Xabi Alonso in seiner dritten Saison beim FC Bayern München

Das Ticken wird lauter

Freitag, 09.09.2016 | 11:30 Uhr
Xabi Alonso erzielte das erste Tor der neuen Bundesligasaison
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Xabi Alonso ist auch in seiner dritten Saison beim FC Bayern München gesetzt. Im zentralen Mittelfeld des Meisters sorgt er für Stabilität, zudem ist eine andere Eigenschaft wertvoll für den Meister. Im Misserfolgsfall bietet er jedoch auch Angriffsfläche - zumal die Uhr tickt.

Plötzlich waren alle Unkenrufe verstummt. Was hatte es nicht an kritischen Stimmen gegeben, als der FC Bayern vor zwei Jahren zum Ende der Transferperiode an einem Freitag überraschend die Verpflichtung von Real Madrids Xabi Alonso bekanntgab.

Einen 32 Jahre alten Spanier zu verpflichten stieß nicht bei wenigen auf Unverständnis. Und das auch noch in der Transferperiode, in der man mit Toni Kroos einen acht Jahre jüngeren deutschen Nationalspieler nach Madrid hatte ziehen lassen. Nicht gerade ein Zeichen perspektivisch-nachhaltiger Transferpolitik.

Nur einen Tag später stand Alonso in der Bundesliga auf dem Platz - und war beim Auswärtsspiel auf Schalke direkt der Chef. "Die ersten 20 Minuten auf Schalke waren für mich eine Offenbarung", sagte der damalige Dortmund-Trainer Jürgen Klopp erstaunt: "Verrückt, so etwas habe ich noch nie gesehen."

Pep: "Du spielst sofort"

Kein Wunder, dass Xabi Alonso auch zwei Jahre später noch an dieses Spiel in Gelsenkirchen zurückdenkt: "Es war etwas Besonderes für mich. Ich kann mich gut daran erinnern", sagte er am Mittwoch bei einem Mediengespräch an der Säbener Straße auf SPOX-Nachfrage: "Normalerweise hat man Zeit, mit der Mannschaft zu trainieren. Für mich war es überraschend, als Pep gesagt hat: 'Du spielst sofort.' Ich habe geantwortet: 'Ok, ich bin bereit.' Und dann habe ich mein erstes Spiel für Bayern gemacht. Wir haben zwar leider nicht gewonnen, aber das war ein wichtiges Spiel für mich."

Am Ende stand ein 1:1, für Alonso war der Abend dennoch erfolgreich. Die öffentliche Diskussion hatte sich gedreht. Die kritischen Stimmen über den angeblichen Altherrentransfer waren anders gefärbten Einschätzungen gewichen: Bayern hätte alles richtig gemacht, einen gestandenen Profi zu holen.

Zwei Jahre später liegen Erinnerungen an diesen Samstagabend auf der Hand. Erneut reist der FC Bayern am 2. Spieltag der Saison zum FC Schalke 04 (ab 20.30 Uhr im LIVETICKER).

Schalke "speziell"

Nicht nur wegen der Erinnerungen an seinen ersten Auftritt für die Münchner freut sich der Spanier auf die Partie: "Es ist immer speziell, in der Veltins Arena zu spielen. Ich liebe die Stimmung dort. Sie haben sehr leidenschaftliche Fans. Das wird eine schwierige Aufgabe."

In seiner dritten Saison beim FC Bayern ist Alonso nach wie vor auf der Sechserposition gesetzt. Auch die leicht abgewandelte Spielweise unter dem neuen Trainer Carlo Ancelotti ändert daran nichts - zumal seine eigene Aufgabe im 4-3-3 gar nicht so neu sei: "Ich glaube, dass meine Rolle bei Carlo fast die gleiche ist. Ich muss spielen wie immer und sowohl die Verteidiger als auch die Angreifer unterstützen", sagte Alonso im Pressegespräch.

Damit unterstrich er die Aussagen, die er kürzlich im Buch "Ring of Fire" von Simon Hughes über die Auffassung seiner eigenen Spielweise machte: "Damit mein Spiel besser ist, brauche ich Spieler um mich herum, die besser sind als ich. Meine Spielweise ist nicht darauf ausgelegt, eine tolle Aktion zu haben. Ich weiß, was meine Stärken und meine Schwächen auf dem Platz sind. Meine Pflicht ist es, risikoscheu zu sein."

Stabilität und Sicherheit

Zwar sind Alonsos Spielverlagerungen durch lange Bälle nicht immer risikoarm, der Spanier spielt diese jedoch so souverän, dass es wie die leichteste Übung aussieht, wenn der Mitspieler den Ball annimmt. Unter dem Strich überließ er in seinen beiden ersten Jahren bei den Bayern die vertikalen Risikopässe jedoch Kollegen wie Thiago, Robben oder Ribery.

Alonsos Aufgabe ist eher, für Stabilität und Ruhe in der Zentrale zu sorgen, immer anspielbar zu sein und den Ball sinnvoll zu verteilen. Bei eigenem Ballbesitz ließ er sich unter Guardiola immer wieder tief zwischen die Innenverteidiger fallen, um den Spielaufbau von dort aus einzuleiten.

