Der FC Bayern München vor dem Halbfinale gegen Real Madrid: Von Visionen befreit

Dienstag, 24.04.2018 | 09:00 Uhr
Uli Hoeneß ist Präsident und Aufsichtsrat des FC Bayern München.
© getty

Der FC Bayern München steht im Halbfinale der Champions League - mal wieder. Anders als in den Jahren unter Pep Guardiola wird vom Team von Jupp Heynckes aber nicht der Titel erwartet, die Münchner gehen als leichter Außenseiter in die Duelle mit Real Madrid (Mi., 20.45 Uhr im LIVETICKER). Auch weil sie sich von einer Vision verabschiedet haben.

Beim FC Bayern gab es mal eine Vision und die ging so: "Einfach nur sitzen, genießen und nichts sagen müssen. Wenn ein Trainer kommt und alles super macht, sind wir glücklich. Dann sitzen wir auf der Tribüne und klopfen uns auf die Schenkel. Denn dann müssten wir gar nix mehr machen - nur noch klatschen."

Das Zitat stammt von Uli Hoeneß und ist jetzt knapp zehn Jahre alt. Der erste Teil seines Wunsches hat sich aktuell wieder erfüllt. Es wird viel geklatscht und auf die Schenkel geklopft vor lauter Freude. Und sie hätten sogar einen Trainer, der alles super macht. Nur macht der das nur noch bis Saisonende.

Und sagen müssen sie schon aus Prinzip noch einiges in der Führungsetage beim FC Bayern. Das hat zuletzt auch Eintracht Frankfurt erfahren müssen.

Guardiola und Sammer zu verkopft für den FC Bayern

Es hat also nicht ganz geklappt mit dieser Vision, noch immer muss Hoeneß an vorderster Front mitmischen, weil er sein Erbe nicht wie gewünscht regeln konnte bisher. Aber vermutlich ist ihm das auch egal, weil er beim Thema Visionen mit dem verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt ("Wer Visionen hat, soll zum Arzt") auf einer Wellenlänge liegen dürfte.

Wer braucht schon eine Vision, wenn er schon vor Jahrzehnten ein offenbar immer noch tragfähiges Konzept entwickelt hat? Der FC Bayern hat sich von seinem modernen, progressiven Kurs verabschiedet, den er mit den Verpflichtungen von Matthias Sammer und Pep Guardiola eingeläutet hatte. Das hat zwar ganz unterschiedliche Gründe, aber irgendwie waren diese Querdenker auch zu verkopft für die Bauchmenschen an der Säbener Straße.

Bei Mia san Mia geht es auch um Trotz

Also zurück zum Mia san Mia. Die Münchner sind in Deutschland unantastbar, Vision und avantgardistisches Denken hin oder her. Im europäischen Vergleich passt die Underdog-Mentalität aber ohnehin besser zum Vereinsmotto. Beim Mia san Mia geht es mitnichten nur um bullenhaftes Selbstvertrauen, sondern auch um Trotz.

Das liegt historisch begründet in der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung des Freistaats. Trotz gegenüber dem Rest der Republik, der etwas verächtlich nach Süden schaute, als Bayern noch Agrarland war und Teile davon als Armenhaus der Nation galten - und trotzdem wurde hier schon immer kräftig geschimpft und gepoltert.

Mia san Mia. Der Fußball ist der Politik in diesem Fall um Jahre voraus. Der FC Bayern ist schon länger die Zugmaschine Deutschlands als der Freistaat. Aber in der Rolle des Trotzigen fühlen sich beide immer noch wohl.

Der FC Bayern trägt die Handschrift von Uli Hoeneß

Der FC Bayern trägt aktuell wieder klar die Handschrift von Hoeneß, der in Zusammenarbeit mit Sportdirektor Hasan Salihamidzic die Posten im Verein mit dem Familienstammbuch in der Hand besetzt. Heynckes, Müller-Wohlfahrt, Gerland, Klose, Scholl, Kovac.

All diese Personalien funktionieren nach einem altbekannten Muster. Das muss nicht schlecht oder gar falsch sein, das kann auch sehr erfolgreich sein.

Und wahrscheinlich passt diese konservative Handlungsweise auch besser zum FC Bayern in dieser Form als der Bohemien Guardiola. Nur von der Vision vergangener Tage hat sich der Klub damit längst befreit.

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