Dienstag, 24.02.2015

Juventus Turin unter Massimiliano Allegri

Die Kür vor der Tür

Massimiliano Allegri wurde als neuer Trainer von Juventus Turin mit reichlich Skepsis empfangen. Doch der 47-Jährige bewies ein geschicktes Händchen im Umgang mit der Mannschaft der Alten Dame. Gegen Borussia Dortmund (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) steht die vorläufige Kür seiner Arbeit am Piemont vor der Tür.

Massimiliano Allegri hat mit Juventus Turin erst ein Serie-A-Spiel verloren
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Massimiliano Allegri hat mit Juventus Turin erst ein Serie-A-Spiel verloren

Massimiliano Allegri tigerte gut gelaunt und grinsend um den kleinen Parcours, den seine Athletiktrainer für die Juventus-Profis aufgestellt hatten. Es waren chirurgisch genau bemessene 15 Minuten, die die Presse am Montagnachmittag beim Abschlusstraining der Bianconeri zuschauen durfte. Allegris lockere Stimmung war augenscheinlich.

Vor rund einem halben Jahr hätte ein solcher Auftritt wohl wochenlange Diskussionen in den hitzigen italienischen Medien nach sich gezogen. Allegri stand von Anfang an unter strenger Beobachtung. Genauso urplötzlich, wie sich Juventus von Erfolgscoach Antonio Conte trennte, wurde Allegri bereits am Folgetag zum neuen Übungsleiter der Alten Dame gemacht.

Es wäre untertrieben, würde man sagen, der ehemalige Trainer des AC Mailand ist mit einer reichlichen Portion Skepsis empfangen worden. Es war deutlich mehr. Ein Rossonero bei der Juve, der im San Siro einst dem in Turin vergötterten Andrea Pirlo die Lust am Fußball nahm? Die Fans des italienischen Rekordmeisters gingen auf die Barrikaden. Allegri hatte fortan ohne Umschweife zu liefern.

Allegri begann ohne Korrekturen

Und das tat er auch, zur Überraschung seiner Kritiker sogar ohne dem Team sofort seine Vorstellungen vom Fußball überzustülpen. Allegri wählte eine schlaue Herangehensweise an diese Herkulesaufgabe, die ihm sein Vorgänger Conte hinterlassen hatte. Der heutige Nationaltrainer Italiens übergab seine Mannschaft nach einem Meisterschaftstriple, unter Conte reifte in Turin eine Truppe mit enormer taktischer Reife und Siegermentalität heran.

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Allegri ging hin und änderte erst einmal kaum etwas. Er ließ Juventus mit der gewohnten Dreierkette im Abwehrbereich auflaufen, die Außenverteidiger machten wie üblich unheimlich viele Meter. Er übte mit der Mannschaft keinen neuen Fußball ein, sondern ließ sie so auflaufen, wie sie das gewohnt war.

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Die eingespielten Kicker dankten es ihm und ließen von den bloßen Ergebnissen her kaum einen Unterschied zwischen altem und neuem Trainer erkennen. Allegri gewann acht der ersten zehn Saisonspiele - wie es auch Conte im Vorjahr gelang. Mit fünf Zählern Vorsprung ging Juventus als Herbstmeister ins neue Jahr, doch da hatte Allegri bereits erste Korrekturen in seinem Sinne vorgenommen.

Dreierkette ist ad acta gelegt

Behutsam baute er die Mannschaft nach seinen Vorstellungen um und legte in erster Linie die Dreierabwehrkette ad acta. In der letzten Defensivreihe lässt er jetzt klassisch mit vier Mann verteidigen. Es ist noch einmal schwerer geworden, gegen die Juve ein Tor zu erzielen. Den Gegnern gelang das bislang nur 13 Mal in 24 Ligapartien.

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Allegri hat mit der Zeit nach und nach adaptiert und getüftelt, auch jetzt noch greift er hin und wieder auf eine Formation mit Dreierkette zurück. Doch "sein" System ist mittlerweile das 4-3-1-2. Undenkbar, welch Aufschrei es nach sich gezogen hätte, wenn man diese neue Zahlenkombination einem Juventus-Anhänger nach Allegris Amtsübernahme als das baldige System verkauft hätte.

