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Das Fass war voll

Freitag, 08.07.2016 | 04:18 Uhr
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Deutschland scheitert im EM-Halbfinale gegen Frankreich nur einen Schritt vor dem Finale. Dabei hält sich die Enttäuschung über die Leistung in Grenzen. Vielmehr sind personelle Engpässe das Problem.

Weltmeister sind wir. Europameister werden wir 2016 nicht. Diese Erkenntnis teilte am Donnerstagabend ganz Deutschland. Enttäuschung - die machte sich mit Abpfiff des Halbfinals zwischen dem DFB-Team und Frankreich im ganzen Land breit. Angefangen bei den Spielern, die die Begeisterung der deutschen Fans in den letzten Wochen von Frankreich aus gesteuert haben.

Auf große Reden hatte im Stade Velodrome kaum einer Lust. Wortlos oder mit einem kurz angebundenen "Sorry, nein" verließen die deutschen Nationalspieler die Katakomben des beeindruckenden Stadions in Marseille. Nur eine Handvoll Spieler nahm sich die Zeit, wenigstens ein paar Fragen zu beantworten.

Diejenigen, die es taten, waren sich vor allem in einer Sache einig: Vom Gefühl her ist die Mannschaft ausgeschieden, die besser war.

"Bestes Spiel trotz 0:2"

"Ein 2:0 ist kein faires Ergebnis", befand Manuel Neuer: "Wir haben hier eine gute EM gespielt, aber sind ausgeschieden. Und das ist sehr bitter." Sehr ähnlich sah es Joachim Löw: "Wir haben kein Tor gemacht, alle Spieler sind riesig enttäuscht. Wir hatten heute nicht das Glück auf unserer Seite. Ich kann keinem einen Vorwurf machen."

Doch ganz unschuldig fühlten sich nicht alle im Team. Eine Situation des Spiels wurde natürlich besonders heiß diskutiert: der Elfmeter zum 0:1, den Bastian Schweinsteiger verursacht hatte. "Das ist ein Halbfinale, blödere Momente gibt es nicht. Das ist bitter, wenn man so in die Halbzeit geht", sagte Neuer.

Tatsächlich war es der Elfmeter, der Deutschland aus dem Konzept riss: "Das hat richtig wehgetan", sagte Thomas Müller. Löws Mannschaft spielte in der ersten Hälfte mehr als dreißig Minuten lang überragenden Fußball. Deutschland hatte den euphorischen EM-Gastgeber nach dessen Powerstart schnell im Griff.

Vor allem Kroos konnte im Zentrum wieder viel besser seine Stärken ausspielen: "Wir haben heute unser bestes Spiel bei der EM gemacht, so komisch das klingt nach einem 0:2", sagte Deutschlands Spielgestalter.

Personelle Änderungen

Dabei gab es vor dem Spiel Zweifel, ob die Mannschaft aufgrund der zahlreichen personellen Änderungen überhaupt in der Lage sei, sich Frankreich zur Wehr zu setzen. Neben dem gesperrten Mats Hummels fehlten auch Mario Gomez und Sami Khedira. Und nicht zu vergessen: Ilkay Gündogan und Marco Reus.

Die Ausfälle der beiden Dortmunder hatten schon vor der EM für Entsetzen gesorgt. Und doch trieben sie kaum jemandem die ganz großen Sorgenfalten ins Gesicht. Denn: Zwei Spieler sind ersetzbar, sagte man.

Und bis zum vergangenen Samstag schien alles gut zu gehen. Das DFB-Team hatte bei der EM seine Gegner größtenteils in Schach gehalten und vorne immerhin genug Tore geschossen, um die Gruppe als Erster abzuschließen und durch einen wackligen Sieg gegen Angstgegner Italien ins Halbfinale einzuziehen.

Systemumstellung geht unter

Am Donnerstag änderte sich die Ausgangslage für Löw aber noch einmal drastisch. Ohne den sehr formstarken Hummels, den physischen Gomez und Abräumer Khedira musste der Bundestrainer die Statik seines Teams wieder einmal umbauen.

Er musste Spielern Vertrauen schenken, die zuvor nur wenig bis gar nicht gespielt hatten, was mutig war, in dem Fall aber alternativlos. Viel mehr Optionen, denen Löw vertraut, gab der Kader gar nicht mehr her. Das hätte sich auch anders dargestellt, wenn Gündogan und Reus mit dabei gewesen wären.

Dass Löw seine Formation wieder von der Dreierkette zum bei der WM bewährten 4-3-3 änderte, ging deshalb fast schon unter. Es hatte beim Ausscheiden gegen Frankreich einfach nicht das Gewicht, wie dieser andere Aspekt: "Es ist ein bitterer Abend, weil wir unter den Verletzungen gelitten haben", bilanzierte DFB-Präsident Reinhard Grindel.

Das Fass war voll

Unter dem Strich war es vor allem die Summe der Verletzungen, die Deutschland womöglich diesen EM-Titel kostete. Das Invaliden-Fass war bereits voll und wurde immer voller. Das gab den Ausschlag - auch im Frankreich-Spiel.

Es war spätestens in dem Moment geschehen, in dem sich auch Jerome Boateng gegen Frankreich vom Platz verabschiedete. Zum Schluss standen Mustafi, Höwedes, Hector, Kimmich und Sane mit auf dem Platz. Allesamt Spieler, die sich im internationalen Vergleich noch nicht das Prädikat Weltklasse abgeholt haben.

Das sah Löw ähnlich: "Wenn so ein Spieler wie Boateng verletzt raus muss, ist das für die Mannschaft schlecht", schilderte er. In so einem bedeutenden Spiel, das wohl über den Ausgang der EM entscheidet, braucht ein Top-Team auch seine Top-Spieler. Deutschland hatte in diesem Sommer nicht alle davon beisammen. Ausgerechnet am Donnerstag lief das Toleranz-Fass des DFB-Kaders schließlich über.

Deutschland - Frankreich: Die Statistik zum Spiel

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