Bayern Münchens Julian Green auf der US-Tour im Fokus

Gefragt wie selten

Donnerstag, 28.07.2016 | 21:00 Uhr
Julian Green (l.) spielte gegen den AC Milan Stoßstürmer
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Julian Greens Karriere hat in den letzten beiden Jahren stagniert. Im Heimatland seines Vaters ist er auf der US-Tour des FC Bayern München nicht nur ein gefragter Gesprächspartner - er will sich auch für höhere Aufgaben empfehlen. Carlo Ancelotti stellt ihm eine wichtige Rolle in Aussicht. Dabei könnte ihm eine besondere Qualität zugute kommen.

Niemand verliert gerne. Erst recht kein Spieler des FC Bayern. Natürlich gibt es Spiele, in denen man noch weniger gerne verliert als in dem sportlich bedeutungslosen Vorbereitungskick gegen den AC Milan beim Audi Football Summit in Chicago (6:8 n.E.).

Trotzdem wirkten die Spieler nach der Partie in der Mixed Zone nicht wirklich motiviert, sich den Fragen der Journalisten zu stellen. Sicherlich kommt dabei noch hinzu, dass das Elfmeterschießen niemand so wirklich gebraucht hätte und alle schnell im Bus verschwinden wollten, der sie zurück ins Teamhotel fuhr.

Eine Mischung aus beidem sorgte dafür, dass die Bayern-Spieler am Mittwochabend (Ortszeit) nicht wirklich auskunftsfreudig waren, nur wenige hielten überhaupt an.

Lahm? Wir wollen Green!

Und dann spielte sich eine ungewöhnliche, nicht gerade alltägliche Situation ab: Kapitän Philipp Lahm ging die lange Mixed Zone entlang, kaum ein Journalist bat ihn, sich zu äußern. Warum? Weil hinter ihm Julian Green ging. Zig Diktiergeräte und Smartphones wurden gezückt und ihm entgegengestreckt.

Green ist in diesen Tagen gefragt wie nie zuvor bei den Bayern. Die US-amerikanischen Journalisten wollen alle möglichst ausführlich mit dem Nationalspieler, der seit seinem Tor bei der WM 2014 in aller Soccer-Munde ist, sprechen und ihn nach seinen Gefühlen während des Spiels fragen.

"Natürlich war es für mich aufregend, mit Bayern hier in den USA zu spielen", sagte Green nach der Niederlage gegen Milan: "Mein Vater lebt hier und ich spiele in der US-Nationalmannschaft. Deswegen war es für mich kein normales Spiel. Außerdem ist das hier ein großartiges Stadion." Trotzdem gab der 21-Jährige zu, "ein bisschen geknickt" zu sein, dass man nicht gewonnen habe.

Das Ergebnis spielt für das einstige Megatalent jedoch eine untergeordnete Rolle. Vielmehr will er sich im Laufe der Tour seinem neuen Trainer Carlo Ancelotti anbieten: "In der Saisonvorbereitung geht es nicht um Resultate. Da geht es vor allem darum, dass man hart arbeitet. Und das tue ich. Ich haue mich rein, bin heute viel gelaufen und deswegen bin ich mit meiner Leistung zufrieden", zog Green sein persönliches Fazit.

Ancelotti: "...dann wird er ein ganz wichtiger Spieler"

Dass sich Green den Allerwertesten aufreißt, um sich endlich beim "Verein seines Herzens" durchzusetzen, ist auch an Ancelotti nicht vorbeigegangen. Bei der Pressekonferenz am Dienstag hatte er ihn lobend erwähnt: "In den Spielen hat er sich bisher gut präsentiert und er arbeitet hart. Wenn er weitermacht und sich weiter verbessert, dann wird er in dieser Saison noch ein ganz wichtiger Spieler für uns."

Nun ist Ancelotti noch nicht so lange im Amt, dass man seine Aussagen so genau interpretieren könnte. Das Attribut "super, super" hat er Green zwar nicht verliehen, es liegt jedoch nahe, dass dem Italiener erst einmal dran gelegen ist, mit seinen Aussagen jedem Spieler den Rücken zu stärken.

Sowieso ist der Mister ja für seine Menschenführung bekannt und dafür, dass keiner seiner Ex-Spieler je ein schlechtes Wort über ihn verliert. Wie viel echte Überzeugung hinter der Aussage steht, Green könne in dieser Saison in eine wichtige Rolle wachsen, sei mal dahingestellt.

Zwei Faktoren sprechen für Green

Fakt ist aber, dass zumindest zwei Faktoren dafür sprechen könnten, dass der 21-Jährige nach zwei enttäuschenden Saisons (insgesamt nur sechs Pflichtspiele für den Hamburger SV und die Bayern) auf seine Einsätze kommen wird.

Zum einen ist die Personaldecke in der Offensive nach dem Abgang von Mario Götze zu Borussia Dortmund und der Verletzung von Arjen Robben nicht allzu dick - zumal Douglas Costa derzeit ebenfalls noch fehlt und Franck Ribery traditionsgemäß verletzungsanfällig ist.

Darüber hinaus hat Green keine festgefahrene Position im Offensivspiel. Beim Test gegen den AC Milan spielte der US-Boy als Mittelstürmer. Angesprochen auf seine Präferenz, gab sich Green nach dem Spiel diplomatisch: "Ich habe immer gesagt, ich kann als Stoßstürmer spielen oder auf den Flügeln, links oder rechts. Mir ist das eigentlich egal."

Die andere Seite der Medaille

Also warum nicht endlich durchstarten? Die andere Seite der Medaille ist, dass Green bislang in der Vorbereitung zwar ordentlich spielte, besonders in der Partie gegen die Rossoneri im Offensivgebilde aber doch merklich abfiel.

Außerdem scheint Ancelotti für den Fall, dass es auf den Außenpositionen eng werden könnte, andere Optionen zu testen: Gegen Milan spielten Philipp Lahm und David Alaba auf den offensiven Flügeln. Sollte Robert Lewandowski im Sturmzentrum ausfallen, ist es wahrscheinlicher, dass Thomas Müller oder Franck Ribery auf die Neun rücken.

Derzeit profitiert Green davon, dass die Bayern nur mit einem Rumpfkader durch die USA reisen. Wenn die EM-Fahrer erst einmal wieder dabei sind, werden selbst in den Testspielen die Einsatzzeiten vermutlich wieder sinken.

Keine optimalen Voraussetzungen

So schön man es sich auch reden kann, optimal sind die Voraussetzungen für einen Durchbruch auch in dieser Saison nicht. Eine Option schließt Green für sich selbst jedenfalls aus: "Abgemacht haben wir bisher noch nichts, in der zweiten Mannschaft möchte ich aber nicht mehr spielen", sagte er in den vergangenen Tagen zur tz.

Bedeutet das viel Frust und Freizeit? Oder ist die Aussicht der wichtigen Rolle doch gar nicht so unrealistisch? Die kommende Saison wird für Green jedenfalls richtungsweisend, im Sommer 2017 läuft sein Vertrag bei den Bayern aus.

Ob er danach das Trikot seines Herzensklubs noch tragen wird, ist ungewiss. Noch darf er es jedoch tragen. Und solange er das tut, muss er sich zumindest an ein unangenehmes Gefühl nicht gewöhnen, das niemand gerne hat: zu verlieren.

Julian Green im Steckbrief

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