Montag, 02.07.2012

Spaniens neuerliche Machtdemonstration

Und immer noch gefräßig

"Gracias, gracias, gracias!": Der spanische Alleingang bei großen Turnieren setzt sich fort, ein Ende ist nicht in Sicht. Der EM-Triumph ist ein Signal an das eigene Volk, aber auch an den Rest der Welt: Zu siegen ist für uns normal.

Spanien bleibt auch weiterhin das Maß aller Dinge
© Getty
Spanien bleibt auch weiterhin das Maß aller Dinge
EM-Ergebnisse
Gruppen und Tabellen

Für wuchtige Schlagzeilen ist die spanische Sportzeitschrift "Marca" ja bekannt, und auch nach dem erfolgreich verteidigten Titel bemühte sie noch Sonntagnacht eine ganze Reihe Superlative.

Gerettetes Selbstwertgefühl

"Vier Tore für die Ewigkeit" oder "Die Größten der Geschichte" war da zu lesen. Es waren die Wegweiser für den Rest der Fußballwelt, dass die beste Mannschaft vielleicht sogar aller Zeiten hier zu Hause ist.

Für das Selbstverständnis im eigenen Land, von der Wirtschaftskrise und einer stets steigenden Zahl an Arbeitslosen arg gebeutelt, wählte die "Marca" die wohl einzig zulässige Schlagzeile, als sie direkt nach dem Schlusspfiff ihren Spielern im fernen Kiew entgegenrief "Gracias, gracias, gracias!".

Die Spieler erinnerten sich in der Stunde des Triumphs an das, was zu Hause für ein paar Tage vernebelt, deshalb aber noch lange nicht aus der Welt sein wird. "Wir können das nun genießen. Bei der Krise, die unser Land durchstehen muss, können heute alle einmal wieder stolz darauf sein, Spanier zu sein", übermittelte Sergio Ramos seinen Beitrag zum geretteten Selbstwertgefühl der Nation.

Ein Rekord nach dem anderen

Spanien ist erneut und immer noch die beste Mannschaft des Kontinents und seit der 4:0-Demonstration gegen Italien jetzt schon unsterblich. "Das ist der wunderbarste Moment für den spanischen Fußball", rief Iker Casillas, der mit dem 100. Sieg in seinem 137. Länderspiel nebenbei selbst einen neuen Weltrekord ausgestellt hat.

Wie viele am Sonntagabend der Furia Roja zum Opfer gefallen waren, ist kaum noch zu überblicken: Noch nie hat eine Mannschaft drei große Turniere in Folge gewonnen, noch nie ist einem Europameister die Titelverteidigung geglückt. Noch nie wurde ein EM-Finale derart klar gewonnen.

"Heute haben wir ein Rendezvous mit der Geschichte, mit unserem Land. Alle, die das Spiel gesehen haben, können stolz sein auf Spanien", formulierte es Ramos. Dazu sicherte sich in Fernando Torres ein Ergänzungsspieler von der Bank den Titel des Torschützenkönigs, Andres Iniesta wurde zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt, flankiert von seinem Kumpel Xavi.

Del Bosque schlägt zurück

Im Finale von Kiew wurden die Italiener schnell zum Spielball einer Mannschaft, die bis dahin ganz offenbar mit angezogener Handbremse gespielt hatte. In der Gruppenphase stand Spanien gegen Italien noch vor einer Auftaktniederlage, im abschließenden Spiel gegen Kroatien sogar am Rande des Ausscheidens.

Aber wie so oft in den letzten Jahren rettete sich die Mannschaft aus einer bedrohlichen Lage und zeigte dann in der K.o.-Phase, was sie seit nunmehr vier Jahren zeigt: Konzentration und Spielfluss am Rande der Perfektion. Die Kritiker waren zwar auch nach dem Finaleinzug gegen Portugal nicht verstummt, dem Team fehle es an Esprit und einer gewissen Leichtigkeit, manche hatten sogar ein langweiliges, zielloses Ballgeschiebe ausgemacht.

Vicente Del Bosque wehrte sich seit Turnierbeginn gegen die Krittelei, besonders die Stimmen aus dem eigenen Land machten den großen Schweiger mürrisch. Und dann zog er eine neue Trennlinie zwischen seiner Mannschaft und dem Rest zumindest Europas.

