Salzburgs Andre Ramalho im Porträt

Der Red-Bull-Musterprofi

Von Adrian Franke
Donnerstag, 19.02.2015 | 15:03 Uhr
Andre Ramalho (r.) wechselt im kommenden Sommer von Salzburg zu Bayer Leverkusen
© getty
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Im Sommer wechselt Andre Ramalho zu Bayer Leverkusen. Der Brasilianer sollte perfekt in die offensive Ausrichtung der Werkself unter Roger Schmidt, den er aus gemeinsamen Salzburger Tagen kennt, passen. Gleichzeitig aber verlässt ein Aushängeschild den Brause-Giganten - und kann dennoch ohne Zweifel als Musterbeispiel für den Red-Bull-Weg herhalten.

Es war eine große Chance und gleichzeitig auch eine enorme Drucksituation, die Andre Ramalhos fußballerischen Weg in Richtung Europa ebnen sollte. Unter 5.000 Bewerbern musste er sich 2009 in ausführlichem Training und Konkurrenzkampf untereinander beweisen und innerhalb kürzester Zeit die Experten von sich überzeugen.

Nach den Trainingseinheiten und nervenzehrender Wartezeit wurde er schließlich von den Scouts der Red-Bull-Akademie in Brasilien ausgewählt und startete so seine nicht unriskante, spannende Reise, die ihn letztlich über Salzburg in die Bundesliga zu Bayer Leverkusen bringen sollte.

"Ich war einer der Glücklichen, die darunter waren und genommen wurden", blickte Ramalho einige Jahre später bei "Sport10.at" zurück: "Ich bin dann zur U 17 von Red Bull Brasil und habe danach in der U 19 gespielt. Wir wurden damals sogar Meister und einen Tag, nachdem wir den Titel geholt haben, hat mich der Sportdirektor angerufen und gesagt, dass ich die Möglichkeit habe, in Salzburg zu spielen."

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Red-Bull-Chance genutzt

Nach drei verschiedenen Jugendteams in der Metropole Sao Paulo spielte Ramalho ab 2009 plötzlich für Red Bull Brasil, einen kleinen, unterklassigen Verein, bei dem die Spielerentwicklung komplett im Fokus stand und der den Sprung nach Europa wahr machen kann. Der Innenverteidiger setzte sich mit guten Leistungen schnell durch, so hatte die Einladung nach Europa nicht lange auf sich warten lassen.

Jugendakademie-Chef Carlos Andrade persönlich beobachtete das Talent über Wochen und Monate und leitete den Wechsel nach Salzburg mit in die Wege. "Wir versuchen, gute Spieler zu entwickeln und sicherzugehen, dass sie überall spielen können - jederzeit", gibt Andrade als seine Marschrichtung aus.

Die Red-Bull-Akademie in Jarinu ist nördlich von Sao Paulo angesiedelt, für Ramalho war es ein Glücksfall: Die gut 70 Kilometer bis zu seiner Heimatstadt stellten kein unüberwindbares Hindernis dar, seine Eltern gaben grünes Licht. Nur zwei Jahre später durfte er dann in Europa vorspielen.

"Ich habe ein 50-tägiges Probetraining hier gemacht", berichtete Ramalho einige Monate nach seinem Wechsel aus Brasilien ins kalte Österreich: "Und jetzt bin ich hier. Ich habe den Schritt nie bereut." Gemeinsam mit drei anderen Spielern hatte er sich im Januar 2011 bei den Red Bull Juniors in Salzburg zeigen dürfen. Zwei Wochen später wurde er als erster Spieler überhaupt aus der hauseigenen brasilianischen Akademie in die Alpenrepublik transferiert.

Kein Brasilianer ohne Fußball

Für den athletischen Ramalho war es der nächste große Schritt hin zu seinem Traum vom Profi-Fußball. Der Sohn eines Arbeiters in einer Aluminiumfabrik wuchs, wie so viele Brasilianer, einst als Straßenfußballer auf den unzähligen Bolzplätzen Sao Paulos auf und hatte als Kind schon nur das runde Leder im Kopf.

"In Brasilien kommt man an Fußball nicht vorbei. Wenn du kleiner bist, spielst du sehr viel auf der Straße. Erst als ich größer war, bin ich in einen Verein gegangen. Ich habe immer mit meinen älteren Brüdern Fußball gespielt", berichtet er noch heute aus seiner Kindheit.

Seine Brüder aber schafften den Sprung nicht, der kleine Ramalho, der stets von Kaka schwärmte, machte sich dagegen einen Namen als guter Verteidiger und fasste auch in Österreich schnell Fuß. Der Innenverteidiger besticht als ausgebildeter Mittelfeldspieler mit beeindruckender Kreativität und guten Fähigkeiten am Ball, was ihn über zwei Leihgeschäfte bereits 2013 in den Profikader der Roten Bullen brachte.

"Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber auf der Sechser-Position spielen", grinst der 22-Jährige noch immer, nur um schnell artig hinzuzufügen: "Ich spiele aber auch gerne in der Innenverteidigung - vor allem wenn ich mitspielen kann und nicht ausschließlich defensiv sein muss."

Bei Bayer "für beide Positionen eingeplant"

Auch sein alter und neuer Trainer Roger Schmidt, unter dem Ramalho in Salzburg den Durchbruch schaffte, weiß um die Vielseitigkeit des Brasilianers, wie er im Gespräch mit der "Bild" erklärte: "Andre ist gelernter Sechser. Bei mir in Salzburg hat er wegen der vielen Verletzten erst als Innenverteidiger ausgeholfen, diesen Job aber so top gemacht, dass er dort weitergespielt hat. Hier bei Bayer ist er für beide Positionen eingeplant."

Doch dass der sympathische Lockenkopf durchaus auch verteidigen kann, zeigt er in der laufenden Europa-League-Saison. Unglaubliche 77,8 Prozent seiner Grätschen waren erfolgreich, dazu fing er pro Partie überdurchschnittliche 3,2 gegnerische Pässe ab. Ramalho beeindruckt trotz seines Alters schon mit viel Präsenz auf dem Platz sowie seinem guten Stellungsspiel.

"Andre liest ein Spiel sehr gut. Daher kann er bestens vorwärts verteidigen", lobte Schmidt, unter dem Ramalho in der Double-Saison 2013/14 in 52 Pflichtspielen in der Startelf stand, weiter und bestätigte den statistischen Eindruck dieser Saison: "Er bringt sich früh in Position und fängt dadurch viele Bälle ab." Für Bayers offensive, riskante Spielweise macht das den Brasilianer fast zum perfekten Abwehrspieler.

Charakterschule Ausland

Doch nicht nur spielerisch hat sich Ramalho in den vergangenen Jahren nochmals enorm entwickelt, sein Werdegang, inklusive des frühen Abschieds in Richtung Europa, hat ihn auch charakterlich stabil werden lassen - wenngleich der 22-Jährige keinen Hehl daraus macht, hin und wieder die Heimat sowie Familie und Freunde zu vermissen. In der Regel sieht er seine Eltern mittlerweile nur noch maximal zwei Mal im Jahr, auch an den Winter in Österreich musste er sich zunächst gewöhnen.

"Die Erwartungen an Red Bull sind in Österreich enorm groß. Jeder erwartet, dass wir immer alles gewinnen. Man lernt viel und weiß, was es heißt, mit Druck umzugehen", betonte er, nachdem der Wechsel zur Werkself feststand: "Leverkusen ist dann wieder eine ganz neue Herausforderung, Bayer ist einer der besten Klubs in einer Top-Liga, in der man Woche für Woche gegen sehr gute Mannschaften und sehr gute Spieler antreten muss. Hoffentlich auch in der Champions League."

Das richtige Selbstvertrauen bringt der Brasilianer in jedem Fall schon mit, für seinen Wechsel nach Leverkusen sieht er aber längst nicht nur Schmidt verantwortlich: "Roger Schmidt kennt mich zwar aus unserer gemeinsamen Zeit in Salzburg, das macht es einfacher. Aber der Trainer entscheidet niemals allein, da sind immer mehrere Personen, wie etwa Sportdirektor Rudi Völler, bei solch einem Transfer mit dabei."

Ramalhos Fokus und die RB-Methode

Doch bis er schließlich nach Leverkusen geht, sind noch einige Fußball-Monate, darunter als nächstes das EL-Duell mit dem FC Villarreal (21.05 Uhr im LIVE-TICKER), zu absolvieren. "Es war schon immer mein großer Traum, einmal in einer der besten Ligen der Welt zu spielen. Diese Chance habe ich ab Sommer", so der Abwehrmann: "Doch bis dahin spiele ich für Red Bull Salzburg - meine ganze Konzentration liegt bis zum letzten Spiel in Salzburg."

Und Red Bull? Der Welt-(Fußball-)Konzern hat schon die nächsten beiden Brasilianer auf dem Schirm: Felipe Pires und Lucas Venuto durften sich zuletzt ein halbes Jahr lang in Leipzig beweisen, nachdem sie bei Red Bull Brasil ausgebildet worden waren. "Das war eine große Erfahrung und Belohnung", blicken sie heute auf ihre Zeit in Leipzig zurück

Beide spielen mittlerweile in Österreich beim RB-Farmteam FC Liefering, Venuto ist bis Saisonende an den SV Grödig ausgeliehen. Können sie sich bei Liefering durchsetzen, winkt der direkte Sprung nach Salzburg oder Leipzig - und damit womöglich bald in die Bundesliga. Und wie Ramalho zeigt, kann der Weg aus Brasiliens Bolzplätzen mit Red Bull durchaus in die europäische Fußball-Beletage führen.

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