Türkei gewinnt die Nervenschlacht

Von Stefan Moser / Thomas Gaber
Freitag, 20.06.2008 | 23:33 Uhr
Olic, Rüstü, Türkei, Kroatien
© Getty
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München/Wien - Der Gegner der deutschen Nationalmannschaft im EM-Halbfinale am kommenden Mittwoch in Basel heißt Türkei. Die Mannschaft von Trainer Fatih Terim bezwang Kroatien vor 50.000 Zuschauern im Wiener Ernst-Happel-Stadion mit 4:2 (1:1, 0:0, 0:0) nach Elfmeterschießen.

In einem über weite Strecken schwachen Spiel überschlugen sich erst kurz vor Ende der Verlängerung die Ereignisse. Ivan Klasnic brachte Kroatien in der 119. Minute in Führung, Semih Sentürk glich praktisch mit dem Schlusspfiff aus (120.+2).

Im Elfmeterschießen versagten die Kroaten Luka Modric, Ivan Rakitic und Mladen Petric. Für die Türkei trafen Arda Turan, Sentürk und Hamit Altintop.  

Der SPOX-Spielfilm:

5.: Nihat setzt sich gegen Niko Kovac durch und legt auf Altintop ab. Der hält aus 23 Metern sofort drauf. Die Kugel geht knapp am linken Pfosten vorbei!

19.: Was für eine Chance für Kroatien! Srna zieht von rechts nach innen und spielt steil auf Modric, der legt den Ball flach in den Fünfer, aber Olic hämmert die Kugel aus drei Metern an die Latte. Den Abpraller köpft Kranjcar aus sechs Metern knapp übers Tor. Unglaublich!

38.: Mehmet Topal hat ganz viel Platz und lässt aus 30 Metern mal einen raus. Die Kugel schrammt knapp am rechten Winkel vorbei.

51.: Unglaublich! Langer Ball von Robert Kovac. Zan verlängert, aber Rüstü zögert beim Herauslaufen, und Olic kommt mit dem Kopf vor dem Keeper dran. Es folgt Chaos und Slapstick im türkischen Fünfer, am Ende haut Zan den Ball weg.

70.: Endlich etwas Fußball. Pranjic macht auf links Tempo, spielt kurz auf Rakitic. Der Schalker spielt am Strafraum Doppelpass mit Olic, drischt die Kugel aus 13 Metern dann aber auf die Oberränge.

84.: Srna zieht einen Freistoß aus 22 Metern mit Schmackes auf die Torwartecke. Aber Rüstü fischt die Kugel aus dem rechten Winkel. Stark von beiden!

Die Verlängerung:

103.: Tuncay kommt aus 24 Metern zum Schuss. Der Ball geht hauchdünn am linken Pfosten vorbei!

119., 1:0, Klasnic! TOOOR für Kroatien! Hakan Balta blockt eine Flanke von Srna. Der Ball rollt Richtung Auslinie. Rüstü rennt unmotiviert aus, Modric kommt vor ihm an den Ball und flankt sofort nach innen. Klasnic nickt aus drei Metern ein. Und Rüstü segelt ins Leere.

122., 1:1, Sentürk! TOOOR für die Türkei!! Rüstü drischt den Ball einfach lang nach vorne. Die Kroaten bringen den Ball nicht weg. Der Abpraller landet direkt vor den Füßen von Sentürk, der die Kugel aus 14 Meter in den linken Winkel zimmert! Unfassbar!!

Das Elfmeterschießen:

Modric verschießt den ersten Elfmeter! Rechts vorbei!

Arda, Srna und Sentürk verwandeln! 3:2 für die Türkei!

Rakitic verschießt! Links vorbei!

Altintop trifft! 4:2 für die Türken!

Petric verschießt! Rüstü holt den Ball aus der linken Torwartecke! Die Türkei steht im Halbfinale!