Genau die richtige Taktik

Im Kollektiv stürzten sich seine Spieler auf den Gegner Italien, der im Halbfinale noch den taktischen Missgriff der deutschen Mannschaft zu seinem eigenen Vorteil ausgenutzt hatte. Andrea Pirlo wurde weder isoliert, noch in Manndeckung genommen. Es wurden ihm in erster Linie alle Zuspielwege versperrt durch fünf, sechs, manchmal sieben spanische Feldspieler in der Hälfte der Italiener.

Als hätte jemand vorher angekündigt, einen Lehrfilm über aggressives Pressing und Gegenpressing drehen zu wollen und die Spanier darum gebeten, dieses doch bitte in seiner reinstes Form zu zelebrieren. Die spanische Taktik war die Antwort darauf, wie man die Stärken des Gegners aus dem Spiel nimmt; Italien war bisweilen derart weit entfernt vom gegnerischen Tor, dass Iker Casillas weit vor dem eigenen Strafraum lauern konnte.

Da die Mannschaft bei Ballgewinn dann eben nicht nur in ihr stereotypes Verhalten verfiel, sondern auch einige irrwitzige schnelle Tempogegenstöße einstreute, wurde das Spiel der Spanier plötzlich so unberechenbar und nicht zu greifen, dass wohl keine Mannschaft der Welt an diesem Abend auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte.

Die Welt feiert einen historischen Champion
"Dreifach-Champions" titelt "AS" und befindet: "Spanien schafft den Hattrick und hat nun endgültig Legendenstatus"
© AS
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Auch "Mundo Deportivo" feiert die Tricampeones: "Spanien hatte eine Verabredung mit der Geschichte und war pünktlich..."
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"El Pais" schreibt: "Spanien schreibt die Geschichte neu" - und spricht von einem "Denkmal für den guten Fußball"
© El Pais
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Auch "Marca" bejubelt "Die größten der Geschichte. Danke, danke, danke!"
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"Superdeporte" aus Valencia weis besonders auf den Wert der am Titel beteiligten Spieler des ortsansässigen Klubs hin
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Auch in Italien verneigt man sich vor den Spaniern. Die "Gazzetta dello Sport" schreibt erst "Das del-Bosque-Team ist jetzt Legende" - und plant dann die eigene Zukunft
© Gazzetta dello Sport
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"La Repubblica" befindet: "Spanien zu stark- Trotzdem: Danke Italien"
© La Repubblica
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"Corriere dello Sport" beklagt erst das Ende des italienischen Traums und konzentriert sich dann auf das Lob von Spaniens Coach
© Corriere dello Sport
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"Sport.es" macht es kurz und knapp: "Könige des Fußballs, Könige von Europa"
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Etwas weniger emotional geht es in England zu: Der "Guardian" mit einer sehr einfachen aber deutlichen Überschrift...
© Guardian
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"The Sun" wird da schon etwas kreativer: "Threeva Espania. Spanien gelobt für Jahre zu regieren"
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Die "Bild" gratuliert den Spaniern und stellt später fest: Für Spanien war das alles ein Kinderspiel...
© Bild
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Unglaubliche Serie

Del Bosque reagierte auf die besonderen Gegebenheiten, immerhin hatte Italien einen Tag weniger Pause zur Regeneration, und wurde ausgiebig dafür belohnt. Riccardo Montolivo, der selbst nach gut einer Stunde völlig erschöpft ausgewechselt werden musste, sah darin aber nur den letzten aller Gründe für die Demontage.

"Vielleicht waren wie ein bisschen müde", sagte Montolivo. "Aber wenn die Spanier voll spielen, hat man wenige Chancen. Dann gewinnt keiner gegen sie!" Spanien durchpflügte die K.o.-Phase erneut mit weißer Weste, nunmehr sind die Iberer seit zehn Spielen in Alles-oder-Nichts-Spielen ohne Gegentor.

Vor der Partie war die Zwei-Stürmer-Strategie der Italiener in den Fokus gerückt und wie die Spanier in Innenverteidigung und defensivem Mittelfeld wohl darauf reagieren würden. Sie reagierten mit ihrer ganz eigenen taktischen Ausrichtung und ohne erneut einen echten Stürmer zu nominieren.