In dieser Funktion stellte Alonso in der Saison 2014/2015 einen Bundesligarekord auf, als er 216 Ballaktionen in einem Spiel hatte. Erst im Mai diesen Jahres wurde er von Julian Weigl abgelöst, der es gegen den 1. FC Köln sogar auf 218 Ballaktionen brachte.

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Gefahr aus der zweiten Reihe

Die Kennzahl der Ballaktionen ist neben den angekommenen Pässen auch die Statistik, die das Spiel des Routiniers am besten beschreibt.

Darüber hinaus zeichnet Alonso seine Abschlussstärke aus der zweiten Reihe aus. Gegen Werder Bremen erzielte er mit einem sehenswerten Fernschuss aus 25 Metern in den Knick das erste Tor der noch jungen Bundesligasaison. Für ihn persönlich war es der siebte Pflichtspieltreffer im Trikot der Münchner, alle erzielte er aus der Distanz (fünf direkte Freistöße, zwei aus dem Spiel heraus). Gerade in einer Mannschaft, der immer wieder vorgeworfen wird, den Ball ins Tor tragen zu wollen, ist diese Stärke wertvoll.

Problem Antrittsschnelligkeit

Komplett frei von kritischen Bewertungen war Alonso in seiner Zeit beim FCB allerdings nie. Die Passsicherheit und Ruhe am Ball ist für die einen Qualität, für die anderen Ausprägung des langweiligen Ballgeschiebes im Tiki-Taka-Style. Seine fehlende Antrittsschnelligkeit bot zudem bei den wenigen Niederlagen der vergangenen Jahre Angriffsfläche.

Besonders in der ersten Jahreshälfte 2015 schien Alonsos Stern bereits zu sinken. Nach der 1:4-Klatsche gegen den VfL Wolfsburg titelte der Focus: "Der Schwachpunkt in Peps System heißt Xabi Alonso." Die Wölfe hatten den Spanier ins Visier genommen und ihn konstant attackiert. Unter Druck neigte Alonso immer wieder zu Fehlentscheidungen.

In Erinnerung blieb zudem das Viertelfinal-Hinspiel gegen Porto, als Alonso in der Anfangsphase dem offensiven Pressing der Hausherren zum Opfer fiel, den Ball vertendelte und den Rückstand mitverschuldete.

Nicht zuletzt nach der Halbfinal-Niederlage gegen den FC Barcelona wurden Alonso Geschwindigkeitsdefizite vorgeworfen. Auf allerhöchstem Niveau reichten seine Antizipation und das Stellungsspiel nicht mehr aus, wenn die Spritzigkeit fehle.

Frage nach der Zukunft

Alonsos Standing im Verein blieb davon unangetastet. Im Dezember 2015 verlängerten die Bayern den Vertrag um ein weiteres Jahr bis Sommer 2017. Und auch seinen Stammplatz hatte er zu jeder Zeit inne. Bei den wichtigen Spielen in der Vorsaison setzte Guardiola auf seinen Routinier. Eine Änderung zeichnet sich unter Ancelotti nicht ab.

Zum Saisonauftakt dominierte er gemeinsam mit Vidal und Thiago die Mittelfeldzentrale. In Ancelottis 4-3-3 ist er vor der Abwehr derzeit nahezu alternativlos. Renato Sanches und Joshua Kimmich sind eher Alternativen für die Halbpositionen. Philipp Lahm, den Ancelotti noch im DFB-Pokal aufbot, spielt hinten rechts. Bliebe noch Javi Martinez, bei dem jedoch unklar ist, ob der neue Trainer ihn für das Mittelfeld einplant, wenn das Duo Hummels/Boateng die Innenverteidigung stellt.

Vor einem Fakt können die Bayern bei aller Wichtigkeit Alonsos nicht die Augen verschließen: Im November wird er 35 Jahre alt. Für einen Fußballprofi ein Alter, in dem man die Uhr ticken hören kann. Zumal Kapitän Philipp Lahm erst in dieser Woche in der Sport Bild einen Generationswechsel gefordert hatte: "Es ist wichtig, dass sich der Verein frühzeitig Gedanken macht: Was passiert, wenn diese Spieler peu a peu aufhören und wegbrechen?"

Alonso selbst sieht die Frage nach seiner Zukunft entspannt: "Gerade ist nicht der richtige Moment, um über die Zukunft nachzudenken. Natürlich muss ich mir im November, Dezember Gedanken machen und eine Entscheidung treffen. Aber jetzt konzentriere ich mich erst einmal darauf, fit zu bleiben und gut zu spielen."

Das Ticken des spanischen Uhrwerks wird lauter. Doch noch läuft es. Auch am Freitag auf Schalke. In der Arena wird er versuchen, eine weitere Leistung zu zeigen, an die man sich noch in zwei Jahren erinnert. Ob er dann wieder in einer Medienrunde an der Säbener Straße sitzen und sich an die Partie erinnern wird? "Warum nicht", antwortet Alonso und grinst verschmitzt.

Xabi Alonso im Steckbrief

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