Chiles Superstar Alexis Sanchez

Die Wiedergeburt des Wunderkindes

Von Tim Noller
Montag, 18.11.2013 | 17:05 Uhr
Alexis Sanchez schießt momentan nicht nur für das chilenische Nationalteam Tore am Fließband
© getty
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Die Zeichen standen auf Abschied. Alexis Sanchez spielte im vergangenen Jahr eine miserable Hinrunde und stand beim FC Barcelona kurz vor dem Aus. In der laufenden Saison feiert der Chilene seine Wiedergeburt und liefert Tore am Fließband. Am Mittwoch trifft er mit Chile auf Brasilien (Mi., 02.00 Uhr im LIVE-STREAM FOR FREE).

Nachspielzeit in Wembley. Chiles Nummer sieben wird auf der linken Seite frei gespielt, läuft alleine auf das Tor der Three Lions zu, verzögert kurz und lupft die Kugel lässig über Englands Keeper Fraser Forster. Chile gewinnt das Freundschaftsspiel auf der Insel mit 2:0 und bejubelt seinen Doppeltorschützen und Matchwinner: Alexis Sanchez.

Die Szene am vergangenen Freitag ist Ausdruck des wiedererlangten Selbstvertrauens des Chilenen. Nicht nur seiner Nationalmannschaft verhalf er mit drei Toren und zwei Vorlagen aus den letzten drei WM-Qualifikationsspielen zur Teilnahme an der Endrunde in Brasilien. Auch beim FC Barcelona überzeugt der Flügelstürmer in der laufenden Spielzeit mit starken Leistungen und beeindruckenden Zahlen.

Bessere Quote als Messi

Sieben Tore und drei Vorlagen in neun Spielen. Öfter traf bei den Katalanen nur Lionel Messi. Jedoch hat selbst der Argentinier eine schlechtere Quote (0,73) als Sanchez (0,78). Hinzu kommt, dass sechs der sieben Sanchez-Tore entscheidende Treffer waren, bei dem der 24-Jährige entweder das erste Tor des Spiels oder den Sieg- bzw. Ausgleichstreffer erzielte.

In dieser Form scheint er unter Trainer Gerardo Martino neben Messi und Neymar im Barca-Sturm gesetzt. Der Nachfolger von Tito Vilanova schwärmt vom Spielstil seines Angreifers: "Er erledigt in der Offensive immer seine Arbeit. Doch dies ergänzt er mit großem Einsatz in der Defensive, was nur sehr wenige Stürmer tun." Sanchez selbst nimmt sich jedoch zurück: "Ich fühle mich nicht als Stammspieler. Spieler wie Tello oder Pedro können in jedem Spiel zum Einsatz kommen."

Selbstvertrauen am Boden

Die Vergangenheit hat den Chilenen Zurückhaltung gelehrt. Seine langandauernde Formkrise in der vergangenen Hinrunde gipfelte in einer Szene während des Copa-del-Rey-Hinspiels gegen den FC Malaga. Adriano bediente ihn mit einer präzisen Hereingabe, doch Sanchez scheiterte am leeren Tor, entlud seinen Frust an einer Werbebande.

In dieser Phase schien der Stürmer jegliches Selbstvertrauen verloren zu haben. Er rutschte in aussichtsreichen Situationen aus, schoss mehrmals am leeren Tor vorbei und auch seine Dribblings ließen die Effektivität vergangener Tage vermissen. In Barcelona wurden Stimmen laut, die den Rechtsaußen lieber heute als morgen aus Katalonien gejagt hätten. Auch im chilenischen Nationalteam wollte ihm zu dieser Zeit nichts gelingen.

Eine Frage drängt sich auf: Was ist in dieser kurzen Zeitspanne passiert? Wie wurde Alexis Sanchez innerhalb von nur zehn Monaten vom Flop zum Leistungsträger?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man die Kindheit und Jugend des 24-Jährigen beleuchten. Aufgewachsen in der chilenischen Kleinstadt Tocopilla lernte er früh, sich im Leben durchzubeißen. "Es gab keine Regeln und keine Trainer, die einen beschützten. Weil ich so gut war, habe ich mit größeren Jungs gespielt, die mich am liebsten über die ganze Straße getreten hätten", beschrieb er im "Express" seine fußballerischen Anfänge.

"Englands Spieler verwöhnt"

Kein Wunder, dass er im Vorfeld des England-Testspiels die englischen Spieler als verwöhnt bezeichnete, da sich die Talente schon in jungen Jahren den Akademien anschließen würden, wo alles für sie getan würde: "Es im Leben zu leicht zu haben, macht einen weich." Wäre er gescheitert, würde er "15 Stunden am Tag auf einer Baustelle arbeiten und immer noch nicht genug zum Leben verdienen", so Sanchez.

