Kontert sie aus!

Von Für SPOX in Südafrika: Stefan Rommel
Mittwoch, 07.07.2010 | 12:14 Uhr
Europameister Spanien hat die Chance, erstmals ein WM-Finale zu erreichen
© Getty
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Zum dritten Mal in Folge steht Deutschland im Halbfinale einer Weltmeisterschaft. Mit Europameister Spanien wartet aber die derzeit wohl beste Mannschaft der Welt auf das Team von Bundestrainer Joachim Löw. Was muss die DFB-Elf beachten? Auf wen müssen Schweinsteiger und Co. besonders achten? SPOX hat die Spanier genau unter die Lupe genommen.

Spanien hat nach holprigem Start immer besser ins Turnier gefunden, hat seine löchrige Defensive stabilisiert und im Angriff in David Villa den bisher gefährlichsten Angreifer des Turniers.

"Spanien hat gleich mehrere Messis", sagt Löw warnend und ehrfürchtig zugleich. Ein Spaziergang wie zuletzt bei den Siegen gegen England und Argentinien wird es heute (20 Uhr im LIVE-TICKER und auf Sky) definitiv nicht werden. Dafür sind die Spanier zu ausgeglichen besetzt.

Aber es gibt doch einige Ansatzpunkte, die berechtigten Grund zur Hoffnung geben.

Deutschland vs. Spanien: Die Duelle

Spaniens Grundformation:

Seit der EM 2008 spielt der Europameister im 4-2-3-1. In der Viererkette bilden Carles Puyol und Gerard Pique das Innenverteidiger-Pärchen wie beim FC Barcelona.

Auf links sichert Capdevila ab, der sich vornehmlich auf seine Defensivaufgaben konzentriert. Rechts ist Sergio Ramos dagegen ein extrem offensiver Außenverteidiger, der jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um sich nach vorne mit einzuschalten.

Davor spielen in Sergio Busquets und Xabi Alonso zwei defensiv orientierte Sechser, die anders als viele ihrer Artgenossen kaum den Weg in die Spitze suchen und allenfalls aus der zweiten Reihe (Alonso) gefährlich werden.

Das Sahnestück ist das verkappte Dreier-Mittelfeld mit Andres Iniesta, Xavi und David Villa. Iniesta und Xavi geben den Takt an, verschleppen das Tempo oder ziehen es an, je nach Spielsituation. Die beiden sind das Beste, das der Welt-Fußball derzeit in diesem Spieldrittel zu bieten hat.

Villa hängt sehr oft auf dem linken Flügel, um dann gefährlich nach innen zu ziehen und den Abschluss zu suchen. Ganz vorne ist Fernando Torres trotz eher mäßiger Leistungen bisher als Sturmspitze eingeplant.

Spaniens Defensivverhalten:

Dreier-, Zweier-, Viererkette, das ganze kompakt und sehr hoch stehend. Spanien ist in der defensiven Grundformation dicht gestaffelt und bietet zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen wenig Platz. Die Abstände sind gering gehalten.

Die erste Angriffsreihe der drei offensiven Mittelfeldspieler empfängt den Gegner noch weit in dessen Hälfte. Sobald Druck am Ball ist, rückt zumindest einer der beiden defensiven Mittelfeldspieler (meist Alonso) ein paar Meter nach und macht die Mitte dicht.

Capdevila lässt sich auf eine Linie mit den Innenverteidigern fallen, während Ramos etwas früher attackiert und seine Position öfter aufgibt.

Der Knackpunkt liegt in der Arbeit von Busquets und Alonso. Hier ist Spanien besser aufgestellt als zuletzt England und Argentinien, die mit eineinhalb bzw. einem zentralen defensiven Mittelfeldspieler völlig überfordert waren.

So werden Deutschlands Gegner analysiert

Die Schwachstelle ist Capdevila, der bis auf eine vernünftige Partie gegen Portugal bisher nichts gerissen hat bei der WM. Pique und Puyol im Zentrum sind Allrounder, ohne große Schwächen. Allenfalls im Antritt ist Puyol etwas in die Jahre gekommen.

Spaniens Offensivverhalten:

Das Muster ist mittlerweile bekannt, zu verteidigen ist es aber immer noch ungemein schwierig. Das Zentrum der Macht bilden Xavi und Iniesta, die den Ball zirkulieren lassen, während die anderen in die Offensive involvierten Spieler ihre Positionen variieren und suchen.

Eröffnet sich keine Lücke, bricht bei den Spaniern trotzdem keine Panik aus. So lange der Ball im Besitz der Furia ist, kann nichts passieren. Notfalls erstreckt sich ein Angriff auch über mehr als 30 Stationen, das geduldige Lauern auf die eine kleine Lücke ist fest eingeplant.

Für den Gegner bringt das den unangenehmen Nebeneffekt mit sich, dass man ständig auf der Jagd nach dem Ball ist und im letzten Drittel einer Partie auch mal richtig platt sein kann.

Die Asymmetrie im spanischen Spiel stellt ein besonderes Problem dar: Während die linke Seite immer von je einem Verteidiger und einem Mittelfeldspieler/Stürmer besetzt ist, bleibt auf der rechten Bahn genug Platz für Ramos, um mit Tempo die Flanke zu bespielen.