Der große Vorteil in Allegris System, das im Mittelfeld wie eine verkappte Raute daherkommt, ist die Tatsache, dass anders als unter Conte die "großen Vier" alle gemeinsam auf dem Platz stehen können: Pirlo, Paul Pogba, Claudio Marchisio und Arturo Vidal.

Allegri: "Ich habe mich hineingeschlichen"

Pirlo gibt den strategischen Dirigenten vor der Abwehr. Flankiert wird er von den offensiv-variablen Marchisio und Pogba, eine Linie weiter vorne spielt Ex-Leverkusener Vidal eine Art Zehner. Unter Conte war für diese vier Herren kein Platz, meist saß einer davon nur auf der Bank.

Die weiterhin große Dominanz in der Serie A, die geräuschlose Umstellung auf ein neues System - ungeahnt schnell hat Allegri die allgegenwärtige Skepsis der Turiner widerlegt. Auch in dieser Saison wird der Scudetto an die Bianconeri gehen, im Jahr eins nach Conte eine für sich allein bereits blitzsaubere Leistung. "Ich glaube das Geheimnis ist, dass ich mich mit der Zeit hineingeschlichen habe, indem ich versuchte, so schnell wie möglich alles von der Atmosphäre bei Juventus aufzusaugen, mich an den Juventus-Weg anzupassen und jedem gegenüber offen zu sein", sagt Allegri.

Doch Juventus strebt nach mehr, der drittreichste Fußballklub der Welt will vor allem auch wieder internationalen Erfolg. Mit Conte schieden die Turiner im Vorjahr noch kläglich in der Gruppenphase der Champions League aus. Als der Coach daraufhin hochkarätige Verstärkung für sein Team forderte, der Verein aber Transfers der Größenordnung Alexis Sanchez oder Juan Cuadrado nicht bewerkstelligen konnte, überwarf sich Conte überraschend mit dem Klub und beendete eine Ära.

Allegris vorläufige Kür steht bevor

Das Achtelfinale der Königsklasse gegen Borussia Dortmund bedeutet für Allegri somit die vorläufige Kür seiner Zeit im Piemont. Er bewies bislang ein geschicktes Händchen im Umgang mit der Mannschaft. Das hatten ihm anfangs die wenigsten zugetraut. Gedanken an einen Einzug ins Viertelfinale der Champions League waren damals erst recht nicht präsent.

Mittlerweile aber steht Allegris Juve gegen den BVB vor zwei richtungsweisenden Partien. Eine Achtelfinalteilnahme reicht nicht aus, um die Scharte des Vorjahres auszuwetzen. Und sie würde Spieler der Qualität eines Pogba auf Dauer ebenfalls nicht davon überzeugen, noch mehrere Jahre in Turin zu bleiben. "Die Mannschaft ist stark und hat sich konstant weiterentwickelt. Jetzt ist es Zeit, das auch in Europa zu zeigen", ließ Verteidiger Giorgio Chiellini verlauten.

Allegri weiß um den europäischen Auftrag, den ihm sein Verein mit auf den Weg gegeben hat. Er fühlt sich gewappnet. Die Brust ist nach diesen bisherigen sieben Monaten breit, die gute Laune am Trainingsgelände im Vorortstädtchen Vinovo nicht gespielt. "Wir sind bereit und in großartiger Form. Ich bin wegen der Champions League nicht beunruhigt, wir sind vielmehr voller Selbstvertrauen. Wir werden ein Eurojuve sehen."

Massimiliano Allegri im Steckbrief

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Für SPOX in Turin: Jochen Tittmar

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Jochen Tittmar(Redakteur)

Jochen Tittmar, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2008 in der Fußball-Redaktion für SPOX.com. Aufgewachsen in der Nähe von Stuttgart, ging es für ihn nach dem Studium der französischen sowie englischen Literatur und Sprache an der Universität Konstanz mit einem Praktikum beim Kicker weiter. Bei SPOX verantwortet er u.a. die Berichterstattung über Dortmund und Schalke. Zudem koordiniert er redaktionelle Projekte.

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