So lief das Spiel: Mäßige erste Hälfte mit wenig Tempo und kaum klaren Aktionen. Nervöser Beginn mit vielen Abspielfehlern. Beide Mannschaften sehr abwartend und defensiv gestaffelt. Die Türkei mit leichten Feldvorteilen, Kroatien dafür mit den besseren Torchancen, allen voran der Lattentreffer von Olic.

Nach der Pause übernahm Kroatien immer mehr das Kommando: Weiterhin ohne große Linie im Spiel, aber immerhin mit etwas Zug zum Tor. Die Türken nur mit Hilfe des Zufalls dann und wann halbwegs gefährlich.  

Mit einem auch in der Höhe verdienten 0:0 ging es in die Verlängerung, in der die Türkei zunächst die deutlich aktivere Mannschaft war und vor allem durch Distanzschüsse immer wieder Gefahr ausstrahlte. Als sich beide schließlich schon aufs Elfmeterschießen eingestellt hatten, überschlugen sich plötzlich die Ereignisse: Zum dritten Mal in Folge drehte die Türkei in einer dramatischen Schlussphase eine Partie!

Der Star des Spiels: Beide Trainer! Slaven Bilic und Fatih Terim sind zwei echte Typen. Und beide waren die absoluten Aktivposten in ihrer Mannschaft: Engagiert, leidenschaftlich und mit unglaublicher Laufbereitschaft. Zum Glück hielt sich auch der vierte Offizielle einigermaßen im Zaum und ließ beide jeden Zentimeter der Coaching-Zone nach Herzenslust beackern.

Die Gurke des Spiels: Zurecht wurde Ivica Olic nach seinen ersten beiden Spielen bei der EURO hoch gelobt. Gegen die Türken aber zeigte er, vor allem in der ersten Hälfte, mal wieder seine Schattenseite. Der HSV-Profi spulte zwar wieder Meter um Meter ab - die meisten allerdings vollkommen umsonst. Dazu seine legendär umständlichen Übersteiger im völlig freien Raum, ständige Abseitsstellungen und zur Krönung: die klägliche Gomez-Kopie mit dem Lattentreffer aus drei Metern in der 19. Minute. Unglücklicher Tag für Olic, der in der 97. Minute völlig entkräftet für Ivan Klasnic ausgewechselt wurde.

Die Lehren des Spiels: Zum dritten Mal in Folge drehte die Türkei ein verloren geglaubtes Spiel. Nach den Last-Minute-Siegen gegen die Schweiz (2:1) und Tschechien (3:2) ließen sich die Türken gegen Kroatien auch vom späten 0:1 durch Klasnic (119.) nicht beeindrucken. Herz, Leidenschaft, eine unerschütterliche Moral und wohl auch in Quäntchen Glück sind die großen Stärken des deutschen Gegners im Halbfinale.

Spielerisch sind die Türken der deutschen Mannschaft unterlegen. Das Spiel nach vorne war erneut ideenlos und leicht ausrechenbar. Gegen Kroatien brachten selbst einige Positionswechsel im Mittelfeld nichts. Weil die Stürmer, allen voran Kapitän Nihat, meist in der Luft hingen, versuchten es die Türken immer wieder nur mit Fernschüssen.

Dafür stand das kompakte Fünfer-Mittelfeld um Hamit Altintop defensiv deutlich besser gegen die schnellen kroatischen Flügel als noch die DFB-Elf bei ihrer 1:2-Niederlage in Gruppenspiel gegen Kroatien.

Gegen Deutschland muss die Türkei auf die Gelb-gesperrten Emre Asik (Innenverteidiger) und die Mittelfeldspieler Arda Turan und Tuncay verzichten. Zudem wurde Nihat gegen Kroatien kurz vor dem Ende der Verlängerung wegen einer Oberschenkelverletzung ausgewechselt. Verteidiger Servet sowie die Mittelfeldspieler Emre Belözoglu, Metin Tümer und Mehmet Aurelio sind nach wie vor angeschlagen, ihr Einsatz ist fraglich. Stammtorhüter Volkan bleibt bis auf Weiteres gesperrt.

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