Yassine Chikhaoui im Porträt

Yassine meets Zizou

Von Andreas Dieterle
Montag, 08.12.2014 | 15:52 Uhr
Yassine Chikhaoui hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich
© getty
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2007 jagte halb Europa Yassine Chikhaoui. Der Tunesier galt damals als Next Zidane. Ein Wechsel zu einem großen europäischen Topklub kam aber nie zu Stande. Obwohl er aktuell nur spielen will, schwärmt vor dem EL-Duell gegen Gladbach (Do., 19.00 Uhr im LIVE-TICKER) sogar Lucien Favre.

Natürlich waren auch die Bayern ein Thema. Jeder wollte ihn haben. Die halbe Bundesliga und Top-Klubs wie Juventus Turin oder der FC Barcelona waren hinter ihm her. Das war gegen Ende des Jahres 2007 und Yassine Chikhaoui damals 21 Jahre jung.

Mit der Auszeichnung als "Tunesiens Fußballer des Jahres 2006" und der tunesischen Meisterschaft im Gepäck war er erst vor einem halben Jahr zum FC Zürich gewechselt. Bereits nach kurzer Zeit war er in ganz Europa bekannt.

Talentiert. Beidfüßig. Schnell. Abschlussstark. Flexibel in der Offensive einsetzbar. Hinzu kamen sieben Tore in seinen ersten 15 Spielen. Vergleiche, auch wegen seiner algerischen Wurzeln, mit keinem Geringeren als Zinedine Zidane kamen auf. Doch das ist inzwischen bereits über sieben Jahre und zahlreiche Rückschläge her. Ein Wechsel zu einem großen Klub kam nie zustande.

Mann aus Glas

Im März 2008 folgte die erste schwere Verletzung von vielen. Nach einer Entzündung der Patellasehne, die wohl auf eine Überbelastung zurückzuführen war, wird der Tunesier operiert. Doch die Schmerzen ließen nicht nach.

Ein Jahr später ging es ihm immer noch nicht besser. Er ließ sich in der medizinischen Abteilung des FC Barcelona behandeln und spielte wieder - allerdings nur für sechs Spiele. Während der FC Zürich in der Champions League spielte, war Yassine Chikhaoui weiter zum Zuschauen verdammt. So furios seine Karriere begann, so schnell schien sie auch wieder zu enden.

"Kommt er nie mehr zurück?" titelte der "Blick" bereits 2009 über Chikhaoui nach dessen Verletzungssproblemen. Vor der Saison 2014/2015 hatte er wegen diversen Beschwerden 165 von möglichen 250 Pflichtspielen verpasst. Muskelrisse, Schienbeinbruch, Knie - und Oberschenkelverletzung - nichts blieb dem Tunesier erspart.

Schwieriger Charakter?

Der Exil-Schweizer spricht jedoch kaum über seine Verletzungen. Er gilt als schwieriger Charakter, der zu Unbeherrschtheiten auf dem Feld und Revanche-Fouls neigen soll. Das Hinspiel gegen Gladbach verpasste der Tunesier beispielsweise wegen einer Gelb-Roten Karte, die er sich gegen Apollon Limassol Sekunden vor dem Schlusspfiff auf naive Art und Weise eingehandelt hatte.

Auch das strikter Ausleben seiner Religion wird ihm hin und wieder negativ ausgelegt. Er sympathisiere mit "radikalen Moslems". Zudem werfen ihm die Kritiker vor, der Ramadan sei ein Grund für seine zahlreichen Verletzungen. Für sie ist das strikte Essverbot tagsüber keine Vorbereitung für einen Profisportler. "Die Frage stellt sich gar nicht. Der Ramadan gehört zu meiner Religion, zu mir selbst", schmettert der Tunesier alle Vorwürfe ab.

Das Paket aus Verletzungen, angeblicher Charakterschwäche und seinem öffentlichen Schweigen genügt um Chikhaoui als einen begnadeten Fußballer, aber eben auch als Problemfall, abzustempeln. In seiner tunesischen Heimat jedoch ist er ein Volksheld. "Dort ist er ein König, ein Fußballgott. Wenn Chikhaoui am Flughafen in Tunis durch den Zoll geht, braucht er seinen Pass nicht zu zeigen, er kann sich bewegen wie ein Diplomat", spricht der Trainer des FCZ Urs Meier ehrfürchtig über seinen Star.

