Inters Schwachstellen in der Analyse

Angriff aufs Fantasia-Land

Von Fatih Demireli
Dienstag, 05.04.2011 | 13:55 Uhr
Lucio muss im Viertelfinal-Hinspiel gegen Schalke 04 seine Gelbsperre absitzen
© Getty
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Top-Favorit Inter Mailand gegen Außenseiter Schalke 04: Die Rollen vor dem Viertelfinal-Hinspiel der Champions League (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) sind klar verteilt. Hat Ralf Rangnicks Schalke eine Chance, gegen den Titelverteidiger der Königsklasse zu bestehen? Das Mailänder Derby vom vergangenen Samstag gibt Anlass zur Hoffnung. SPOX analysiert die Schwachstellen Inters.

Es gibt Trainer, die das Gegner-Scouting fast ausschließlich ihren Assistenten überlassen. Ralf Rangnick ließ sich es dagegen nicht nehmen, das Mailänder Derby zwischen Milan und Inter vor Ort zu sehen. Klar, das Derby ist alleine schon eine Reise wert, doch vielmehr wollte Rangnick den nächster Gegner Inter unter die Lupe nehmen.

Rangnicks Erkenntnis nach den 90 Minuten von San Siro: "Wir sind dort nicht chancenlos." Inter verlor mit 0:3 und bot eine über weite Strecken enttäuschende Leistung. Die derbe Pleite schlug bei Inter so sehr aufs Gemüt, dass gleich mehrere Zeitungen schon über eine mögliche Ablösung von Trainer Leonardo spekulieren.

Der Brasilianer sieht seine Mannschaft "weiter auf Erfolgskurs", doch das Derby zeigte, dass Inter nicht unschlagbar ist. Rangnick dürfte Lücken im Inter-Konstrukt erkannt haben. Sie lauten...

Probleme ohne Lucio

Leonardo musste gegen Milan seine Viererkette umbauen, da Lucio gesperrt ausfiel. Christian Chivu rückte in die Innenverteidigung, spielte dort Seite an Seite mit Andrea Ranocchia. Das Duo offenbarte große Abstimmungsprobleme und wies entsprechend große Lücken auf. Da Inter auch im Mittelfeld wenig kompakt war, kamen Chivu und Ranocchia immer wieder in Eins-gegen-Eins-Situationen mit den schnellen Milan-Angreifern.

Pato avancierte so zum Derby-Helden, indem er zwei Mal traf und Chivus Platzverweis provozierte. Leonardo kommt aber möglicherweise nicht darum herum, wieder Chivu und Ranocchia zentral spielen zu lassen, weil Lucio auch für das Schalke-Spiel gesperrt ist. Das Lucio-Aus hat zur Folge, dass Chivus Dynamik auf der linken Seite vermisst wird, weil ihn dort Javier Zanetti vertreten muss.

Die Inter-Verteidigung, in der vergangenen Saison noch das Aushängeschild des Titelgewinners, ist in dieser Saison ganz klar nicht das Prunkstück: Mit 14 Gegentoren hat Inter die schwächste Defensive aller Viertelfinalisten. Dass Raul mit seiner unvergleichlichen Champions-League-Erfahrung die größte Gefahr für Inter darstellt, versteht sich von selbst.

4-2-Fanatasia

Das Halbfinal-Rückspiel Inter Mailands gegen den FC Barcelona aus der vergangenen Saison steckt noch in den Köpfen vieler Fußball-Fans. Mit einem Catenaccio, der selbst vielen Defensivfanatikern noch zu destruktiv war, schaltete Inter die Katalanen aus. Das defensive Inter ist aber längst Geschichte. Schon Rafael Benitez wagte einen Schritt weiter in die Offensive, unter Leonardo veranstalten die Nerazurri mitunter schon ein Spektakel. Die Offensivlust bewegt sich aber auf einem schmalen Grat.

Leonardo praktizierte im Derby wie schon phasenweise bei Milan das sogenannte 4-2-Fantasia, sprich vier Verteidiger, zwei Abräumer und vorne vier Angreifer, die Leonardos offensive Spielidee umsetzen sollen. Doch wenn insbesondere die Defensive nicht intakt ist, geraten die Fantasiespiele außer Kontrolle: So geschehen beim 0:3 gegen Milan, als Leonardo neben Samuel Eto'o, Giampaolo Pazzini und Wesley Sneijder auch Goran Pandew aufs Feld schickte.

