So werden Deutschlands Gegner analysiert

Urs Siegenthaler: Der Schattenmann

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 07.07.2010 | 08:49 Uhr
Seit vielen Jahren ein Team: Bundestrainer Joachim Löw und Urs Siegenthaler (r.)
© Imago
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Urs Siegenthaler ist das Mastermind hinter Bundestrainer Löw und dessen taktischer Finessen. Auch gegen Spanien (20 Uhr im LIVE-TICKER und auf Sky) ist die Arbeit des DFB-Chefscouts wieder extrem wichtig. Aber der Schweizer ist nicht allein: Er wird unterstützt von Deutschlands derzeit wichtigster Außenstelle.

Wenn die deutsche Nationalmannschaft im Rampenlicht steht, ist sein Tagwerk längst getan. Er sitzt auf der Tribüne und schaut sich an, wie seine Arbeit in die Tat umgesetzt wird. Und er denkt dann schon weiter, notiert, skizziert und speichert.

Urs Siegenthaler ist der Schattenmann im deutschen WM-Tross. Er hat sich rar gemacht in den letzten Tagen und Wochen. Es war kaum etwas zu sehen oder zu lesen von ihm.

Viele Helferlein im Rücken

Dabei ist Siegenthaler die heimliche Instanz, die hinter den glorreichen Siegen gegen England und Argentinien steht. Er ist es, der dem Trainerteam das Feld bestellt mit einer unglaublichen Fülle an großen Informationen und kleinen Tipps.

Er ist es, der schon vor dem Spiel einen Großteil der Spielsituationen kennt, obwohl noch keine Sekunde gespielt ist. Er hat sie einfach schon zu oft gesehen. Ball raus, Ball rein, Ball in die Tiefe, Querpass, Torabschluss.

Siegenthaler ist der Herr der Spielmuster und der Ursprung fast allen Wissens, mit dem Bundestrainer Joachim Löw und die Mannschaft in eine Partie gehen. Ein Orakel, mit der Deutschen Sporthochschule in Köln und einer Schar freiwilliger Helferlein im Rücken.

Vater Buschmann

In Köln wird die Information geboren. Und Professor Jürgen Buschmann ist sozusagen ihr Vater. Buschmann ist der Chef der Scoutingabteilung der SpoHo, der 56 Studenten und drei hauptamtliche Mitarbeiter angehören. Zusammen mit seinem Kollegen Stephan Nopp leitet Buschmann diese kaum bekannte, dafür aber umso wichtigere Außenstelle des Deutschen Fußball Bundes, der die involvierten Studenten noch nicht mal auf seine Gehaltsliste nehmen muss. Die arbeiten kostenlos.

Vor WM-Beginn hatten die Kölner Dossiers über alle anderen 31 WM-Teilnehmer erstellt - dazu gehören jeweils rund 300 zusätzliche Seiten über Land und Leute oder Erwartungen aus der Heimat.

Buschmanns Team erfasst neben den harten Fakten auch die so genannten soft skills, die sich abseits des Platzes abspielen. "Wir machen nicht nur Spielanalyse, sondern auch Medienrecherche. Zwei Drittel aller Botschafter schicken uns das jeweilige Pendant zum 'Kicker', damit wir auch die Stimmung im Land und über den einzelnen Spieler erfassen können", sagt Buschmann im Gespräch mit SPOX.

Wust an Informationen

Neben Informationen über Kultur, politische Systeme oder Bruttosozialprodukte besteht das Gros der Arbeit aber aus der Auswertung der Spielszenen auf dem Feld. "Wir machen hauptsächlich ein qualitatives Scouting und kein quantitatives. Wir zählen also nicht jeden Lauf- und jeden Passweg oder die Ballkontakte", erklärt Buschmann.

"Für uns sind hauptsächlich taktische Elemente wie Umschaltspiel nach Ballgewinn, Umschaltspiel nach Ballverlust, Grundordnung, Stellungsspiel, Spielaufbau, Abwehrverhalten, Erzielen von Toren, Torchancen, Standardsituationen und dergleichen wichtig."

Aus einem ganzen Wust an Informationen siebt Buschmanns Gruppe dann schon ein erstes Extrakt aus. Im Vorfeld der WM gingen über 1000 Arbeitsstunden für die Essays zu allen 31 Mannschaften drauf. Fünf bis sechs Stunden wird ein Spiel durchschnittlich analysiert, fast immer von mehreren Studenten gleichzeitig.