Wechselgerüchte im Dezember

Im Dezember des letzten Jahres tauchten dann Meldungen auf, nach denen der Offensivspieler und der FC Zürich im Sommer wohl getrennte Wege gehen würden. Chikhaoui hatte sich nach den vielen Verletzungen zurückgekämpft und wie schon zum Start beim Schweizer Klub sein Potenzial unter Beweis gestellt.

Einige Teams zeigten wohl Interesse, auch wenn die Namen nicht mehr ganz so prominent waren wie 2007. Doch Chikhaoui schlug alle Angebote aus und einigte sich mit dem Klub über einen Vertag für die nächsten drei Jahre.

Präsident Ancillo Canepa zeigte sich über die Verlängerung hocherfreut: "Dass ein derart überragender Fußballer wie Yassine weiterhin beim FCZ spielen will, macht mich schon ein wenig stolz." Chikhaoui blickt hoffnunsvoll in die Zukunft. "Mein Herz gehört dem FCZ und seinen Fans. Deshalb möchte ich meinem Club helfen, nächste Saison wieder ambitionierte Ziele anvisieren zu können", so der 28-Jährige.

Der schweigsame Kapitän

Vor der neuen Saison wurde die Nummer 17 zum Kapitän ernannt. Ein Vertrauensbeweis des Trainers und seiner Mitspieler. Nicht jeder verstand diese Maßnahme auf Anhieb. "Wenn nicht jetzt, wann dann?", begründete der FCZ-Coach seine Entscheidung schlicht und einfach.

Zum Ligastart war Chikhaoui schließlich zum ersten Mal überhaupt bei einer Pressekonferenz anwesend. Er wirkte gelöst und entspannt. Er sprach zwar leise, aber locker und riss Witze. Ein ungewohntes Bild für den zurückhaltenden Mann, der die Aufmerksamkeit um seine Person eigentlich scheut.

Die Wertschätzung von Trainer Meier und seinen Mannschaftskameraden scheinen ihm gut zu tun: "Ich bin sehr stolz, Kapitän des FC Zürich zu sein, es ist eine unglaubliche Ehre für mich."

Der Wahl-Schweizer will keine großen Sprüchen klopfen, dafür ist er nicht der Typ. Er will auf dem Platz vorangehen und dort seine Leistung bringen. Auch in der tunesischen Nationalmannschaft begleitet Yassine das Amt des Kapitäns.

Die kleine Champions League

Trotz der vielen verpassten Spiele gilt der Tunesier als einer der besten Spieler, die je in der Schweiz spielten. Auch dank ihm liegt der FC Zürich in der Super League auf Platz zwei. Er freut sich auf "die kleine Champions League", wie er die Europa League selbst bezeichnet. Und in der Vorrunde soll nun noch nicht Schluss sein. Dafür muss ein Sieg gegen die Gladbacher her.

In 25 Partien in Liga, dem Pokal und der Europa League erzielte er elf Tore und verbuchte acht Assists. Zusätzlich lief er in allen Spielen für Tunesien in der Afrika-Cup-Qualifikation auf. Die ungewohnte Situation, von mindestens zwei Spielen pro Woche, scheinen ihm aber zu schaffen zu machen. Zuletzt ließ die Form des 28-Jährigen leicht nach.

Doch Fohlen-Coach Lucien Favre weiß um dessen Qualität und adelte ihn vor einiger Zeit: "Er ist ein hervorragender Spieler. Keine Diskussion, Chikhaoui wäre auch für die Bundesliga eine Attraktion!"

Yassine ist mittlerweile 28 Jahre alt und wird sich wohl derzeit nicht mit dem Gedanken an einen Wechsel beschäftigen. Nach so einer langen Leidenszeit hat ein Spieler einfachere Wünsche. Er wolle vor allem "einmal eine ganze Saison spielen". Nichts möchte man Yassine Chikhaoui mehr wünschen.

Yassine Chikhaoui im Steckbrief

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