Eine Entscheidung, die sich als fatal herausstellen sollte, Pandew fand keine Bindung zum Spiel und war in der Defensivarbeit genauso wie Eto'o und Pazzini keine Hilfe. Inter fehlte jegliche Balance, verlor mehr als deutlich das Kräftemessen im Mittelfeld und somit letztlich auch das Spiel in einer Deutlichkeit, die Inter schwer aufs Gemüt schlug.

Inters Müdigkeit

Leonardos offensive Spielidee ist mitunter spektakulär, oft erfolgreich, aber fast immer kraftraubend. Dabie entwickelt sich das Thema Kraft bei Inter immer mehr zum Problem. Aufgrund der Klub-WM zum Abschluss 2010 haben sich bei Inter viele Termine auf das neue Jahr verschoben, so dass die Truppe praktisch seit dem 6. Januar durchgehend Englische Wochen hat. Spieler wie Esteban Cambiasso und Thiago Motta sind überspielt, weil sie auch so gut wie nie rausrotiert werden.

Besonders im Herbst kämpfte Inter extrem mit Verletzungen, mitunter fielen bis zu acht Stammspieler aus. Wesley Sneijder wurde erst vor den Spielen gegen den FC Bayern fit, Diego Milito ist es immer noch nicht. Auch die Verteidiger Ranocchia und Chivu spielten das Derby angeschlagen. "Der größte Fehler wäre, dort nicht mit der nötigen Aggressivität aufzutreten", sagt Ralf Rangnick.

Milan hat das Derby auch gewonnen, weil der AC seinen Gegner in Sachen Intensität und Aggressivität gerade zu übertrumpft hat: Gennaro Gattuso, Mark van Bommel, Clarence Seedorf und Kevin-Prince Boateng gaben Inter keine Luft zum Atmen und nach der Roten Karte für Christian Chivu ergab sich Inter regelrecht und zeigte kaum noch Gegenwehr, weil auch die Beine schwer wurden.

Sneijders Nerven

Vorweg: Wesley Sneijder ist ein absoluter Top-Spieler, der, hätte es keinen FC Barcelona gegeben, wahrscheinlich im vergangenen Jahr Weltfußballer des Jahres geworden wäre. Aber auch er hat seine Schattenseiten. Sneijder, zuletzt wieder in blendender Verfassung, neigt - wie viele seiner Artgenossen - gegen aggressive, direkte Gegenspieler durchaus dazu, die Lust zu verlieren.

Als Mark van Bommel seinen Wechsel zu Milan bekannt gab, bekundete Sneijder seine Freude. "Er hat aber auch gesagt, dass er sich nicht auf unser Duell freut, weil er gegen Typen wie mich nicht gerne spielt", so van Bommel. Am Samstag schaltete van Bommel seinen Kumpel aus den Niederlanden aus, weil er ihm ständig auf den Füssen stand. Sneijder fiel phasenweise nur noch damit auf, dass er permanent bei Schiedsrichter Nicola Rizzoli zum Lamentieren vorstellig wurde.

Auch Luiz Gustavo zeigte beim 1:0 des FC Bayern in Mailand, wie es gehen kann. Für Schalke-Trainer Ralf Rangnick ist es bitter, dass Peer Kluge, prädestiniert für die Aufgabe, verletzungsbedingt ausfällt. Doch einen neuen Kettenhund hat er längst ausgemacht: "Ich glaube, dass uns zum Beispiel die Aggressivität von Kyriakos Papadopoulos in so einem Spiel helfen kann." Der Grieche versteht es, sich in einen Gegner zu verbeißen und robust zu agieren.

Klar ist auch, dass Sneijder gänzlich nicht auszuschalten ist, was auch wiederum das Milan-, aber auch die Bayern-Spiele zuletzt zeigten. Gegen die genialen Momente braucht Schalke auch eine Portion Glück.

Grundsätzlich darf das 0:3 Inters im Derby nicht überbewertet werden, da Inter zuletzt oft genug auch sein schönes Gesicht gezeigt hat. "Diese Mannschaft ist in der Lage, zurückzukommen", sagt Leonardo. Aber Schalke hat Blut geleckt. Ralf Rangnick: "Wir wollen ein Unentschieden schaffen und vielleicht können wir ja auch für eine große Überraschung sorgen."

Das Champions-League-Viertelfinale im Überblick

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