Der kleine Junge aus dem Bergwerk

Von Thomas Gaber
Mittwoch, 07.07.2010 | 10:07 Uhr
David Villa erzielte fünf von sechs Toren der Spanier bei der WM in Südafrika
© Getty
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David Villa soll Spanien nach dem EM-Titel auch zum Weltmeister schießen. Er ist auf einem guten Weg. Mit 28 hat er schon viel erreicht in seinem Leben als Fußballer. Dabei hing die Karriere von El Guaje mehrfach am seidenen Faden.

Andalusien ist der Traum eines jeden Seniors. Ist die Arbeit getan - und zwar für immer - wäre eine Finca an der Costa del Sol gerade recht. Die Lebenserwartung im Süden Spaniens liegt weit über dem europäischen Standard.

Auch Dionisio Cuetos hat sich in Andalusien niedergelassen. Der Arzt im Ruhestand beschränkt sich auf die einfachen Dinge. Keine Finca in Marbella, eine kleine Wohnung in Malaga tut's auch. Keine Badenixen, die ihm frische Mojitos an den Pool bringen. Den Hund Gassi führen tut's auch.

Not-OP rettet Villas Karriere

Dabei ist der aus Nordspanien stammende Doc ein Held in Spanien. Ein Fußballer der Furia Roja hat es einzig und allein Cuetos zu verdanken, dass er ein gut bezahlter Profi wurde, Spanien 2008 zum EM-Titel schoss, vielleicht Weltmeister wird und demnächst beim FC Barcelona spielen darf: David Villa.

Im Alter von neun Jahren brach sich Villa bei einem Spiel seines Jugendvereins UP Langreo den Oberschenkel. "Ein hoch aufgeschossener Gegenspieler hat mich einfach in die Mangel genommen", erinnert sich Villa. El Guaje (der kleine Junge) wie der 1,75 Meter große Villa genannt wird, wurde ins 20 Kilometer entfernte Krankenhaus Valle del Nalon gebracht und Dionisio Cuetos auf den OP-Tisch gelegt.

"Es war eine sehr komplizierte Fraktur. Der gebrochene Knochen lag so übereinander, dass Davids rechtes Bein um drei Zentimeter kürzer war als das linke. Ich dachte zunächst an eine Amputation", sagt Cuetos. In einer dreistündigen Operation flickte der Chirurg Villas Bein aber wieder zusammen.

Probleme mit Jugendtrainer

Nach etlichen Wochen Krankenhausaufenthalt und einem endlosen Reha-Programm begann Villa wieder mit Fußball. "Ohne die Hilfe von Cuetos wäre ich wohl Bergbauarbeiter geworden. Wie mein Vater", sagt Villa.

Der Führende der WM-Torschützenliste (fünf Treffer) wurde am 3. Dezember 1981 in Tuilla geboren. Ein Dorf in der autonomen Region Asturien mit 1700 Einwohnern. Die männliche Bevölkerung war lange Zeit nahezu komplett im Bergbau aktiv. Villas Vater Mel war ebenfalls "minero". Die meisten Zechen sind mittlerweile geschlossen, da schwere Bergwerksunglücke in den letzten Jahren fast schon an der Tagesordnung waren.

Mel Villa wollte seinem Sohn ein besseres Leben ermöglichen. Er erkannte früh Davids fußballerisches Talent und meldete ihn im ortsansässigen Verein an. Villa schoss stets seine Tore, hatte aber immer wieder Probleme mit seinem Trainer. Nicht weil er aufmüpfig war, sondern weil er dessen herablassende Kommentare über seinen Laufstil nicht ertragen konnte.

"Ich fühlte mich wie ein Niemand, verdiente keinen Penny und saß gelangweilt auf der Ersatzbank. Ich wollte nur weg und mit meinen Freunden spielen", erzählt Villa. Doch sein Vater überredete ihn, es wenigstens noch eine Zeit lang zu versuchen. "Ohne meinen Padre hätte ich mit dem Fußball aufgehört, bevor ich 15 Jahre alt war. Er hat mich gelehrt, dass man nur mit harter Arbeit etwas werden kann, auf das man später einmal stolz ist", so Villa.

Technik, Wucht, Schlitzohrigkeit

Es dauerte nicht lange, ehe sämtliche asturischen Vereine am kleinen David interessiert waren. Den Zuschlag bekam Sporting Gijon, weil Villa seinem großen Idol Enrique Castro Gonzalez, genannt Quini, nacheifern wollte.

