Sonntag, 22.06.2008

Viertelfinale

Spanien stürzt den Weltmeister

München/Wien - Spanien hat den Weltmeister aus dem Turnier geworfen und als vierte und letzte Mannschaft das Halbfinale der EM erreicht.

© Getty

Nach torlosen 120 Minuten setzte sich die Mannschaft von Trainer Luis Aragones mit 4:2 nach Elfmeterschießen gegen Italien durch und entschied damit erstmals ein Viertelfinale für sich.

Im mit 51.428 Zuschauern ausverkauften Ernst-Happel-Stadion boten beide Mannschaften zwei Stunden lang Magerkost. Im Elfmeterschießen versagten Italien dann die Nerven: De Rossi und Di Natale scheiterten an Spaniens Torwart Casillas. Für Spanien trafen Villa, Cazorla, Senna und Fabregas. Italien-Keeper Buffon konnte nur den Elfmeter von Güiza parieren.

Für die Spanier, die nun seit 20 Spielen ungeschlagen sind, war es der erste Sieg gegen Italien in einem Pflichtspiel seit 1920 und der erste Halbfinaleinzug bei einem großen Turnier seit 1984. Im Halbfinale trifft Spanien am 26. Juli in Wien auf Russland, das man in der Vorrunde in der Gruppe D mit 4:1 besiegt hatte

 

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Den Ausfall des Milan-Duos Gattuso und Pirlo (beide gelbgesperrt) will Italien-Coach Donadoni mit drei AS-Rom-Spielern (De Rossi, Aquilani, Perrotta) im Mittelfeld kompensieren. Spanien mit der gleichen Elf wie in den ersten beiden Vorrunden-Spielen.

17.: Ambrosini foult Villa innerhalb des linken Strafraumecks. Der Italiener zieht ihm klar das Standbein weg. Fandel lässt weiterspielen.

25.: Freistoß Spanien, 25 Meter. Villa schießt flach ins Torwarteck, Buffon hat den Ball sicher.

36.: Erster brauchbarer Angriff der Italiener. Cassano macht Ramos nass, Toni köpft in der Mitte Marchena an.

38.: Torres setzt sich gegen zwei Mann durch, sein Schuss wird abgeblockt. Silva holt den zweiten Ball, dreht den Ball aus der Distanz aber knapp um den linken Pfosten.

60.: Doppelwechsel bei Spanien: Fabregas und Cazorla sollen mehr Schwung als Iniesta und Xavi bringen. Quasi ein Wechsel der Spielphilosophie.

61.: Tohuwabohu im spanischen Strafraum. Toni spitzelt den Ball vor Casillas weg und gewinnt danach das Kopfballduell gegen zwei Spanier, Camoranesis Schuss aus dem Gewühl pariert Casillas glänzend per Fußabwehr.

80.: Freistoß Senna aus gut 30 Metern, Buffon klärt den unplatzierten Schuss etwas unorthodox mit beiden Fäusten.

81: Die wilden Minuten des Gigi B.! Senna zieht aus der Distanz ab, Buffon gleitet der Ball aus den Händen und tropft gegen den Pfosten. Erst dann kommt der Kapitän der Italiener im Nachfassen ran.

83.: Di Natale flankt von rechts. Aus dem Hintergrund kommt Grosso angerauscht, aber Toni klaut ihm den Ball mit einer abenteuerlichen Verrenkung - Abstoß.

Die Verlängerung:

93.: Langer Ball auf Villa, der bleibt im Sechzehner hängen. Nachschuss Silva aus 17 Metern - rechts vorbei ans Hintertorgestänge.

95.: Plötzlich Leben in der Bude! Zunächst klärt Marchena mit dem langen Bein kurz vor Toni, dann wischt Casillas einen Di-Natale-Kopfball spektakulär über das Tor. Nach der anschließenden Ecke köpft Toni im Fallen über den Kasten.

110.: Silva in den Lauf von Villa. Buffon verkürzt geschickt den Winkel und wehrt zur Ecke ab.

120.: Cazorla wird von Güiza links im Strafraum freigespielt, sein Schuss aus spitzem Winkel saust Richtung Eckfahne.

Das Elfmeterschießen:

Villa, Grosso, Cazorla treffen bombensicher.

De Rossi zielt nach links unten, Casillas hält!

Senna und Camoranesi treffen eiskalt.

Güiza nach rechts unten, Buffon hat ihn! Alles wieder offen.

Di Natale verschießt ebenfalls! Wieder Casillas! Spanien im Vorteil.

Fabregas macht's, cool rechts unten! Spanien im Halbfinale! 

So lief das Spiel: Italien von der ersten Minute an mit destruktivem Spiel und keinerlei Ambitionen, das Spiel schnell zu machen. Konsequenz: Ein furchtbar fades Spiel mit spanischem Ballgeschiebe ohne Raumgewinn und italienischer Einfallslosigkeit im Spiel nach vorne. Sinnbildlich: Erst in der 33 Minute gab es den ersten Eckball. Spanien zwar mit deutlich mehr Ballbesitz, aber auch zu viel Respekt vor dem Angstgegner.

Nach dem Seitenwechsel dasselbe Bild: Italien verschleppte das Tempo und machte Spaniens Kurzpassspiel dadurch wirkungslos. Mit der Hereinnahme von Camoranesi und Di Natale kam etwas Leben ins Offensivspiel des Weltmeisters, allerdings blieben die Angriffe ideenlos. Spanien fummelte und machte, kam im zweiten Durchgang aber außer nach Buffons Patzer zu keiner Torchance mehr.

Auch in der Verlängerung hielten beide Teams ihre taktischen Vorgaben ein, das Spiel blieb von einem offenen Schlagabtausch weit entfernt. Trotz zwei, drei brauchbarer Szenen quälten sich beide mehr oder weniger ins finale Elfmeterschießen.

Der Star des Spiels: Iker Casillas. 120 Minuten ohne Fehl und Tadel, dazu mit einer starken Parade gegen Camoranesi. Im Elfmeterschießen dann wie im WM-Achtelfinale 2002 gegen Irland mit seinen Paraden der Held der Nation.

Die Gurke des Spiels: Der deutsche Schiedsrichter Herbert Fandel. Fehler in der 17. Minute, als er den Spaniern einen Elfmeter verweigerte. Fehler in der 41. Minute, als er Grossos Foul an der Strafraumgrenze gegen Silva übersah. Fehler in der 71. Minute, als er Villa nach einem Ausrutscher Gelb wegen angeblicher Schwalbe zeigte. Auf diesem Niveau kann sowas spielentscheidend sein.

Die Lehren des Spiels: Italien schaffte es ohne Mühe, Spanien den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Iberer passten sich widerstandslos dem langsamen Tempo des Weltmeisters an und spielten fast nur Sicherheitsbälle. Dazu kam über die Außen so gut wie nichts, weil Capdevila und Ramos kaum die Mittellinie überquerten.

Die Kehrseite der Medaille: Italien ist ohne Pirlo spielerisch zwei Klassen schlechter. Donadonis Schachzug, Aquilani und Perrotta als Antreiber im Mittelfeld aufzustellen, ging nicht auf. Dazu ist Luca Toni alles, aber kein mitspielender Stürmer und verwehrte so seinen Mitspielern meist eine Anspielstation im Sturmzentrum. So kam es letztendlich zum Lotterie-Spiel Elfmeterschießen, in dem De Rossi und Di Natale die Nerven versagten.

Florian Bogner / Andreas Lehner

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