Diese kämpferische Einstellung half ihm bei Barca wieder in die Spur zu finden und sein gesamtes Potential zu entfalten, das Pep Guardiola früh erkannt hatte und ihn 2011 für 25 Millionen Euro plus möglicher Zusatzzahlungen von Udine nach Barcelona holte: "Ich schätze seine Hartnäckigkeit. Er gibt keinen Ball verloren und geht verbissen in jeden Zweikampf. Wenn er Geschwindigkeit aufnimmt, ist er kaum zu halten."

Messi als Entwicklungsbremse?

Unter dem heutigen Bayern-Trainer benötigte Sanchez keine Eingewöhnungszeit und brachte es in der Saison 2011/2012 in 25 Spielen auf zwölf Tore und sechs Vorlagen. Der Wechsel auf dem Trainerstuhl von Guardiola auf Tito Vilanova im Sommer 2012 führte bei Sanchez allerdings zum bereits erwähnten Leistungseinbruch. Kein Tor in der Hinrunde und bescheidene drei Vorlagen.

Jorge Valdano, ehemaliger Generaldirektor bei Real Madrid, konstatierte bei "Radio Cooperativo" fehlendes Selbstvertrauen beim Chilenen: "Er hatte immer eine Menge Talent und suchte die Eins-zu-Eins-Situation. Nun scheint es so, dass er auf Sicherheit bedacht ist und lieber den einfachen Pass zu seinem Teamkollegen spielt." Er glaubte, dass Sanchez von Messis Präsenz erdrückt würde.

"Kritik hat mich besser gemacht"

Neben der Omnipräsenz des viermaligen Weltfußballers warf Sanchez im November eine Bänderverletzung zurück. Nach dieser Zwangspause kam er zunächst schwer in Tritt. Erst am 23. Spieltag brach er seinen Torbann im Spiel gegen den FC Getafe.

In den darauffolgenden Wochen steigerte sich Sanchez weiter und drehte zum Ende der Rückrunde mächtig auf: Sieben Tore und sechs Vorlagen in den letzten zwölf Spielen. "Die Kritik hat mich besser gemacht, an ihr bin ich gewachsen", meint Sanchez rückblickend.

Barca-Stil ändert sich

Diese Topform übertrug er in die aktuelle Spielzeit. Von seiner Rolle unter dem neuen Trainer Tata Martino ist Sanchez begeistert: "Martino hat mir unglaubliches Selbstvertrauen gegeben. Ich habe jetzt mehr Freiheiten auf dem Platz."

Der Coach, der im Sommer vom argentinischen Klub Newell's Old Boys zu Barcelona kam, stellte das katalanische Ballbesitzspiel etwas um und verteilte die Verantwortung in der Offensive auf mehrere Schultern. Messi wurde so nicht nur durch die Ankunft von Neymar entlastet, sondern auch Sanchez kam plötzlich wieder eine größere Bedeutung zu.

Der Chilene hält unter Martino wieder mehr den rechten Flügel und versucht sich im richtigen Moment in den Rücken der gegnerischen Viererkette zu schleichen. Dadurch, dass nun neben Messi auch Neymar mit seinen Dribblings mehrere Gegenspieler binden kann, entstehen für Sanchez auf der rechten Seite wieder mehr Freiräume als noch in der vergangenen Saison.

Chile fordert Brasilien

So kommen seine Stärken wieder besser zum Vorschein: der Torabschluss, das gute Freilaufverhalten und die Ballsicherheit im Offensivspiel, aber auch seine Einsatzbereitschaft im Spiel gegen den Ball. Sanchez scheint nach seiner Wiedergeburt für Barca wichtiger denn je. Zumal Messi mit einem Muskelfaserriss für mehrere Wochen ausfällt.

In Sanchez' momentaner Form ist Chile auch gegen Rekordweltmeister Brasilien einiges zuzutrauen. Nach dem 2:0-Auswärtserfolg gegen die Engländer will der Zwölfte der FIFA-Weltrangliste nun das nächste Schwergewicht im Weltfußball ärgern. Im Südamerika-Duell trifft Sanchez auf seine Teamkollegen Neymar und Dani Alves.

Auf Neymars passgenaue Vorlagen wird Sanchez in Toronto verzichten müssen, auch wenn er sie in der Hinrunde zu schätzen gelernt hat: "Er kann einem immer etwas anbieten. Seine Verpflichtung war sehr gut für uns."

Alexis Sanchez im Steckbrief

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