Fussball

Marco Reus vom BVB vor seiner ersten WM mit Deutschland: Zündung?

Marco Reus steht vor seiner ersten WM als Spieler.
© getty

Marco Reus hat besonders in den letzten zwölf Monaten dafür gearbeitet, erstmals an einer WM teilzunehmen. Ohne seine Tore hätte der BVB die Champions-League-Qualifikation nicht geschafft. Im DFB-Team ist Reus' Rolle nicht derart zementiert wie in Dortmund - nicht nur deshalb ist das Turnier für den 29-Jährigen von großer Bedeutung.

Kürzlich war man in Dortmund heilfroh, dass die Saison vorüber ist. Das galt für Fans, Vereinsmitarbeiter und Spieler gleichermaßen. Für sieben Kicker jedoch nur bedingt, denn für sie steht nun noch die WM in Russland an.

Einer dieser sieben BVB-Akteure ist Marco Reus. Für ihn und seine schwarzgelben Kollegen dürfte es eine angenehme Abwechslung sein, sich mal wieder in den Kreis der Nationalmannschaft zu begeben und andere Gesichter zu sehen. Raus aus dem gewohnten und zuletzt wenig harmonischen Umfeld, hinein in eine veränderte Struktur und das Abenteuer, das jede WM verspricht.

Beobachtete man Reus in den Tagen des DFB-Trainingslagers in Eppan, sah man einen gelösten und lockeren, aber auch konzentrierten und fleißigen Reus. Am Donnerstag vergangene Woche feierte er seinen 29. Geburtstag. Die Mitspieler applaudierten artig und von Bundestrainer Joachim Löw gab es eine Umarmung.

Reus muss nur noch Saudi-Arabien überstehen

In Anbetracht seiner fußballerischen Qualität ist es ein natürlich schon häufig erzählter Treppenwitz, dass Reus bis 29 warten musste, um sein erstes großes Turnier zu spielen (wenn man die EM 2012 in Klammern setzt). Läppische 30 Länderspiele sind seit seinem Debüt im Oktober 2011 zusammengekommen. Und insgesamt nur ein Titel, der DFB-Pokalsieg im vergangenen Jahr.

Das ist eigentlich reichlich mau, aber jetzt auch wieder vollkommen egal. Reus blieb und bleibt nichts anderes übrig, als im Hier und Jetzt zu denken und zu leben. Und das sieht aktuell eben keine bittere Verletzung im letzten Testspiel vor dem Abflug zur Weltmeisterschaft oder eine isolierte Rehaphase vor. Reus muss nur noch den Kick am Freitagabend gegen Saudi-Arabien überstehen (19.30 Uhr im LIVETICKER), dann wird sein Traum wahr.

Es wäre ihm selbstredend zu wünschen, denn auf diesen hat er jetzt schon wieder zwölf lange Monate hingearbeitet. Es ist ja gerade so eine typische Reus-Geschichte, dass er sich ausgerechnet bei seinem ersten großen Titelgewinn im Mai 2017 in Berlin eine Blessur zuzog, die er im Nachgang als "meine schwerste" bezeichnete.

Ohne Reus wäre der BVB nicht in der Champions League

Acht Monate schuftete Reus, der verletzungsbedingt auch einer der wenigen BVB-Spieler war, die nicht Opfer des Anschlags auf den Mannschaftsbus wurden, nach einem Kreuzbandteilriss für sein Comeback. Am 10. Februar war die Arbeit beendet und Reus stand wieder auf dem Platz. "Während der Verletzungspause dachte ich Schritt für Schritt, definierte die Etappen auf meinem langen Weg zurück", sagte Reus.

Reus kam zurück wie eh und je, mit Comebacks kennt er sich schließlich aus. Dennoch ist es jedes Mal erstaunlich, wie schnell Reus' Fähigkeiten wieder zu Waffen für sein Team werden. Sieben Tore in elf Bundesliga-Spielen sammelte er bis Saisonende, sechs Punkte brachten seine Treffer dem BVB ein. Auch ohne diesen Wert ist klar: Wäre Reus im letzten Saisondrittel nicht fit gewesen, die taumelnde Borussia hätte die Qualifikation zur Champions League wohl verpasst.

