Löws taktische Umstellungen in der Diskussion

Glaubenssache

Sonntag, 03.07.2016 | 18:58 Uhr
Joachim Löw stellte gegen Italien eine defensive Dreierkette auf
© getty
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Joachim Löws taktische Umstellung im Italien-Spiel auf Dreierkette spaltet die Gemüter. Allen voran Mehmet Scholl kritisiert den Bundestrainer scharf. Von gewissen Gesichtspunkten aus betrachtet, ist eine kritische Analyse sogar nachvollziehbar. Von anderen aus hat Löw dagegen Recht.

Bonjour, Hau-drauf-Gesellschaft. Das schien am Sonntag die Begrüßung der Leser zu sein, die sich nach Deutschlands dramatischem Sieg im Elfmeterschießen gegen Italien in den Medien umblickten. Der Auslöser dafür war relativ schnell identifiziert: Mehmet Scholl.

Der ehemalige Nationalspieler hatte am Samstagabend mit seiner heftigen Kritik an Joachim Löws Systemumstellung auf eine Dreierkette eine Diskussion ins Rollen gebracht, die vermutlich auch ohne den TV-Experten losgetreten worden wäre - wohl aber nicht mit einer solchen Wucht.

Was Scholl zum Ausdruck bringen wollte, wurde unmissverständlich klar. In einigen Punkten kann man ihm nicht einmal widersprechen, denn Löw hat sich mit seiner Anpassung an den Gegner natürlich angreifbar gemacht. Dennoch: Scholls Attacke gegen das deutsche Trainerteam ist übermäßig hart. Und es fehlt ihr stellenweise an inhaltlichem Gewicht.

Scholl kritisiert Anpassung an Gegner

Scholls Angriffe galten in erster Linie Urs Siegenthaler. Der Spielbeobachter des DFB berät Löw in Taktikfragen. "Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen und morgens liegen bleiben und die anderen zum Training lassen und nicht irgendwelche Ideen bringen", giftete Scholl.

"Warum muss man eine Mannschaft, die so funktioniert hat, an den Gegner anpassen?, fragte er weiter. Scholl erinnerte an vorherige Turnier-Pleiten in der Ära Löw und machte vor allem die falsche taktische Anordnung dafür verantwortlich: "2008 gegen Spanien verloren. Wir haben uns angepasst, sind raus. 2010 an die Spanier angepasst, rausgeflogen. 2012 angepasst an die Italiener, rausgeflogen", so Scholl.

Um seine These zu unterstützen, führte er auch die WM in Brasilien an: "Jetzt kommt der Clou: 2014 ab dem Viertelfinale hat Löw jeden Rat seines Stabs ignoriert und der Mannschaft vertraut. Nur so gewinnt man Titel."

Defensive Stabilität vs. offensive Abstriche

Es ist eine sehr vielschichtige Diskussion. Scholl war ausdrücklich der Meinung: "Das hätte man auch anders als mit einer Dreierkette lösen können." Was ihn störte, war der Verlust der offensiven Automatismen im deutschen Spiel, die er Löws Systemumstellung zuschob.

Der Bundestrainer und die Spieler dagegen argumentierten damit, dass man durch die Systemumstellung das Zentrum verdichten wollte, um mehr Druck auf die italienische Doppelspitze zu bekommen. Löw wusste am Abend auf der Pressekonferenz noch nichts von den Aussagen Scholls, als er Stellung zur Taktik bezog. "Es war dringend notwendig, die Mannschaft ein bisschen zu verändern. Für mich war das nach dem Spiel Italien gegen Spanien klar. Da war das mein erster Gedanke." Seine Begründung: "Sie spielen mit zwei Mann auf den Seiten ganz hoch und mit zwei zentralen Stürmern. Vier gegen vier zu spielen, ist gegen sie gefährlich. Deswegen mussten wir das Zentrum zumachen."

Auch Thomas Müller verteidigte die Taktik: "Diese gechippten Bälle der Italiener in die Spitze kann man nicht verhindern. So kann aber wenigstens der Verteidiger aggressiv herausrücken, ohne den Raum zu öffnen, weil ja noch zwei andere absichern", erklärte der Stürmer.

Statistisch viel besser als Spanien

Es sind entgegengesetzte Denkweisen der beiden Parteien, wenngleich sich Scholl sicher ist, dass es diese Änderung nicht gebraucht hätte, um Italien auch defensiv in Schach zu halten: "Man hätte die Passwege mit der gewachsenen Mannschaft unterbinden können. So hätten wir uns nicht unserer Stärke nach vorne beraubt."

Doch wie kann er sich da so sicher sein? Auch Spanien spielte mit einer Viererkette und versuchte, die Squadra Azzurra mit dem Kollektiv und der Eingespieltheit zu stoppen. Das ging mächtig nach hinten los. Insgesamt elfmal kamen die Italiener im Achtelfinale zum Abschluss, siebenmal ging der Ball aufs Tor. Im Vergleich dazu: Deutschland ließ in 120 Minuten nur drei Abschlüsse auf Manuel Neuers Kasten zu, einer davon war der Elfmeter.

Kein Systemwechsel ohne Qualitätsverlust

Nachvollziehbar in Scholls Ausführungen ist aber auf jeden Fall, dass Deutschland nicht ohne Qualitätsverlust zwischen verschiedenen Systemen wechseln kann. Die Nationalmannschaft hat nicht die taktische Eingespieltheit einer Vereinsmannschaft, zudem gibt der Kader es nicht her, dass jede Formation qualitativ gleichwertig besetzt ist.

Ebenfalls stimmt es, dass die Abläufe in der Offensive darunter gelitten haben. Durch Positionswechsel und eine Umverteilung der Aufgaben wirkte die DFB-Elf längst nicht so eingespielt wie gegen die Slowakei. Doch all das hatte man bewusst in Kauf genommen. Das bestätigten die Verantwortlichen später.

Löw legte das Augenmerk bewusst auf die Defensive. Ihm war klar: Gerät Deutschland durch einen italienischen Konter in Rückstand, wird die Aufgabe brutal.

Glaubenssache

Das ist Löws Auffassung von taktischer Flexibilität. Anders als Pep Guardiola, der darunter versteht, seine Stärken so einzusetzen, um die Schwächen des Gegners auszunutzen, verfolgte Löw gegen Italien schlichtweg den Ansatz, die Stärken des Gegners durch eine Umstellung zu eliminieren. Geringfügig auf Kosten der eigenen Stärke.

Inwiefern ein Verbleib im 4-2-3-1 einen deutlicheren Sieg gebracht hätte oder eben nicht, ist reine Spekulation. Unter dem Strich steht der Halbfinal-Einzug. Und der erste Erfolg über Italien bei einem großen Turnier. Das ist es, was bei aller Taktik-Diskussion zählt. Mehr geht ohnehin nicht. "Jede Medaille hat zwei Seiten", befand deshalb auch Müller: "Im Großen und Ganzen ist es aufgegangen."

Insgesamt war die Umstellung der deutschen Mannschaft mutig. Löw wusste genau, dass ihm diese Maßnahme um die Ohren gehauen würde, wenn er ausscheidet. Aber genau deshalb ist er Bundestrainer. Er ist der Eine aus 80 Millionen, der die Entscheidung trifft. Und die ist oftmals eine Glaubenssache.

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