Der Europameister hält den Ball mit vielen kurzen Pässen auf der linken Seite, um dann plötzlich die Spielverlagerung zu suchen und Ramos mit dem Ball und dem gewonnenen Raum auf die Reise zu schicken. Über die linke Seite sieht das Spiel anders aus. Hier sucht Villa die kleinen Lücken zwischen rechtem Außenverteidiger und rechtem Innenverteidiger, um für den Pass in die Tiefe anspielbar zu sein.

David Villa im Porträt: Der kleine Junge aus dem Bergwerk

Eine besondere Rolle kommt Iniesta zu: Der darf in der Offensive machen, was er will und wo er will. Der Barca-Star ist quasi überall zu finden, bildet eben noch hier ein kleines Dreieck mit Xavi und Alonso, um Sekunden später das Dribbling über die rechte Seite zu nehmen. Iniesta lebt von seiner Unberechenbarkeit und ist in seiner Vielseitigkeit einer der gefährlichsten Spieler der Welt.

Spanien macht das Spiel in der Offensive sehr breit, Villa klebt fast an der linken Seitenlinie, Iniesta geht entweder über den rechten Flügel oder lässt dort Platz für den nachrückenden Ramos.

Es gab aber auch schon Phasen während der WM, in denen sie das Spiel zwar breit gemacht, aber kein Tempo in ihre Aktionen gebracht haben. Dann ist das Verschieben für das verteidigende Team einfacher, es tun sich keine Räume zwischen Außenverteidiger und der Innenverteidigung auf und das Angriffsspiel stockt.

Aber Achtung vor den Tempowechseln! Spanien lullt den Gegner mit ein bisschen Ballgeschiebe gerne ein, um dann durch Xavi oder Iniesta plötzlich ins Tempo zu gehen.

Das muss passieren:

Es gibt zwei Arten, Xavi und Iniesta zu verteidigen: Ihnen den Raum zwischen Mittelfeld und Abwehrreihe zu verstellen oder schon die Zulieferung der Bälle aus dem spanischen defensiven Mittelfeld unterbinden.

Schweinsteiger und Khedira dürfen sich nicht auseinanderziehen lassen, sondern müssen möglichst nah beieinander und in kurzem Abstand zur Viererkette stehen. Ein Paradebeispiel dafür lieferte die Schweiz ab, die Spanien immer wieder auf die Außen drängte und die Gefahr damit weiter vom eigenen Tor weg bekam.

Spanien versucht dann, die Außenverteidiger aus ihrer Position zu ziehen, um den frei werdenden Raum mit einem der Flügelspieler oder dem nachrückenden Ramos zu besetzen und zur Grundlinie durchzustoßen.

Das hört sich zunächst gefährlich an, war bisher aber eher ein harmloses Mittel. Denn wirklich brenzlig wurde es nach Flanken zur Mitte bisher fast für keinen Gegner. Nur der wuchtige Llorente konnte dort für Gefahr sorgen, Torres hatte dagegen kaum Szenen.

Spanien hat ein Problem in seiner Grundordnung: Im Zentrum ballen sich sowohl im Offensiv- als auch im Defensivspiel zu viele Spieler auf engem Raum.

Was hat sich seit 2008 getan? Deutschland kann auch anders

Die Räume sind nicht gut besetzt, die Abstände untereinander zu klein. In der Offensive lässt sich das mit den vielen Kurzpässen noch lösen, defensiv wird es dann zum Problem, wenn der Gegner den Ball aus dem Zentrum auf den Flügel bringt und einige Momente dort in Überzahl agieren kann, wenn der jeweilige Außenverteidiger sich mit einschaltet.

Wenn der Ball schnell gemacht wird, stehen Capdevila und Ramos - allenfalls von einem der beiden defensiven Mittelfeldspieler unterstützt - allein und sind in ihrem Rücken verwundbar. Das sind die Zonen, in die die deutsche Mannschaft kommen muss. Eigentlich eine Paraderolle für Müller, aber der ist ja leider gesperrt...

Trotzdem muss das das Angriffsmuster sein - neben einem präzisen Konterspiel. Spanien wird deutlich mehr Ballbesitz haben. Erobert Deutschland aber den Ball, muss es schnell gehen.

Pique schaltet sich zwar sehr dosiert, dann aber auch sehr offensiv mit ein. Der Innenverteidiger treibt den Ball gerne bis weit hinter die Mittellinie, um den Druck zu erhöhen. Allerdings entstehen in diesen Momenten Lücken im Abwehrzentrum der Spanier. Gewinnt Deutschland in dieser Situation den Ball, muss das Umschalten schnell und präzise klappen.

Klose hat am Boden und in der Grundschnelligkeit deutliche Vorteile gegenüber Puyol, der ohne Pique an seiner Seite im Eins-gegen-eins Probleme bekommt. Zuletzt hatten sowohl Pique als auch Puyol gegen eher harmlose Paraguayer immer wieder Schwierigkeiten.

Das darf nicht passieren:

Deutschland hat im Achtel- wie auch im Viertelfinale zwar deutlich gewonnen, leistete sich mit der Führung im Rücken aber jeweils nach der Pause eine schwache Viertelstunde und bot so dem Gegner einiges an. England und Argentinien konnten kein Kapital draus schlagen, gegen Spanien könnte eine solche Phase tödlich sein.

Wenn Spanien in Führung liegt, wird es verdammt schwer. Dafür sind Xavi und Iniesta zusammen mit den defensiv denkenden Busquets und Alonso zu ballsicher - der niedrigste Ballbesitzwert der Iberer bei dieser WM liegt bei 63 Prozent. Fast schon unheimlich.

 

Deutschland vs. Spanien: Die Duelle

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