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Fussball

Nach uns die Sinnfrage

Von Mario Krischel
Paris Saint-Germain erlebte am Mittwochabend die wohl bitterste Pleite der Vereinshistorie

Am Mittwochabend kassierte Paris Saint-Germain beim 1:6 in Barcelona die wohl deftigste, zugleich bitterste Pleite seiner Klubgeschichte. Der Auftrag des Investors ist abermals brutal gescheitert. Wann reißt der Geduldsfaden?

Der Morgen danach. Wenn man sich fragt, was da gestern eigentlich passiert ist, ob es überhaupt passiert ist. Wenn sich der Seelenkater wieder von seiner brutalsten Seite ankündigt, ist vermutlich irgendwas nicht nach Plan gelaufen. Im Regelfall gehören dazu immer zwei Parteien.

Und wenn die ganze Fußballwelt seit etwa halb elf am Mittwochabend nur von unfassbaren Katalanen, einem magischen, epischen Barcelona und dem größten Comeback aller Zeiten spricht, dann muss auf der anderen Seite ja zwangsläufig einer, wenn nicht der größte Verlierer aller Zeiten stehen. Der Verlierer, der es schafft, einen 4:0-Vorsprung aus dem Hinspiel noch herzuschenken. Der Verlierer, der es der brasilianischen Nationalmannschaft ermöglicht, auch mal wieder einen Ausflug nach Belo Horizonte zu wagen.

"Keep the fire burning" hatten sie noch so euphorisch ausgerufen vor dieser erschütternden, vernichtenden Pleite. Unrecht hatten sie ja nicht, aber eigentlich wollten sie lieber Edinson Cavani brennen sehen und nicht Kevin Trapp samt Vordermannschaft.

Cavanis Flamme leuchtete kurz, als er nach rund einer Stunde das vermeintlich entscheidende 3:1 erzielte. Da fielen sie sich bei PSG schon freudentränend in die Arme, liefen aufs Feld. Jetzt brauchte Barca ja drei Tore, da konnten sie in den Büros an der Seine schon mal die Hotels in Cardiff abklappern. Wer sollte sie auf dem Weg ins Finale schon noch stoppen?

Staatsfeind Aytekin und der Pfiff

Vielleicht wäre es ja wirklich einen Anruf wert gewesen, wenn Cavani nur zwei Minuten später die Riesenchance zum 2:3 genutzt hätte. Bekanntermaßen tat er es nicht. Der Konjunktiv - Barcas bester Freund vor dem Rückspiel - meinte es nicht so gut mit Frankreichs Meister.

Dabei hatte es doch bis drei Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit noch vergleichsweise gut ausgesehen. Selbst bei Neymars Freistoßtreffer zum 4:1 reagierte das Camp Nou noch relativ verhalten. Noch zwei Tore in 120 Sekunden plus Nachspielzeit? Nah.

Dann jedoch zeigte der deutsche Schiedsrichter Deniz Aytekin zum zweiten Mal in dieser Partie auf den Punkt. Eine umstrittene Entscheidung mit viel Wohlwollen. Neymar kratzte das wenig. Er schickte Kevin Trapp in die falsche Ecke, holte den Ball aus dem Netz und belebte die 96.000 Zuschauer zum x-ten Mal.

The rest, wie sie sagen, is history.

Erklärungen, wie man das sicher geglaubte Viertelfinal-Ticket noch herschenken konnte, wusste niemand sehr präzise abzugeben. Der einfachste Ansatz läge darin, mal einen Blick auf die Statistik zu werfen. Die besagt, dass Cavani und Co. nach der 85. Spielminute bis zum Abpfiff exakt vier Pässe an den Mitspieler gebracht haben. Drei davon beim Anstoß nach den Gegentoren.

Kaffeefahrten reichen nicht mehr aus

"Wir waren nicht auf der Höhe, wir konnten Barca nichts entgegensetzen", versuchte sich Trainer Unay Emery, der seinen Job wohl noch vor Ablauf der Spielzeit wieder los sein könnte. "Das ist eine ganz schlimme Erfahrung für uns. Daraus müssen wir lernen. Wir haben eine große Chance vergeben." Wahrscheinlich die größte Chance seit Anfang "des Projekts".

Als der katarische Geschäftsmann Nasser Ghanim Al-Khelaifi sich 2011 bei PSG eingekauft hatte, tat er das nicht, um an einem Freitagabend in die Normandie zu tingeln, vor 20 mitgereisten Anhängern drei Punkte bei SM Caen mitzunehmen und am Ende zum siebzehnten Mal in Folge die Silberschale in Frankreichs Beletage in die Höhe zu halten.

Er hatte von Beginn an klar gemacht, dass das mittel-, nicht langfristige Ziel, der Gewinn der Champions League ist. Viermal in Folge war PSG in den vergangenen Spielzeiten im Viertelfinale gescheitert, jeweils einmal an Manchester City und dem FC Chelsea, zweimal an - ganz genau - dem FC Barcelona.

Historisches Comeback - Barca vs. PSG in der Analyse

Jetzt ist bereits eine Runde früher als sonst Schluss. Jetzt ist Paris übrigens nicht mal Tabellenführer der Ligue 1. Und jetzt muss sich Al-Khelaifi die Frage stellen: Macht das alles noch Sinn? Macht das Sinn, wenn ich Jahr für Jahr über 100 Millionen Euro in den Kader investiere? Macht das Sinn, wenn ich Zlatan Ibrahimovic vier Jahre seine Steuern zahle, wenn sein prädestinierter Nachfolger im nächsten Jahr 38 Hütten in 37 Einsätzen erzielt, am Ende aber doch wieder kein Henkelpott in der Vitrine auftaucht?

Nach dem 1:6 in Kataloniens Metropole hat es eher den Anschein, als würden dunkle Wolken über dem Eiffelturm aufziehen. Vom anstehenden Frühling kann dort keine Rede sein. Geht es nach L'Equipe, ist PSG derzeit nur noch ein "historisches Schiffswrack". Das Cover am Donnerstag ziert einen ungläubig dreinblickenden Cavani, über dem in Großbuchstaben "unaussprechlich" getitelt wird.

Wenn der Gegner dir schon gratuliert

"Das ist einfach inakzeptabel, einfach unglaublich, einfach nicht diesem Verein würdig", vereinfachte es Thomas Meunier, der zu Beginn des zweiten Abschnitts den ersten Strafstoß verursacht hatte. "Wir sind zutiefst enttäuscht und wütend." Marco Verrati verriet im Anschluss, dass "Barca-Spieler nach Cavanis Tor zu mir kamen und sagten, das Spiel sei gelaufen". Das war es nicht, richtig? "So war es aber nicht. Am Ende schossen sie drei Tore in fünf Minuten. Unfassbar."

Abflug in die Ekstase - Der Nachbericht zum FC Barcelona

Nun wartet am Sonntagabend eine Auswärtstour in die Bretagne, um drei Punkte beim FC Lorient mitzunehmen und zuzusehen, dass auch im nächsten Jahr wieder Königsklasse im Prinzenpark zelebriert wird wie vor vier Wochen, als PSG Barca mit 4:0 vernichtete.

Bis dahin hat Nasser Ghanim Al-Khelaifi ja wieder etwas Zeit, ein paar Stühle zu rücken und ein paar Pfennig für neues Spielergut locker zu machen, um am Ende der Saison den Henkelpott anzuschmachten. Im Fernsehen. Macht das alles noch Sinn?

Paris Saint-Germain im Steckbrief

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