Die "Granate" für einen neuen FC Bayern

Dienstag, 23.05.2017 | 12:08 Uhr
Marco Verratti von Paris Saint-Germain ist beim FC Bayern München im Gespräch
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Der FC Bayern München ist offenbar an Marco Verratti interessiert. Ein Transfer des Mittelfeldspielers von Paris Saint-Germain hätte weitreichende Folgen auf mehreren Ebenen. Doch wie wahrscheinlich ist die Verpflichtung?

Seit Sommer 2014 ranken sich Gerüchte um einen Wechsel von Marco Verratti nach München, doch selten schien der Italiener dem FC Bayern so nahe zu sein wie in diesem Jahr. Sein Berater schloss einen entsprechenden Wechsel zuletzt nicht mehr aus, verschiedene Medienberichte deuteten auf Verhandlungen beider Klubs hin.

Noch liegt ein weiter Weg vor den Verantwortlichen, ehe Verratti sein Trikot an der Säbener Straße präsentieren wird. Ein weiter Weg, auf dem zahlreiche Stolpersteine und Sackgassen warten. PSG ist kein Verkäuferverein, das machte der Klub in den letzten Transferfenstern immer wieder deutlich.

Und doch scheint der FC Bayern zuversichtlich zu sein, den 24-Jährigen nach München locken zu können. Wohl nicht zuletzt dank Trainer und Landsmann Carlo Ancelotti. Dieser holte Verratti einst aus der Serie B in die Ligue 1 und etablierte ihn dort neben Thiago Motta, Blaise Matuidi und Yohan Cabaye.

Ablöse als neue Rekordsumme

39 Einsätze absolvierte der junge Mittelfeldspieler damals unter Ancelotti, in München könnten es ein paar mehr werden. Die Betonung liegt auf könnten, denn momentan scheint lediglich ein Angebot in Paris eingegangen zu sein - und ein solches Angebot ist auf dem Transfermarkt noch nicht viel wert.

Etwa 60 Millionen Euro müsste man für Verratti auf den Tisch legen, um den Zuschlag zu erhalten. Eine Rekordsumme für den FC Bayern und eine, bisher stets verweigerte, Annäherung an den Markt, auf dem sich Real Madrid, Manchester United oder der FC Barcelona bewegen.

Aber die Münchner sind offenbar bereit, ihre in der Vergangenheit selbst auferlegte Grenze zu überschreiten und mehr als die bisherige Rekordsumme von 40 Millionen Euro für Javi Martinez zu bezahlen. "Wir haben einen Kader, bei dem man Granaten kaufen muss, um ihn zu verstärken", sagte Präsident Uli Hoeneß am Rande der Meisterfeier am Samstag. Das Problem sei, "dass wir uns auf einem Markt bewegen, auf dem über Summen diskutiert und Summen bezahlt werden, die wir nicht für möglich gehalten haben."

Verrattis Vergangenheit als Zehner

Auf jeden Fall scheint klar, dass die Münchner einen Nachfolger für Xabi Alonso suchen, der seine Karriere beendet hat. Joshua Kimmich, der die Position ebenfalls spielen könnte, ist kein Kandidat. Er soll Philipp Lahm als Rechtsverteidiger nachfolgen. Und der ebenfalls gehandelte Leon Goretzka ist noch keine Instanz im Zentrum, wie sie Alonso darstellte.

Also Verratti. Positionell gesehen, denn Spielanlage und Stil unterscheiden sich deutlich. Verratti ist kein derartiger Fixpunkt wie Alonso. Der Italiener bewegt sich mehr über das Feld, ist rechts wie links zu finden. Immer wieder sticht seine Vergangenheit als Zehner durch, wenn er zentral vor dem Strafraum ins Dribbling geht und anschließend auf seine Stürmer durchsteckt. Während Alonso immer wieder lange Diagonalbälle streut, denkt Verratti deutlich kleinräumiger.

Im Defensivverhalten sah der Spanier die Grätsche als allerletztes Mittel, er war ein Genie in der Antizipation, der Italiener ist dagegen ein Meister der spektakulären Balleroberung. Regelmäßig löst er auch enge Situationen statt mit einem Pass mit einem Dribbling und spitzelt den Ball im letzten Moment zu einem Mitspieler.

Die Liga-Statistiken von Xabi Alonso und Marco Verratti in der Saison 2016/17

FC Bayern München: Mittelfeldspieler gesucht

Ein Eins-zu-eins-Ersatz ist Verratti nicht, auch wenn er der Öffentlichkeit als Alonso-Nachfolger verkauft wird. Mit der Verpflichtung des Italieners würde sich beim FC Bayern einiges ändern, Ancelotti müsste viele Abläufe anpassen, aber eine sportliche Neuausrichtung ist nach dem Abschied Alonsos unausweichlich.

Einen "echten" Ersatz für den 35-Jährigen zu finden, ist nahezu unmöglich. Ancelotti wird ohne Alonso den Schritt zu weniger Kontrolle und mehr Dynamik im Mittelfeld wagen.

Das aktuelle Personal reicht dafür nicht aus. Thiago ist auf einer offensiveren Position wichtiger, Arturo Vidal fehlt das strategische Potenzial und Renato Sanches muss sich erst noch an die Umstände in München gewöhnen, sofern er überhaupt beim FC Bayern bleibt.

Wie Ancelotti mit Martinez plant ist dazu weiterhin offen. Es ist aber wahrscheinlich, dass die Bayern noch einen Mittelfeldspieler holen. Verratti ist hier die große, internationale Lösung. Eine Ansage an die Konkurrenz und eine weitreichende Personalie für die nächsten Jahre.

Löst sich der FC Bayern von der Idee van Gaals?

Mit 24 Jahren hat der Italiener die beste Zeit seiner Karriere noch vor sich. Er würde kommen, um zu bleiben. Um ihn und Thiago im Zentrum könnte der FC Bayern eine neue Mannschaft aufbauen, die einen anderen Schwerpunkt hat als die jetzige. Weniger Ballbesitz, weniger Spielkontrolle, weniger Eins-gegen-eins-Duelle auf den Flügeln. Dafür mehr Dynamik durchs Zentrum, mehr Umschaltspiel und mehr Tempo im Spiel nach vorne.

Die Bayern scheinen gewillt, diese Schritte zu gehen und sich den Anforderungen der Kaderveränderungen zu stellen. Der FC Bayern könnte in der Ära nach Lahm, Alonso, Robben und Ribery wieder ein spielerisch anderes Gesicht bekommen und sich etwas von der Idee, die Louis van Gaal mitbrachte, lösen.

Was will Marco Verratti?

Verratti könnte also zum Schlüsseltransfer des Sommers werden. Es bleibt die Frage: Lässt sich dieser Wechsel aber auch realisieren? Das aus Katar alimentierte PSG braucht keine hohen Ablösesummen, um den Klub am Laufen zu halten und Verratti steht noch bis 2021 unter Vertrag.

Aber wenn Verratti zu seinem Mentor Ancelotti wechseln will, wird es einen Weg geben, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Dass die Bayern das nötige Geld für den Transfer besitzen, ist klar, dass sie es auch ausgeben werden, scheint nach den jüngsten Aussagen von Hoeneß wahrscheinlich.

Marco Verratti im Steckbrief

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