Moderner Leader

Sonntag, 19.06.2016 | 11:39 Uhr
Jerome Boateng rettete dem DFB-Team in den ersten beiden Spielen mehrfach die Null
© getty
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Jerome Boateng hat in der Nationalmannschaft eine Führungsrolle eingenommen. Dabei war sein Wesen lange Zeit eher atypisch für diese Position. Doch dank Demut und Leistung verkörpert er heute den Prototypen der neuen Leader-Generation.

Es ist vor allem auch Jerome Boatengs aufregenden Rettungstaten zu verdanken, dass die Nationalmannschaft in den vergangenen Tagen nicht noch mehr in Erklärungsnot geraten ist als es ohnehin schon der Fall war. Sein spektakulärer Kick auf der Torlinie im Ukraine-Spiel hat schon jetzt das Potenzial zur Szene der EM-Gruppenphase.

Wie wichtig Boateng für Deutschland ist, hat er nicht erst jetzt bewiesen. Sein Können auf der Position des Innenverteidigers ist unbestritten. Und trotzdem hat man das Gefühl, dass sein Stellenwert für seine Mannschaften noch gar nicht allzu lange honoriert wird.

Der 27-Jährige wurde jahrelang unterschätzt. Zuletzt zweifelte zwar niemand mehr an seinen Qualitäten als Abwehrchef, jedoch war Boateng nie einer der ersten Spieler, die mit dem Begriff Führungsspieler assoziiert wurden.

Wandel der Mentalität

Im Fußball hat jedoch ein Wandel stattgefunden. Das betrifft die Spielweise genauso wie die Mentalität. Der klassische Brüllaffe wird im Profi-Segment immer seltener. Es braucht ihn nicht. Das Business und dessen Akteure sind - zumindest auf dem Platz - sensibler geworden. Drumherum ist das weniger der Fall.

In Europas Top-Ligen, in den Nationalmannschaften sowieso, erfahren die Spieler reinste Verwöhnung. Alles ist für die Spieler durchdacht und geplant, sie müssen eigentlich nicht mehr tun als zu sein.

Ein Choleriker, der in diese Idylle reinfunkt und aus Prinzip mal einen anderen Ton anschlägt, passt kaum mehr ins moderne Bild dieses Sports. Typen wie Stefan Effenberg, Oliver Kahn oder Michael Ballack, die das Team sprichwörtlich auch mal an den Eiern packten, würden im heutigen, hochempfindlichen Geschäft fast schon wie exzentrische Kasper wirken.

Zwar sind es gerade diese Kerle, die von Außenstehenden häufig noch als authentisch und stark bewertet werden, in den Mannschaftsgefügen der jungen Generationen sind aber andere Typen gefragt. Typen, die zwar mal lauter werden können, wenn es sein muss, die aber vor allem einfühlsam und verständnisvoll sind. Typen wie Jerome Boateng.

Verfolgt vom Verruf, ein Boateng zu sein

Der Berliner hat von klein auf gelernt, was es bedeutet, vernünftig zu sein. Er wurde gezwungen zu verstehen, wie man mit Problemen umgeht. Was ihm aber immer anhaftete: Der Verruf, wie sein Halbbruder Kevin-Prince zu sein.

In der Jugend gab es sie nur im Duo. Jerome und Kevin-Prince wurden in dieselbe Schublade gesteckt. Sie wurden als "die Boatengs" wahrgenommen, was sich auch eine ganze Zeit lang im Profibereich fortsetzte. Kevin-Prince verdiente sich schnell den Titel "Skandalprofi" und es fiel den Leuten schwierig, Jerome losgelöst davon zu betrachten.

So wurde er immer wieder als Junge aus dem Wedding beschrieben. Obwohl er dort gar nicht aufwuchs, das war Kevin-Prince. Jerome wohnte bei seiner Mutter im beschaulichen Wilmersdorf.

Doch er machte nie große Worte darum. Boateng wusste, wie es um ihn bestellt war. Er verfolgte sein Ziel, Profifußballer zu werden. Ohne Eskapaden.

Vom Risikofaktor zum Weltbesten

Spurlos an ihm vorüber ging die Aufregung aus seinem Umfeld aber nicht. Vor noch nicht allzu langer Zeit sah man seinem Spiel noch deutlich an, dass es gezeichnet war: Boatengs Motivation war stets ungebrochen, jedoch wusste er sie lange Zeit nicht richtig einzusetzen. Platzverweise und Patzer durch ungeschickten Einsatz seines großgewachsenen Körpers waren die Folge.

Doch in Jupp Heynckes, der ihn 2011 von Manchester City nach München holte, und Pep Guardiola bekam Boateng die Mentoren, die ihm beibrachten, seine Begabung zu ordnen und damit umzugehen. Aus dem potenziellen Risikofaktor wurde der vielleicht beste Verteidiger der Welt.

Der große Bruder

Doch es ist nicht nur seine spielerische Qualität, die ihm in seinen Mannschaften Respekt verleiht. Boateng bringt sich auch stimmlich immer mehr ein - wenn es die Situation erfordert. Ganz bewusst achtet er darauf, dass die verbale Kommunikation nicht ausartet.

Wenn er es aber für nötig erachtet, appelliert er auch mal öffentlich an seine Mitspieler. So, wie er es nach dem Polen-Spiel tat. Klar und bestimmt. So, wie er seine Vorderleute auch auf dem Platz ordnet.

Auf diese Weise erreicht er vor allem die junge Generation an Spielern. Diese umfasst aber keinesfalls nur die Kimmichs, Sanes und Weigls im Team. Auch Mario Götze, Andre Schürrle oder der gleichaltrige Mesut Özil schauen zu Boateng auf. Er ist so etwas wie der große Bruder.

Moderner Leader

Boateng spricht wortwörtlich die Sprache der Youngsters. Die Jugendlichkeit gehörte immer zu seinem Naturell und er wird sie nie komplett ablegen. Es ist sein Zugang zu den anfangs vielleicht noch etwas unsicheren Neulingen, salopp gesagt aber auch zu all denjenigen im Team, die einfach mal über Hip Hop, Marken und viralen Content in den sozialen Netzwerken sprechen wollen.

Durch seine enorme Erfahrung und Erfolge in den vergangenen Jahren hat er sich aber auch den Respekt der Arrivierten erarbeitet. Wenn Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger oder Benedikt Höwedes von Boateng sprechen, bringen sie stets eine hohe Meinung zum Ausdruck. So, wie auch der Bundestrainer.

Mit 27 Jahren könnte Boateng in der Nationalmannschaft kaum einen höheren Stellenwert haben. Sein Wort hat Gewicht. Bei allen. Er ist ein moderner Leader.

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