Fussball

FC Liverpool - Jürgen Klopp und seine "Mentalitätsgiganten" im CL-Finale: Heart and Soul

Von Jonas Rütten

Das Wunder von der Anfield Road ist Wirklichkeit geworden. Ohne zwei seiner absoluten Leistungsträger hat der FC Liverpool ein 0:3 aus dem Hinspiel beim FC Barcelona noch umgebogen und steht zum zweiten Mal in Folge im Finale der Champions League. Nun haben es sogenannte "Wunder" zwar eigentlich an sich, nicht erklärt werden zu können - doch dieses hatte einen Namen.

Am Ende übermannten ihn die Gefühle. Als Schiedsrichter Cüneyt Cakir das Halbfinal-Rückspiel zwischen dem FC Liverpool und dem FC Barcelona abpfiff, drehte sich James Milner weg und fasste sich ungläubig an den Kopf. Ausgerechnet ihm, der harten Abwehr- und Mittelfeldkante, schossen die Tränen in die Augen. Vollkommen überwältigt von dem, was er und seine Teamkollegen da gerade 95 Minuten erlebt hatten.

Schnell war Jürgen Klopp bei ihm und "Millie", wie ihn der Liverpool-Trainer nennt, vergrub sein Gesicht in die Schulter seines Trainers. Wenige Minuten später standen sie dann wieder gemeinsam Arm in Arm vor dem Kop, der legendären Fankurve der Reds, und sangen aus voller Kehle das legendäre "You'll never walk alone" von Gerry & The Pacemakers.

"Ich weiß, dass es nur Fußball ist, aber das ist so, so groß", sagte Klopp ein paar Minuten später im Gespräch mit DAZN. Nach einem Spiel, das der Kategorie "Fußball-Wunder" die Krone aufsetzte. Wunder, das sind diese außergewöhnlichen, den Naturgesetzen oder aller Erfahrung widersprechenden und deshalb der unmittelbaren Einwirkung einer göttlichen Macht zugeschriebenen Ereignisse.

FC Liverpool und der "unglaubliche Abend" des Divock Origi

Nicht zu erklären also. Und schon gar nicht von dieser Welt. Auch deshalb war das Wort, das in den Katakomben des Anfield Stadiums nach dem grandiosen 4:0 der Reds über "die vielleicht beste Mannschaft der Welt" (Klopp) am häufigsten ausgesprochen wurde, das Adjektiv "unglaublich".

Kapitän Jordan Henderson gebrauchte es. Doppeltorschütze Georginio Wijnaldum ebenfalls. Und natürlich auch Divock Origi, der von einem "unglaublichen Abend" sprach. Einem Abend, den er entscheidend mitgeprägt hatte und an dem er zum unwahrscheinlichen Helden wurde.

Er, der doch für gewöhnlich ein Schattendasein in der Reds-Offensive hinter Mohamed Salah, Roberto Firmino und Sadio Mane fristet und vor fast genau einem Jahr mit dem VfL Wolfsburg fast abgestiegen wäre. Nur selten tritt er aus dem Schatten heraus: Beispielsweise so wie am vergangenen Samstag, als er Liverpool in der Nachspielzeit zum 3:2-Sieg über Newcastle United köpfte und die roten Meisterträume zumindest am Leben hielt.

Oder so wie am Dienstagabend in der siebten Minute, als er einen von Barca-Keeper Marc-Andre ter Stegen noch gehaltenen Henderson-Schuss über die Linie drückte. Hätte Klopp die Wahl gehabt, Origi wäre wohl nicht dort gestanden, wo er in dieser siebten Minute stand. Und auch nicht dort, wo er in der 79. auftauchte und einen Geistesblitz von Trent Alexander-Arnold ("Was ein Kerl" - Klopp) zum 4:0 ins Netz bugsierte und so unterm Strich die Reds ins Finale schoss.

Klopp ohne zwei Drittel seiner offensiven Dreifaltigkeit

Aber Klopp hatte keine Wahl, er musste Origi bringen - weil zwei Drittel seiner offensiven Dreifaltigkeit ausfielen: Mohamed Salah und Roberto Firmino. Und ebenso hatte er keine Wahl, als er zur Halbzeit beim knappen und aus Liverpool-Sicht sehr schmeichelhaften 1:0 den angeschlagenen Andrew Robertson auswechseln und dafür Wijnaldum bringen musste.

Der brauchte gerade einmal elf Minuten auf dem Platz, um zwei Tore zu erzielen und aus dem Fünkchen Hoffnung der Pausenführung eine lodernde Flamme des Glaubens zu machen. "Sehr sauer" sei er dabei auf Klopp wegen seines Reservistendaseins zu Spielbeginn gewesen, gab Wijnaldum später zu Protokoll.

Jose Mourinho, die große "Remontada" und der Jürgen

Von dem aus der Not und aus der Wut geborenen Doppeltreffers ans katalanische Kinn erholte sich Barca nicht mehr. Nur noch einmal schoss der spanische Meister, der im ersten Durchgang fahrlässig teils größte Chancen auf den Ausgleich liegen gelassen hatte, auf das Liverpooler Gehäuse.

Alisson hielt gegen Messi und der Rest ist Geschichte. Jener Alisson hatte bereits im vergangenen Jahr mit der AS Roma gegen jenen Messi mit seinem FC Barcelona eine der größten Sensationen der Champions-League-Geschichte geschafft. Noch so ein Fußball-Wunder, das bis heute nicht gänzlich aufgeklärt ist.

Für das am Dienstag hatte Alisson jedoch eine reichlich simple Erklärung. "Das ist zu hundert Prozent der Verdienst von Klopp", sagte der Brasilianer. Und das, obwohl der Liverpool-Trainer ja eigentlich mehr die unglücklichen Umstände zu den siegbringenden Maßnahmen veranlassten.

Was Alisson aber vermutlich meinte, war das, was Klopps ehemaliger Trainerkonkurrent Jose Mourinho wenig später als TV-Experte versuchte zu erklären. "Diese Remontada" - zu deutsch: Aufholjagd - trage einen Namen, erklärte Mourinho: "Und der lautet Jürgen". Es sei in diesem Spiel nicht um Taktik oder Philosophie gegangen, sondern um "Heart and Soul" - zu deutsch: Herz und Seele. In diesem Spiel habe sich alles um Klopp gedreht, weil es eine Spiegelung seiner Persönlichkeit gewesen sei: "Nicht aufgeben, weiterkämpfen, immer alles geben, daran glauben."

Liverpool und das Wunder von Anfield: "Football, bloody hell"

Daran geglaubt, so sagten es zumindest die Beteiligten hinterher, hätten sie alle. Trotz der 0:3-Niederlage vor einer Woche. Auch Jürgen Klopp. Zumindest an die Chance habe er "auf jeden Fall" geglaubt, "nicht daran, dass es klappt". Das habe er auch am Tag des Spiels seinen "Motivationsgiganten" so mit auf den Weg gegeben.

"Ich hab ihnen heute vor dem Spiel gesagt: 'Normalerweise ist es unmöglich, aber weil ihr es seid, haben wir eine Chance'", erklärte der 51-Jährige seine Motivationsstrategie für das Spiel. Eine Strategie, die auch eine Erzählung von seinen Erlebnissen mit Borussia Dortmund beinhaltet hatte. Mit dem BVB scheiterte Klopp 2014 knapp an Real Madrid. Auf ein 0:3 im Hinspiel, folgte ein 2:0-Heimsieg der Schwarz-Gelben. Zu wenig für den BVB damals, doch offenbar genug, um den Glauben an Wunder in der Liverpooler Mannschaft zu implementieren.

Zwar sagten schon die Altvorderen: "Glauben kannste inner Kirche", weil "entscheidend is' auf'm Platz", doch wenn die Anfield Road die Kirche ist, kann Glaube auch auf dem Platz Berge versetzen. Das veranschaulichten die Spieler des FC Liverpool an diesem historischen Abend auf eindrucksvolle Art und Weise.

Champions League: Die Halbfinalspiele im Überblick

Mannschaft 1Mannschaft 2HinspielRückspiel
FC LiverpoolFC Barcelona0:34:0
Ajax AmsterdamTottenham Hotspur1:0-
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