"Wir haben Stürmer im Kader, aber wir stellten Spieler auf, die besser zu unserer Art Fußball passten", erklärte Del Bosque seine Überlegungen und fügte dann fast schon entschuldigend an: "Wir haben eben sehr intelligente Spieler..."

Die Normalität des Siegens

15 Herausforderer waren dieses Mal angetreten, um die spanische Phalanx der letzten Jahre endlich zu durchbrechen. Die aber spulten lange Zeit ihr Pensum runter und zeigten dann ganz am Ende, worauf sich der Rest auch in den nächsten Jahren wird einstellen müssen: Auf eine Mannschaft, die noch lange nicht satt ist und ihre Überlegenheit fast schon aufreizend beiläufig zur Kenntnis nimmt.

"Vor vier Jahren war es eine Riesen-Euphorie, heute ist es fast schon normal", sagte Xabi Alonso kurz bevor er in den Bus einstieg. Es ist der spanische Alltag, von dem der Rest nur träumen kann.

Daten und Fakten: Spanien - Italien

EM 2012: Die besten Bilder des Finales
SPANIEN - ITALIEN 4:0: Spanien schreibt Geschichte und verteidigt bei der EM in Polen und der Ukraine als erstes Team den Europameistertitel
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64.640 Zuschauer warteten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew im selbstverständlich ausverkauften Stadion auf das Fußball-Spektaktel
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Zuvor jedoch gab es eine künstlerische Darbietung der Veranstalterländer - mit dem überdimensionalen Henri-Delaunay-Pokal im Hintergrund
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Die Italiener gaben bei der Hymne wie gewohnt alles und versuchten so, den Gegner vielleicht bereits vor dem Spiel zu schlagen
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Dann rollte der Ball endlich - die beiden Köpfe der Teams im direkten Duell: Andrea Pirlo (l.) und Xavi
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Mario Balotelli bekam sehr früh im Spiel die spanische Abwehr-Härte in Form von Sergio Ramos zu spüren
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Nach nicht mal einer Viertelstunde war Gigi Buffon im Tor der Italiener zum ersten Mal geschlagen, als David Silva zum 1:0 einköpfte
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Kurz vor der Pause jubelten die Spanier zum zweiten Mal - Außenverteidiger Jordi Alba erzielte den Treffer zum 2:0
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Der viermalige Welttorhüter Buffon war bei den Gegentoren chancenlos, konnte es aber dennoch nicht glauben
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Volles Haus im Strafraum der Spanier, aber Iker Casillas (im gelben Trikot) entschärfte die Ecke ohne Probleme
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Italiens Trainer Cesare Prandelli (r.) mit letzten Anweisungen an Federico Balzaretti, der kurz darauf eingewechselt wurde
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Thiago Motta musste nur kurz nach seiner Einwechslung verletzt vom Feld und konnte nicht weitermachen - bitter, denn Italien hatte bereits drei Mal gewechselt
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Auch Fernando Torres durfte noch jubeln und wurde durch sein Tor zum 3:0 noch Torschützenkönig der EM
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Für Mario Balotelli war die Niederlage eine Enttäuschung - er weinte auf dem Platz
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Nach dem Schlusspfiff holte der EM-Torschützenkönig Fernando Torres seine Tochter auf den Platz
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Auch Andrea Barzagli war nach der Finalniederlage enttäuscht
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Ricardo "El Tedesco" Montolivo konnte seine Enttäuschung auch nicht verbergen
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Iker Casillas nahm den Pokal von UEFA-Präsident Michel Platini entgegen
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Die Tränen flossen bei Mario Balotelli in Strömen, während er den Spaniern beim Feiern zusah
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Sergio Ramos erinnerte mit seinem T-Shirt an den verstorbenen Profi Antonio Puerta vom FC Sevilla
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Nicht selbstverständlich: Mit Xavi und Sergio Busquets feiern zwei Katalanen den spanischen EM-Triumph
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Who the Fuck is Shakira? Gerard Pique küsst nach dem EM-Titel der Seleccion lieber den Pokal
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