Mit 18 debütierte Villa in Gijons erster Mannschaft und erzielte in den kommenden zwei Jahren 25 Tore in der Segunda Division. "Die Leute waren fasziniert von seiner Schnelligkeit, seiner Technik, seiner Wucht und seiner Schlitzohrigkeit im Abschluss", erinnert sich Vater Mel.

2003 wechselte Villa zu Real Saragossa. Er bekam seinen ersten gut dotierten Vertrag. Geld interessiert Villa allerdings bis heute nicht sonderlich. Das glamouröse Leben als Superstar des Sports ist ihm völlig fremd. Villa heiratete seine Sandkastenfreundin Patricia. Das Paar hat zwei Töchter. Zaida ist drei Jahre alt, Olaya kam im August 2009 zur Welt.

Familienglück geht Villa über alles. Nach einem Treffer für seinen Klub FC Valencia gegen den FC Villarreal im Mai 2009 sagte er vor der Kamera: "Ich widme dieses Tor Patricia und dem kleinen Ding, das wir im August erwarten. Wir haben heute gehört, dass wir zum zweiten Mal Eltern werden. Es ist fantastisch."

"Casillas hat mehr geleistet"

Wann immer es geht, besucht Villa seine Heimat. Jedes Jahr im Juli organisiert er ein Fußballcamp für Kinder aus ärmlichen Verhältnissen und stattet sie mit Fußballschuhen und Trikots aus. In diesem Jahr beginnt die Veranstaltung am 18. Juli - eine Woche nach dem WM-Finale.

"Wir leben unseren Traum", sagte Villa nach dem Sieg gegen Paraguay. Fünf der sechs spanischen Tore erzielte el Guaje, viermal davon das 1:0. Villa hat neben Bastian Schweinsteiger die besten Chancen, Spieler des Turniers zu werden.

"Wenn die Leute sagen, ich soll es werden, sage ich, dass Iker Casillas mehr geleistet hat als ich. Ich habe fünf Tore geschossen, aber Iker hat uns mit dem gehaltenen Elfmeter gegen Paraguay im Spiel gehalten", sagte Villa.

Soziale Engagements

Wie sein berühmter Landsmann Fernando Alonso, zweimaliger Formel-1-Weltmeister, engagiert sich Villa für die asturische Sprache. "Katalanisch, Galizisch und Baskisch werden offiziell als Amtssprachen anerkannt. Asturien hat es verdient, gleichberechtigt behandelt zu werden", sagt Villa.

Als sein asturischer Ex-Klub Sporting Gijon im Juni 2008 den Aufstieg in die Primera Division sicherstellte, lud Villa spontan zur Party auf sein Hotelzimmer im EM-Quartier der spanischen Nationalmannschaft ein. Während seine sonnenverwöhnten Teamkollegen dort über das chronisch schlechte Wetter schimpften, freute sich Villa über den Tiroler Dauerregen: "Ich komme aus Asturien. Da regnet es nur. Und außerdem gibt es für so was einen Regenschirm."

Rekord-Hattrick in Spanien

Fünf Tore erzielte "Villa maravilla" ("Villa, das Wunder") bei den Titelkämpfen in Österreich und der Schweiz und hatte damit großen Anteil am Titelgewinn, obwohl er im Finale gegen Deutschland wegen einer Oberschenkelverletzung passen musste. "Ich bin ein bisschen traurig, dass ich nicht mitspielen kann, aber es ist besser, wenn ein Spieler auf dem Platz steht, der topfit ist. Ich kann ja nicht einmal richtig gehen", sagte Villa vor dem Finale.

Auch bei der WM hat er bereits fünfmal getroffen. Im Gegensatz zu Fernando Torres ist Villa körperlich auf der Höhe und Spaniens Lebensversicherung. Kaka sagte einmal über ihn: "Wenn ich mir einen spanischen Spieler aussuchen dürfte, mit dem ich gerne zusammenspielen möchte, würde ich David Villa nehmen."

Wechsel zum FC Barcelona

Das wird vorerst nicht hinhauen. Nach fünf Jahren in Valencia spielt Villa ab der kommenden Saison (endlich) für einen europäischen Topverein. Im Mai unterschrieb er einen Vier-Jahresvertrag beim FC Barcelona mit Option auf weitere zwölf Monate. Valencia bekam 40 Millionen Euro.

Ob Villa seine Tore für Barca oder die Nationalmannschaft erzielt - Dionisio Cuetos bekommt es mit. Jedes Mal, wenn sein ehemaliger Patient groß auftrumpft, klingelt in Malaga das Telefon. "Dann rufen mich Freunde an und schreien in den Hörer: 'Dionisio, da war er wieder - dein kleiner Junge!'"

WM 2010: die Torjägerliste

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