Die neben dem Erreichen dieses Saisonziels wohl beste Nachricht für BVB-Anhänger in diesem Jahr: Reus bleibt Dortmund erhalten, sein neuer Vertrag gilt nun bis zum 30. Juni 2023. Die Verlängerung kam für die Öffentlichkeit überraschend, doch wenn man Reus genauer kennt, ist sie das nur bedingt.

Marco Reus: Die Leistungsdaten der Saison 2017/2018

WettbewerbSpieleToreAssists
Bundesliga117-
Europa League4-1

Der Mittelfeldspieler hängt ungemein an seiner Heimat, der Wohlfühlfaktor ist ihm wichtiger als ein finanziell lukrativeres Angebot bei einem Klub, für den er nur einer von vielen Topspielern wäre. Eine internationale Auslandserfahrung bei einem großen Verein wird seine Karriere somit wohl nicht mehr sehen. Den Spieler Reus wird man auf Vereinsebene immer mit Dortmund verbinden.

Mit dem Bekenntnis zum BVB lässt sich ausrechnen, dass Reus mit Vertragsende 34 Jahre alt sein wird. Die mögliche Anzahl an Highlights wird also künftig eher ab- als zunehmen. Oder im Hinblick auf das Turnier in Russland gesprochen: Die WM 2018 könnte Reus' erste und letzte Weltmeisterschaft werden.

Das Turnier ist für ihn also von großer Bedeutung, es wird auch über seine Wahrnehmung als Spieler entscheiden. Erst recht, da Reus im DFB-Umfeld Sätze sagen muss, die in Dortmund undenkbar wären. Zum Beispiel: "Ich habe schon den Anspruch, dass ich der Mannschaft helfen möchte - auf dem Platz." Oder: "Der Trainer entscheidet, wer spielt, und dem hat sich jeder Spieler unterzuordnen."

Bundestrainer Löw singt Lobeshymne auf Reus

Reus gibt sich bei der Nationalmannschaft demütig, was nach seiner langen Abwesenheit keine dumme Strategie ist. Schließlich kann seine Rolle bei Löw nicht derart zementiert sein wie beim BVB. Im Grunde muss er im ersten Schritt darauf hoffen, diesmal tatsächlich mit in den Flieger Richtung WM steigen zu können. Erst dann würde die Möglichkeit folgen, auch auf diesem Niveau und in dieser Elf gewissermaßen den finalen Durchbruch zu schaffen.

Viele große Spiele hat Reus in seiner Karriere nämlich noch nicht bestritten. Und in den wenigen Partien von exaltierter Bedeutung haftete ihm bislang der Ruf an, nicht die volle Top-Form auf den Platz gebracht zu haben. Das weiß auch Reus, er gilt als extrem selbstkritisch. Ein bisschen Druck ist damit schon auf dem Kessel. Ein enttäuschendes Turnier wäre gerade für ihn persönlich ein Rückschlag.

Vielleicht auch deshalb umschmeichelte Löw Reus in den letzten Tagen. Kein anderer Spieler bekam eine solche Lobeshymne vorgesungen: "Er ist wahnsinnig geschickt, intelligent, für den Gegner überraschend. Wenn man das im Training sieht, muss man sagen, dass er eine Rakete ist. Bei ihm wirkt alles leicht. Das Timing stimmt bei seinen Pässen, er ist raffiniert im Torabschluss. Er hat eine besondere Gabe, weil er den Instinkt hat, das besonderes Gefühl für Räume, eine hohe Spielintelligenz. Ich hoffe, dass er diesmal gesund bleibt, dann kann er uns entscheidend helfen."

Reus hat gute Chancen auf einen Stammplatz

Der Bundestrainer meinte zudem, der 29-Jährige müsse "nicht permanent über links" spielen, "er ist auch mal eine gute zweite Spitze, auch eine hängende Spitze, weil er für sein Spiel viele Freiräume benötigt."

Nach dem Aus von Leroy Sane käme es einer weiteren Überraschung gleich, sollte ihm Julian Draxler vorgezogen werden. Besonders viel deutet nicht darauf hin. Es sieht also gut aus mit einem Platz in der ersten Elf, den Rest muss Löws Rakete dann selbst erledigen.

Löw und Reus, sie beide hoffen, "dass ich jetzt auch bei der WM zünde", sagt der Dortmunder. Nicht wenige in Deutschland tun dasselbe.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung