr Psychologe als Übungsleiter?

Tanner: Bei uns ist jeder Trainer in gewissem Maße Psychologe, weil er ein Auge auf die Einstellung, leistungssportliche Lebensweise und das Verhalten haben muss. Bei der sportlichen Entwicklung bringen wir auch viele wissenschaftliche Erkenntnisse zur Anwendung, mit denen wir unsere Spieler besser machen. Da gibt es einige interessante Projekte.

SPOX: Zum Beispiel?

Tanner: Wenn wir kleinen Jungs möglichst unbewusst das Spielverständnis beibringen wollen, verbinden wir gezielt technische mit taktischen Aufgaben und packen das in spielnahe Übungsformen. Darüber hinaus testen wir auch deren den Aufmerksamkeitsfokus. Hier sehen wir zum Beispiel, dass die Konzentration mit der Spielleistung kausal zusammenhängt. Dabei geht es meist um die Methodik und die Frage: Wie entwickeln wir die Spieler individuell weiter? Ein Junge mit Reaktionsschwächen trainiert bei uns vermehrt in der Turnhalle auf dem Speedcourt. Da geht es dann um Einfach-, Mehrfach- und Auswahlreaktionen. Natürlich muss dann nach einer gewissen Zeit kontrolliert werden, ob es den Spieler weiterentwickelt oder nicht.

Seite 1: Tanner über Scouting, Aufnahme-Kriterien und Regelverletzungen im Internat

Seite 2: Tanner über den Ausbildung in Deutschland, Dietrich Mateschitz und die Dauerkritik

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