350 Seiten Spanien

Aus einer Flut von Daten stehen am Ende der Verwertungskette kleine Video-Clips.

"Die einzelnen Clips, die wir zu jeder Szene (Grundordnung, Stellungsspiel, etc., Anm. d. Red.) zusammenstellen, sind eigentlich Timecodes. Die Spieler haben diese vorliegen und sind mit uns synchronisiert. Da können sie sich die Videoclips - so fünf, sechs pro Situation - selbst zusammenstellen. Am Montag haben wir ihnen Spanien geschickt. Das waren rund 350 Seiten", so Buschmann.

Auf 95 Prozent beziffert er das Volumen an Informationen, das von Köln nach Südafrika hinüberschwappt, "fünf Prozent haben sie auch noch ihre eigenen Erkenntnisse." Beim Endkunden, also den Spielern, kommen dann aber nur noch zehn bis 15 Prozent davon an.

Davor setzen sich der Trainerstab und Siegenthaler zusammen und sichten das Material, sieben aus, diskutieren und besprechen. "Wir wollen die Spieler nicht mit Informationen überfrachten", sagt Löw.

Konzentration aufs eigene Spiel

Also konzentrieren sich Löw und seine Trainer hauptsächlich auf die Dinge, die das eigene Spiel betreffen.

"Wir analysieren die Spiele nach der Spielphilosophie der A-Nationalmannschaft. Ein Beispiel: Das Abdrängen des Außenstürmers. Soll ich den, wie es im Lehrbuch steht, nach außen abdrängen? Oder, wie es die Spielphilosophie der Nationalmannschaft sagt: Abdrängen nach innen, Bilden von Abwehrdreiecken, Räume eng machen! Also nie den Gegner drücken lassen."

Buschmanns Team will und soll dabei nicht bewerten, sondern nur erfassen."Wir legen dann die Szenen 'abgedrängt nach außen' und 'abgedrängt nach innen' zusammen und der Trainer entscheidet dann: War das situationsgerecht richtig oder nicht."

Furia Roja im Detail

Gegen England und Argentinien hatte Löw zweimal ein unterschiedliches Konzept in der Tasche und coachte seinen jeweiligen Gegenüber klassisch aus. Mit Spanien wartet auf den Bundestrainer und seine Mannschaft jetzt eine neue, noch größere Herausforderung. Die Hausaufgaben sind aber längst gemacht.

"Bei Spanien haben wir nicht nur eine qualitative, sondern auch eine quantitative Analyse gemacht. Wir haben die WM-Spiele der Spanier nebeneinander gelegt. Wir haben zum Beispiel das erste Spiel der Spanier und da die taktische Aufstellung von Spanien, vom Gegner und von Deutschland nebeneinander gelegt und immer Gleichheiten und Abweichungen davon festgehalten", sagt Buschmann.

"Und das natürlich in allen Bereichen: Wie hoch stand man beim Torerfolg? Wie hoch stand man bei den Gegentoren? Wie viele lange, unkontrollierte Bälle wurden gespielt? Das waren allein in etwa 150 Seiten."

Becker-Faust nach Larssons Fehlschuss

Und manchmal bleibt davon nur eine klitzekleine Information, die beim entscheidenden Schuss aber so große Wirkung haben kann. Buschmann erinnert sich gerne an eine Anekdote während der WM 2006.

Siegenthaler lagen keine Informationen zu Henrik Larsson als Elfmeterschützen vor, also rief er bei Buschmann an. "Wenn ihr keine Informationen bekommen habt, dann hatten wir auch keine."

Also klemmte sich Buschmann ans Telefon und bekam über gute Kontakte aus Barcelona heraus, dass sich Larsson bei seinen Elfmetern immer auf seine gute Technik verlässt und wartet, bis der Torhüter in eine Richtung bewegt, um den Ball dann in die andere Ecke zu schieben.

"Also haben wir Siegenthaler den Tipp gegeben, dass Lehmann stehen bleiben und nicht agieren soll. Und tatsächlich: Elfmetersituation für Schweden. Lehmann bleibt stehen wie versteinert, Larsson weiß nicht, was er machen soll, und schießt übers Tor. Da sitzt man schon zu Hause mit der Becker-Faust."

Deutschland vs. Spanien: der Head-to-Head-Vergleich

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