Geld ist nicht alles

Von Christian Bernhard
Mittwoch, 24.10.2007 | 14:12 Uhr
lucarelli, maldini
© Getty
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München - Zwischen Mailand und Donezk liegen genau 2807 Kilometer. Viel für eine Auswärtsfahrt, zu viele für die meisten Fans von Schachtjor Donezk. Trotzdem kann ein Spieler des ukrainischen Vizemeisters im CL-Spiel gegen den AC Milan (Mi., 20.45 Uhr im LIVE-TICKER und bei Premiere) auf Unterstützung in San Siro bauen. 

Hunderte von Livorno-Fans haben sich auf die Reise nach Mailand gemacht, um ihr Idol Cristiano Lucarelli anzufeuern. Der 32-jährige Italiener hat das aktuelle Tabellenschlusslicht der Serie A zwar im Sommer Richtung Ukraine verlassen, er hängt aber immer noch mit ganzem Herzen an der toskanischen Hafenstadt. Denn Lucarellis Geschichte ist eine ganz besondere.

Als Sohn eines Hafenarbeiters wuchs Lucarelli in sehr einfachen Verhältnissen in Livorno auf. Für Lucarelli war es Liebe auf den ersten Blick. Eine Liebe, die den Stürmer im Laufe seiner Fußballerkarriere bereits sehr viel Geld gekostet hat.

Behaltet die Milliarde

In der Saison 2002/2003 stürmte Lucarelli für AC Turin in der Serie A, "sein" Livorno spielte in der Serie B. Als nach der Saison ein Angebot von Livorno kam, dachte der Stürmer keine Sekunde nach und wechselte in die zweite Liga. Das allein wäre ja noch nichts Besonderes, der finanzielle Aspekt war dafür umso verwunderlicher. Lucarelli verzichtete durch den Wechsel auf eine Milliarde Lire Gehalt, das waren damals 500.000 Euro. Seine Biografie erhielt daraufhin den Titel "Tenetevi il milliardo". Behaltet die Milliarde. In Livorno ist das Buch heute noch Schullektüre.

Geld spielte bei Lucarellis Entscheidungen lange Zeit keine große Rolle. Der Stürmer ist überzeugter Kommunist, genau so wie der Großteil der Livorno-Kurve. Bereits in seiner Zeit bei Turin hatte er sich aus eigenen Stücken das Gehalt gekürzt, weil er nicht traf. Die Zuschauer hätten Besseres verdient und überhaupt gebe es im Fußball viel zu viel Geld: So lautete Lucarellis Begründung für diesen ungewöhnlichen Schritt.

Drei Millionen Euro machen selbst Lucarelli schwach

In diesem Sommer änderte sich aber Lucarellis Einstellung zum Geld. Bei Livorno-Präsident Aldo Spinelli ging ein Fax mit einem Angebot über sechs Millionen Euro von Schachtjor Donezk für den Angreifer ein. Sehr viel Geld für Livorno und das Gehaltsangebot an Lucarelli selbst konnte sich auch sehen lassen: drei Millionen Euro netto pro Saison bis ins Jahr 2010.

Da wurde selbst der ultralinke Lucarelli schwach, teilte dies aber in seiner gewohnt ehrlichen Art der Öffentlichkeit mit: "Ich gebe es offen zu. Bei so viel Geld musste ich unterschreiben." Einen Wechel zu einem anderen Serie-A-Team hatte Lucarelli im Vorfeld kategorisch ausgeschlossen. "Das könnte ich den Livorno-Fans nicht antun."

Allerdings merkte Lucarelli bald schon, dass das Leben in Donezk nicht so ist, wie er es sich vorgestellt hatte. Besonders der kulturelle Unterschied machte dem bodenständigen Fußballer schwer zu schaffen. "Hier stehen die Menschen in der Früh auf und essen Kaviar. Ich hingegen esse Kekse, die ich mir aus Italien mitnehme." Heimweh machte sich breit.

Vorspielen in der Champions League

Mitte Oktober kehrte Lucarelli im Dress der Nationalmannschaft erstmals wieder als Spieler nach Italien zurück. Es sollte eine triumphale Rückkehr werden: Im Freundschaftsspiel gegen Südafrika erzielte der Mittelstürmer beim 2:0-Sieg beide Tore. Nach dem Spiel sprudelte die Italien-Nostalgie nur so aus ihm heraus: "Wenn Livorno bei mir anfragen würde, wüsste ich nicht, ob ich ablehnen könnte."

Und sogar dem Berlusconi-Klub Milan öffnete er einen Spaltbreit die Tür: "Ich hätte kein Problem damit, für Berlusconi zu spielen. Meine politischen Ansichten würde ich hinten anstellen." Lucarellis Heimweh muss so groß sein, dass er sogar Milan in Erwägung zieht. Immerhin hat Berlusconi mit der ultrarechten Partei "Lega Nord" kooperiert. Am liebsten würde er schon im Winter seine Siebensachen in Donezk packen und den goldenen Käfig wieder verlassen.

Lucarelli, der Verleger

Die heutige Partie spielt für dieses Unterfangen eine besonders wichtige Rolle, denn ab 20.45 Uhr werden im San-Siro-Stadion nicht nur die Augen "seiner" Livorno-Fans auf ihn gerichtet sein, sondern auch die von Spielerbeobachtern und Transferverantwortlichen.

Lucarellis Torbilanz gegen Milan sollte ihm Mut machen, denn in der Serie A traf er bereits acht Mal gegen die Rossoneri. Ein weiteres Tor könnte sehr viel wert sein: Nicht nur für Donezk, sondern auch für Lucarelli, damit es klappt mit seinem Traum von der Rückkehr in die Heimat.

Einen zweiten Traum hat er bereits realisiert. Lucarelli stieg bei der Tageszeitung "Corriere di Livorno" als Verleger ein und rief zwei neue Lokalredaktionen ins Leben. Die politische Ausrichtung der Zeitung? Sehr weit links.

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